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Wie viele letzte Exorzismen verträgt das Kino?

Der letzte Exorzismus 2
© StudioCanal
Der letzte Exorzismus 2

Dass Der letzte Exorzismus nicht der letzte Exorzismus war, versteht sich womöglich von selbst. Seit 1973, also seit Der Exorzist, sind Filme über Dämonen- und Teufelsaustreibungen eben schlicht ein integraler Bestandteil des Horrorkinos. Im Gegensatz zu dessen herkömmlichen Wellen an Mitreitern von Epigonen, Variationen und Cash-Ins ist die Hartnäckigkeit des Exorzisten-Themas jedoch beachtlich. Seit Jahrzehnten, kontinuierlich, ohne Unterlass. Ähnlich wie etwa die zahllosen Nachahmer des zweiten großen zeitgenössischen Genre-Kassenschlagers, Der weiße Hai von Steven Spielberg, behaupten sich auch die Ripoffs des Exorzisten seither geradezu unbeirrbar auf dem Horrormarkt. Und das, erstaunlicherweise, ohne jedes Sanierungsbedürfnis: Noch heute orientieren sie sich am Erfolgschema des zweifelhaften Klassikers von William Friedkin, der dem Horrorkino einst seine Wildheit auszutreiben versuchte.

Dem Teufelstrend anpassen
Rückblickend mögen die besonders fixen Nachzügler einem dabei heute vielleicht sogar originell erscheinen. Unter den vielen, vielen Unternehmungen, am Erfolg von Der Exorzist teilhaben zu können, entstanden bereits in den Folgejahren verschiedenste Ripoffs – von einer Blacksploitation-Version über türkische, spanische und sogar deutsche Versionen (Magdalena – vom Teufel besessen) bis hin zu konsequenten Parodien und Klamotten. Die italienischen Repliken übten sich dabei immerhin in freimütiger Grobschlächtigkeit oder auch debiler Fabulierlust: Der Antichrist und Vom Satan gezeugt (beide 1974) imitierten das Friedkin-Vorbild beinahe herrlich unverschämt, gegen letzteren ging das Studio Warner Bros. seinerzeit auch gerichtlich vor. Auf den Exorzismuszug mussten gar Filme aufspringen, die ursprünglich in eine vollkommen andere Richtung verliefen. Mario Bava’s – Lisa und der Teufel wurde um zusätzliche Szenen samt Priester und einer besessenen Elke Sommer erweitert, um zwei Jahre später neu veröffentlicht und dem Teufelstrend entsprechend angepasst werden zu können.

Immer dicht am Vorbild bleiben
Das Erstaunliche: Insbesondere die Exorzismus-Filme der jüngeren Zeit – Der Fluch der Betsy Bell, Der Exorzismus der Emma Evans, The Rite – Das Ritual, When the Lights Went Out, Besessen – Der Teufel in mir, Possession – Das Dunkle in dir und so weiter und so fort – vertrauen noch immer ganz der Ästhetik des Friedkin-Originals. Sie alle bemühen dessen ewig gleiche Schreckensbilder von spektakulär verrenkten Gliedmaßen, verbaler Vulgarität und dem großen finalen Getöse, in dem der eigentliche Exorzismus als genregerechtes, effektvolles Ritual zelebriert werden muss. Selbst zaghafte Versuche, das große stilbildende Vorbild zumindest in Ansätzen zu modifizieren, mussten sich dessen Vorgaben fügen. Der Exorzismus von Emily Rose etwa gab seine betont geerdete Bearbeitung des Stoffes (als Gerichtsdrama versus Horrorschocker) schlussendlich auch nur wieder für die visuellen Klischees des Subgenres auf. Lediglich Requiem von Hans-Christian Schmid kann als interessante filmische Abwandlung des Themas bestehen.

Found Footage Dämonen
Wenn das Publikum also offenbar immer und immer wieder die halsverdrehte Linda Blair möchte, dann soll es sie auch bekommen. Dass die beiden profitabelsten Exorzismus-Filme neueren Datums ausgerechnet im leidigen Found-Footage-Format daherkamen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Sowohl Devil Inside – Keine Seele ist sicher als auch eben Der letzte Exorzismus speisten sich nicht nur einmal mehr aus den hinlänglichen bekannten Zutaten des Stoffes, sondern kosteten auch nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ripoffs (deutlich unter 2 Millionen US-Dollar). Zumindest letztgenannter, produziert von Eli Roth, nutzte den abgegriffenen Stil immerhin eine halbe Lauflänge hinweg mit ironischem Gestus: Der vermeintliche Exorzist brach den Priester-Typus des Genres augenzwinkernd, während die Besessenheit im Film lange Zeit einem Irrtum glich.

Wie viele letzte Exorzismen verträgt das Kino?
Doch auch solche Versuche, dem Thema einen neuen Dreh zu geben, müssen vor den Erwartungen, die an solche Filme gestellt werden (oder die sie an sich selbst stellen?), kapitulieren. Auf den letzten Metern bestätigte auch Der letzte Exorzismus erneut den (ungebrochenen) Konservatismus des 1973er-Vorbildes – und Gesetz den Konventionen des Found-Footage-Kinos präsentierte er sogar noch das Schlussbild einer auf den Boden fallenden Kamera, wie es seit Blair Witch Project doch nun wirklich kein Zuschauer mehr für voll nehmen kann. Die Fortsetzung dieses Films wirft deshalb gleich in mehrfacher Hinsicht die Frage auf, wie viele (letzte) Exorzismen Kino und Publikum eigentlich noch verkraften mögen. Der letzte Exorzismus: The Next Chapter droht seine Titellüge zwar nicht durch weitere Nummerierungen fortzusetzen (das US-Einspielergebnis enttäuschte auf ganzer Linie), doch die nächsten Galle spuckenden Mädchen mit ihren Körperverrenkungen und Akrobatiken an Zimmerdecken kommen garantiert. Ein Genre, besessen vom eigenen Irrtum.

Der letzte Exorzismus 2, ursprünglich mit dem sagenhaften Zusatztitel „The Beginning of the End“ versehen, läuft ab 6. Juni in den deutschen Kinos.

Als Mr. Vincent Vega polemisiert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft, auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Konsens. Denn “interessant ist lediglich Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider.” (Christian Kracht). Wenn er nicht gerade auf Moviepilot seine Film-Ecke pflegt, bloggt Rajko unter anderem für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond.

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