Mr. Vincent Vega eckt an

2012 – Das Kinojahr der trübseligen Actionfilme

Miss Bala
© 20th Century Fox
Miss Bala

Es gibt einen Moment im morgen in den deutschen Kinos anlaufenden Miss Bala, der so atemberaubend ist wie nur wenig anderes im Kinojahr 2012. Die Titelfigur quält sich durch ein Feuergefecht, entlang an von Kugeln durchsiebten Karosserien, mitten durch eine Zone des Todes. Die mexikanische Schönheitskönigin selbst ist am Schusswechsel nicht beteiligt, indes aber die Drogenhändler, deren Fängen sich die hilflose junge Frau nicht entziehen kann. Der fast teilnahmslose Kampf durch den Kugelhagel bebildert in einem einzigen Take nicht nur eindrucksvoll die Ausweglosigkeit der in korrupte Geschäfte verfangenen Miss Bala, sondern gehört gerade seiner Zurückgenommenheit und Passivität wegen zu den großen Actionmomenten des Jahres. In der unaufgeregten Inszenierung klassischer Actionmotive, vom Shoot-Out bis zur Verfolgungsjagd, entwickelt Miss Bala ein spektakuläres Soggefühl. Action als meditativ-melodramatisches Spannungsmoment.

Ein vergleichbares Gefühl, auch nicht im umgekehrten Sinne, vermittelte dieses Jahr kein anderer Actionfilm im Kino. Nach dem rauschhaften, Aktionssituationen einmal ganz anders verstehenden Erlebnis von Miss Bala stellte sich mir die Frage, was das Actionkino 2012 eigentlich überhaupt zu vermitteln hat. Ob nicht die ermüdenden Comic- oder Spielzeug-Spektakel und ihre ungreifbare Digitalwulst, die einfallslosen Middle-of-the-Road-Actioner mit ihrer fahrplanmäßigen Zusammenstellung von Herkömmlichkeiten oder auch das sowieso nur als ironisches Zitat auftretende Muskelkörperkino der zweitgeborenen 80er-Jahre-Actionhelden zurecht den Wunsch nach einem alternativen Actionfilm wecken. Nach einem Actionfilm, der das Genre wie Miss Bala einmal ganz anders versteht. Oder der zu den klaren Prämissen des Actionfilms zurückkehrt, in denen eine einfache, aus- und zu Ende gedachte Idee frei von Schnörkeln über die Runden gebracht wird. So nämlich ist der ebenfalls morgen startende Premium Rush das aktuell zweite rare Beispiel eines originellen Actionfilms, der einen ganz eigenen Genreansatz vorstellt. Was Filmkritiker so gern (und auch so fürchterlich abgedroschen) als Bewegungskino bezeichnen, verlagert Premium Rush auf zwei Räder: Eine mit beispiellosem Tempo inszenierte 90minütige Fahrradhatz, in der Joseph Gordon-Levitt als schlaksiger Briefkurier eine erfrischend abwegig gedachte Heldenfigur macht.

Beim Blick auf die anderen Actionfilme des Kinojahres offenbart sich hingegen weite Öde. Aus der absoluten Dreifaltigkeit des Schreckens – Michael Bay, Louis Leterrier und McG – meldete sich 2012 lediglich letzterer zu Wort, doch die hochnotpeinliche Action-Klamotte Das gibt Ärger wollte glücklicherweise ohnehin niemand sehen. Sehen wollte das Publikum hingegen leider das unnötigste Franchise-Anhängsel seit der Erfindung von Franchise-Anhängseln: In Das Bourne Vermächtnis suchte Jeremy Renner, der uninteressanteste und konturenloseste aller neuen Actionstars, nach einer Wunderpille und wuselte sich dabei durch kläglich die Virtuosität von Paul Greengrass nachäffende Actionszenen auf Popelniveau. Eine Totgeburt von einem Film, gegen die sich der irritierende Selbstparodiehumor von The Expendables 2 wie Balsam ausnahm. Die Fortsetzung der Actionhelden-Reunion jedoch verdeutlichte ihrerseits, dass auch das High-Profile-Mucki-Kino der Golden-Age-Ikonen um Sylvester Stallone nur noch als (nostalgischer) Witz über sich selbst taugt. Da scheinen sich die gleichfalls ironischen Actionfilme aus der EuropaCorp-Produktionsschmiede von Luc Besson einen angenehmeren Humor leisten zu können, würde einem nett-doofen Lockout nicht sogleich ein fassungslos machend schlecht inszenierter 96 Hours – Taken 2 folgen.

Der traurige Tiefpunkt des diesjährigen Actionkinos wurde auf der Berlinale im Februar bezeichnenderweise glückselig beklatscht. Haywire, in seiner synthetischen, unterkühlten Stil-Verliebtheit absolut unerträglich, schaut sich wie der qualvolle Versuch eines intellektuellen Actionfilms. Eine die Kamera und vor allem das Herz auf Distanz haltende Stimmungsanordnung, mit der Steven Soderbergh sich endgültig auf die Pole-Position der besonders nervtötenden Hollywood-Autorenfilmer klugscheißerte. Einem so unsinnlich vor sich her langweilenden Anti-Actionfilm kann nur der indonesisch-amerikanische Kracher The Raid beikommen, den Koch Media im Sommer glücklicherweise und sogar mit Erfolg in die deutschen Kinos katapultierte. Das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, gerade die von den Exegeten fast schon manisch gefeierten Actionfilme eines Isaac Florentine oder John Hyams etwa finden hierzulande nie den Weg ins reguläre Programm der Lichtspielhäuser, von Filmen der Hongkong-Ultrakünstler Johnnie To oder Dante Lam gar nicht zu sprechen. The Raid fährt Martial-Arts-Zweikämpfe auf, die in ihrer ultrabrutalen und aufs Komplexeste durchchoreographierten Form vielleicht wirklich ihresgleichen suchen. Ein nicht gerade origineller und auch leicht redundanter, aber dennoch beeindruckender Film, der das Action-Kinojahr zumindest kurzzeitig in die Höhe schießen ließ.

Gewiss, das alles könnte sich schon am 1. November ändern, wenn James Bond 007 – Skyfall hoffentlich den schlimm verhunzten James Bond 007 – Ein Quantum Trost wettmacht. Und so ernüchternd das Wiedersehen mit den Expendables auch war – die nächsten Kinofilme mit Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger lassen das Höschen ja doch wieder ein wenig feucht werden. Für Shootout – Keine Gnade kehrt schließlich immerhin Walter Hill nach zehnjähriger Kinoabstinenz auf die große Leinwand zurück, während Jee-woon Kim mit seinem US-Debüt The Last Stand vielleicht seinen ersten halbwegs anständigen Film vorlegt. Immer optimistisch bleiben, bis zum nächsten Rambazamba.

Und eure bisherigen Action-Favoriten des Jahres?

Als Mr. Vincent Vega polemisiert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft, immer auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Konsens. Denn “interessant ist lediglich Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider.” (Christian Kracht). Wenn er nicht gerade auf Moviepilot aneckt, bloggt Rajko für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond.

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