Die besten Filme 2019 - Mit Netflix und ohne Marvel

Brad Pitt in Ad Astra
© Disney
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Meint es gut mit den Menschen.

Der Trübsinn des jüngeren Blockbuster-Kinos war das bestimmende Thema meiner Jahreslisten der zurückliegenden Dekade. Während also die Auswahl der schlechtesten Filme 2019 erneut von Franchise- und Tentpole-Produktionen dominiert wurde, fehlt es der Top 10 dahingehend an Hoffnungsschimmern.

Natürlich muss nicht jeden Sommer ein 150 Millionen Dollar teures Meisterwerk wie Mad Max: Fury Road erscheinen, mir würde jedes zweite oder dritte Jahr völlig reichen. Kämen auf 100 Disney-Filme über Sternenkriege, Superhelden und sprechende Tiere zwei bis drei ansehnliche Blockbuster der Konkurrenz, wäre ich bereits zufrieden.

Auf vielen Jahreslisten zeigt sich daher auch eine Verschiebung der Distributionswege, in meinem Fall durch zwei Netflix-Titel und jeweils eine DVD- und TV-Premiere. Fast die Hälfte der Filme, die mich 2019 am meisten begeisterten, war nicht oder jedenfalls nicht primär im Kino zu sehen. Tendenz steigend.

Nachfolgend meine Top 10 der besten Filme 2019:

Platz 10: Vox Lux

Natalie Portman spielt einen arroganten und egomanischen Popstar, was sie sehr gut kann. Es hat den Anschein, als würden viele ihrer älteren Rollen abgerufen, zusammengemischt und dann potenziert: Black Swan, Padmé Amidala und Jackie Kennedy. Hybris, Schönheit und Willensstärke.

Vox Lux ist ziemlich prätentiös. Im Original trägt er den bescheidenen Untertitel "A 21st-century portrait", eine reine Chuzpe. Kommentiert wird das Geschehen von Willem Dafoe, sein Voice-Over schwankt zwischen Ironie und blankem Zynismus. Eigentlich ist es kaum auszuhalten.

Und doch braucht es den Kommentar wie es auch manche formale Selbstgefälligkeit braucht. Die schonungslose Art, in der Vox Lux ein nationales als persönliches Trauma erzählt, von Popmusik als Wundenkittung und Überleben als Performance, macht ihn tatsächlich zum angemessenen Film über das 21. Jahrhundert.

Platz 9: Systemsprenger

Es gibt ein paar Momente, in denen Systemsprenger knapp am Fördermittelkino deutschen Zuschnitts vorbeischrammt. In denen er also ein Problemfilm über ein Problemkind zu werden droht, der mit sozialpädagogischer Relevanz statt ästhetischer Qualität überzeugen möchte.

Dieser Kipppunkte scheint Regisseurin Nora Fingscheidt sich allerdings bewusst, Anflüge von Thesenhaftigkeit zerschlägt sie energisch. Ihr Film ist grandios, wenn die Figuren einfach machen dürfen, wenn das nicht zu bändigende Mädchen und deren schmerzlich empathischer Antiaggressionstrainer an der Welt verzweifeln.

Wut, Entladung, Wut. Und mehr noch als beispiellose Tobsuchtsanfälle bringen Augenblicke der Zuneigung das Kino zum Beben - insbesondere die kräftezerrenden Abschiedsgesten von Albrecht Schuch, dem besten deutschen Schauspieler des Jahres.

Platz 8: Gräber ohne Namen

Ein weiteres Mal erkundet der kambodschanische Regisseur Rithy Panh, Überlebender des Regimes von Pol Pot und der Roten Khmer, die "Landschaft eines Verbrechens" - vom gewaltsamen Agrarkommunismus gezeichnete Orte, an denen Millionen Menschen sterben mussten.

Künstlichkeit scheut Panh in der Erinnerung dieser Gräueltaten nicht. Um ein Erleben begreiflich zu machen, dessen Spuren mehr und mehr verwischen, sucht er die Verfremdung. So werden in der Arte-Koproduktion Gräber ohne Namen Familienfotos zu Miniaturen angerichtet und Propagandaszenen auf eine Leinwand im Grünen projiziert.

Als spezifische Form der Trauererzählung ermöglicht Panhs Impressionismus eine besondere Anteilnahme, dessen Intimität durchaus unangenehm werden kann. Seine Filme sind geprägt von tiefer Empfindsamkeit, so radikal subjektiv wie poetisch. Und immer sind sie lohnenswerte Erfahrungen.

Platz 7: Leid und Herrlichkeit

Ein Junge erblickt einen nackten Mann und fällt in Ohnmacht, so einleuchtend können Kinoszenen über sexuelles Erwachen sein. Vor 45 Jahren begann Pedro Almodóvar mit dem Filmemachen. Und 45 Jahre brauchte es wohl, um die eigenen Ängste und Macken derart zu präzisieren.

In den Hauptrollen zwei Schauspieler, die Almodóvar zu Stars machte: Antonio Banderas als Alter Ego des Regisseurs, Penélope Cruz als dessen Mutter. Wehmut auf der einen, Selbstanalyse auf der anderen Seite. Und mittendrin Rausch und Sex und Leid und Herrlichkeit.

Sind das Pedro Almodóvars Kinomemoiren? "Nein, ja, auf jeden Fall" - so lässt er sich tatsächlich im Trailer zitieren. Viel Autobiographisches steckt drin, viel Wunschdenken bestimmt auch. Das Leben, ein Film. Manchmal ist es wahr.

Platz 6: Zwischen den Zeilen

Ein Autofiktions- und Selbstzerfleischungswerk hat auch Olivier Assayas gedreht. Zwischen den Zeilen ist gewissermaßen die heterosexuelle Variante von Leid und Herrlichkeit. Oder zumindest dessen Vorstufe, angesiedelt im weniger aufrichtigen Krisenbereich mittleren Alters.

Es diskutieren Literaten und Literaturverleger und Literatenfrauen und - juchhu - Juliette Binoche über Bücher und Bücherverlegung und Liebe, immer wieder Liebe. Wobei hinter der scheinbaren Leichtigkeit des Films und seines diskursiven Dauergeplappers zunehmend schwere Unsicherheiten zutage treten.

Assayas setzt das bildungsbürgerliche Milieu ohne Spott, aber mit Willen zur amüsanten Entblößung in Szene. Wenn der Redefluss der Figuren doch mal stockt, irgendwann noch das Simpelste nicht länger verbal sich komplizieren lässt, werden einfach Kinder gemacht.

Platz 5: Ad Astra - Zu den Sternen

In Sachen Weltraumerkundung bildete Ad Astra - Zu den Sternen dieses Jahr eine schöne Ergänzung zu Apollo 11. Denn anders als die dokumentarische Rekonstruktion der ersten Mondlandung folgt Regisseur James Gray jener Traditionslinie des Genres, nach der Menschen ins All reisen müssen, um sich selbst zu finden.

Bis an die Grenzen unseres Sonnensystems führt der Film, über Mond und Mars zu Neptun. Erzählt wird eine Vater-Sohn-Geschichte von verblüffender Einfachheit, so behutsam getaktet, dass am Ende auch der außergewöhnlich stabile Ruhepuls des Helden in höchste Höhen schießen muss.

Seit jeher ist Brad Pitt dem Underacting zugeneigt, ein Schauspieler, der Offenheit voraussetzt statt nur erträgt. Vielleicht hat bisher kein Film die daraus resultierende Lust einer Rollenfindung im doppelten Sinne effektiver einzusetzen gewusst als das tollste kosmische Erlebnis seit Gravity.

Platz 4: The Irishman

Kaum zu glauben, dass der großartige Schlussteil des Films, der Jimmy Hoffas Schicksal zur atemberaubenden Suspense-Lehrstunde macht, nicht einmal dessen tatsächlicher Höhepunkt ist - und The Irishman erst im fatalistischen Epilog völlig über sich hinauswächst.

Wo dem Töten das Dahinsiechen folgt, endet der ewige Auftragskiller als ein von allen Freuden der Existenz (und besonders seiner Tochter, der vielleicht besten Figur des Filmjahres) abgeschnittener Pflegefall. Lediglich durch einen kleinen Türspalt hindurch tritt dieser Mann noch in Kontakt mit dem Leben.

The Irishman gelingt etwas, das anderen Gangstergeschichten von Martin Scorsese nicht oder nur teilweise gelang, nämlich eine Erzählung, der keine Virtuosität im Weg steht. Allein Netflix wollte dieses dreieinhalb Stunden lange Vergänglichkeitsepos finanzieren. Das ist ein filmpolitisches Statement.

Platz 3: American Factory

Über den chinesischen Imperialismus werden derzeit kaum Dokumentar- und Spielfilme produziert, schon gar nicht von Hollywoodstudios, deren Abhängigkeiten zur Volksrepublik längst Teil einer Kinoproduktion sind, die Selbstzensur und andere Unterwürfigkeiten ästhetisch verankert hat.

Umso bemerkenswerter ist American Factory, in dem sich Vertreter eines chinesischen Konzerns für Glasherstellung beim Aufbau ihrer ersten US-Produktionsstätte von Kameras begleiten lassen. Der Film zeigt sowohl die Bemühungen amerikanischer Mitarbeiter um eine zu gründende Gewerkschaft als auch deren Abwendungsversuche durch das Unternehmen.

Weil den Offiziellen schließlich dünkt, dass ihre Belegschaft nicht zu Disziplin und Dauerverfügbarkeit erzogen wurde, laden sie ausgewählte Arbeiter nach China ein. In der dortigen Fabrik treffen sie Kollegen, die täglich 12 Stunden ohne Schutzkleidung ackern, nicht miteinander reden dürfen und ein bis zwei Tage im Monat freihaben.

Tief beeindruckt vom Dargebotenen, formen die US-Delegierten auf der Firmenparty eine Polonaise und tanzen zu YMCA durch den Saal - was längst nicht der absurdeste Teil dieses fassungslos machenden Films ist, der ebenfalls bei Netflix gesehen werden kann.

Platz 2: Dragged Across Concrete

In seiner hierzulande wieder nur als Heimkinopremiere veröffentlichten dritten Regiearbeit setzt S. Craig Zahler zwei korrupte Polizisten auf eine Gruppe von Bankräubern an. Die Cops, dargestellt von Mel Gibson und Vince Vaughn, mussten ihre Marken wegen Fehlverhaltens abgeben. Schuld jedoch sei die angebliche politische Korrektheit unserer Zeit.

Zwei vorbelastete Schauspieler spielen zwei problematische Männer, darauf sind gewisse Teile der Filmkritik freilich angesprungen. Unbeachtet blieben die Ambivalenzen und gezielt falschen Fährten von Dragged Across Concrete, etwa jene schwarze Schlüsselfigur, die hier Rassisten am eigenen Gedankendreck ersticken lässt.

Moralismus ist S. Craig Zahler glücklicherweise fremd. Er vertraut einerseits der Intelligenz des Publikums. Und besitzt andererseits, was in Erwachsenenfilmen so selten geworden ist wie Erwachsenenfilme selbst, einen außerordentlich hintersinnigen Humor. Niemand macht derzeit besseres Genrekino.

Platz 1: Porträt einer jungen Frau in Flammen

Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts, die sich entwickelnde Liebe zweier Frauen als Geschichte einer Porträtanfertigung. Heimlich zunächst wird dieses Porträt entworfen, aus dem Gedächtnis heraus, mit Vorsicht und verstohlenen Blicken, bevor Funken buchstäblich sprühen und Gefühle direkt ins Herz treffen.

Gegen den künstlerischen Auftrag zur Zwangsvermählung setzt Regisseurin Céline Sciamma ergreifende Bilder des Begehrens. Und auch eine Abtreibung der Hausangestellten wird zu Papier gebracht, weil der Film, darin ebenfalls zart, die gesellschaftlichen Bedingungen all seiner liebenden Figuren mitdenkt.

Porträt einer jungen Frau in Flammen ist großes Kino, das Konventionen zugleich als Lebenslast wie Aneignungsmöglichkeit begreift. Zeichnungen werden zu Instrumenten haltbar gemachter Nähe, in den meisterlichen Schlussszenen des Films gar zur Verständigung über alle Widrigkeiten hinweg.

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