Die X-Men sind viel zu gut fürs Marvel Cinematic Universe

Die X-Men werden von Marvel Cinematic Universe verschluckt
© Disney/20th Century Fox
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Erinnert ihr euch noch an die frühen 2000er? Damals, als Comicverfilmungen noch nicht das Kino dominierten, sondern erst im Begriff waren, eine neue Identität auf der großen Leinwand zu entwickeln. Da wäre etwa der blutrünstige Blade, der sich schon vor der Jahrtausendwende als moderner Superheld positionierte, während Spider-Man und Hulk die bunten Panels beliebter Comics in Bewegung versetzten. Vor allem aber waren da die X-Men, die es noch vor der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft zur Film-Trilogie brachten und als maßgebliche Wegbereiter der nachfolgenden Superhelden-Booms dienten, der bis heute ahält. Jetzt werden sie vom Marvel Cinematic Universe verschluckt.

Die X-Men als Vorreiter des Marvel Cinematic Universe

Fast zwei Dekaden lang konnten das X-Men-Franchise unter dem Dach von Fox wachsen und gedeihen, auch in einer Zeit, in der nur wenige an die Profitabilität von Superhelden an den Kinokassen glaubten. Ähnlich wie Spider-Man gelang den ersten X-Men-Filmen bravourös, die Marvel-Marke als Blockbuster-Event zu etablieren und sich dabei sowohl auf die Stärken der Comics als auch die Möglichkeiten des Kinos zu verlassen, das durch computergenerierte Effekte noch einmal grenzenloser wurde. Durch die Integration aufwühlender Themen und spannender Genres deckten die X-Men-Film gleich mehrere Zielgruppen ab und vermochten es, ihre Geschichten mitsamt der Figuren auf verschiedenen Ebenen zu entfalten.

Wo eben noch kostümierte Helden für Gerechtigkeit kämpften, offenbart sich auf den nächsten Blick ein tragischer Dialog über Außenseiter in der Gesellschaft, die sich gegen diese wehrt. Der erste X-Men-Film schreckte nicht vor historischen Bezügen zurück und entwarf ein Bild des Superheldenskinos, das beides sein konnte: unterhaltsames Spektakel und berührendes Drama. Noch mehr als Sam Raimis Spider-Man-Trilogie verstanden sich die X-Men-Filme als Pioniere darin, die Grenzen der Gattung und besonders des Franchise auszutesten. Erfolge und Niederlage lassen sich in den vergangenen Jahren zur gleichen Zahl entdecken, doch die Risikobereitschaft, die sich im MCU inzwischen überaus rar macht, haben die Mutanten nie vergessen.

Eigentlich ist es heutzutage unvorstellbar, dass Hugh Jacksmans Wolverine über einen Zeitraum von acht Jahren drei Mal die Chance bekam, ein ordentliches Spin-off auf die Beine zu stellen. Wobei jeder Versuch in eine andere Richtung driftete. Damit förderte das X-Men-Franchise nicht nur das Shared Universe-Konzept, dem aktuell jeder Hollywood-Produzenten hinterherjagt, sondern bewies gleichzeitig, wie lebendig und wie aufregend dieses sein kann. Logan - The Wolverine, ein Endzeit-Western mit R-Rating, dürfte wohl der größte Triumph in dieser Reihe von Wagnissen sein, während der freche Deadpool dem Franchise eine überaus zukunftsträchtige Facette hinzufügte.

Die X-Men als gesundes, sich selbst erneuerndes Franchise

Beide Ableger demonstrierten außerdem die Strapazierfähigkeit der Kontinuität eines geteilten Filmuniversums. Wozu sich DC nach seinen scheiterten Justice League-Plänen erst wieder durchringen musste, war im X-Men-Universum nie ein Problem. Fließend sind die Grenzen zwischen den Filmen, die direkt zusammenhängen, und jenen, die sich gegenseitig im Windschatten des anderen ergänzen und überholen.

Die Hauptreihe hat sich derweil selbst einem großen Reboot unterzogen, das bis heute zu einer der faszinierenden Franchise-Operationen gehört. Eingeleitet als Prequel mit X-Men: Erste Entscheidung vollbrachte X-Men: Zukunft ist Vergangenheit das waghalsgie Kunststück, zwei Generationen an X-Men in einem Film zusammenzuführen und im gleichen Atemzug einen anderen für obsolet erklärte. Ein herrliches Chaos - und dennoch hat die DNA der Filme selbst die verrücktesten Entwicklungen überstanden, was deutlich für die Reihe spricht. Wo das MCU spätestens seit dem Ende von Phase 1 nur noch auf Autopilot fliegt, erfindet sich das X-Men-Universum beständig neu und verblüfft mit seinem Ideenreichtum - zumindest bis an diesen Punkt.

Nach den Freiheitsschlägen Logan und Deadpool sieht es so aus, als würde das X-Men-Franchise die nächste Zeitenwende nicht mehr überleben. Während sich mit Dark Phoenix sehr wahrscheinlich die zweite X-Men-Generation verabschieden wird, kämpfen die New Mutants seit Monaten verbittert um ihren Platz im Kino, obwohl sie eigentlich schon letztes Jahr das Tor in eine neue Welt aufschlagen sollten. Dabei herrschte dank X-Force, Gambit und Co. zuletzt eine große Aufbruchsstimmung in den Reihen der Mutanten, die nun an der härtesten Niederlage, die das X-Men-Franchise bisher einstecken musste, zu zerbrechen droht. Auf den größten Triumph folgt die größte Krise.

Ohne die X-Men ist die Superheldenlandschaft deutlich kleiner

Dann steht da Kevin Feige und wartet darauf, die Überreste des bröckelnden Franchise einzusammeln. Wo die Machtverhältnisse der Filmlandschaft durch den Disney-Fox-Merger erschüttert werden, verändert sich auch das Superheldenkino. In Zukunft wird es nur noch das MCU und das DC-Universum geben, während die einst unabhängige Konstante X-Men nach und nach in die Reihen von Disney übergeht, ähnlich wie es bereits mit Sonys Live-Action-Spider-Man geschehen ist. Die dritte Partei fehlt dann komplett. Lediglich Venom, Morbius und Co. könnten die entstehende Lücke für sich beanspruchen. Fraglich ist zum jetzigen Zeitpunkt aber, ob sie wirklich einen würdigen Ersatz für die abwechslungsreiche X-Men-Filme darstellen.

Was den X-Men widerfahren könnte, hat Spider-Man: Homecoming vorgemacht. Auf der einen Seite belebte das MCU den populären Superhelden überaus zielsicher, nachdem das vorherige Reboot mit Andrew Garfield nicht die gewünschten Früchte trug. Auf der anderen Seite entbehrt Tom Hollands junger Spider-Man jeglicher Identität und ist er nur noch ein kleines Zahnrad in der großen MCU-Maschinerie, der sein erstes Abenteuer unter der Aufsicht von Franchise-Vater Iron Man und im angepassten House Style beschreiten musste. Dagegen sind selbst Marc Webbs Filme mit mehr Eigensinn und Leben gefüllt, von der Energie, die Sam Raimis-Trilogie durchströmt ganz zu schweigen.

Es wäre überaus tragisch, wenn auch die X-Men ein solches Schicksal widerfahrt, gerade nachdem Hugh Jackmans Abschiedsvorstellung als Wolverine zum ersten Mal seit langer Zeit für Gewicht in einem Superheldenkino sorgte, das sich momentan alles daran setzt, um sich jeglicher Konsequenz zu entziehen. Das wagemutigste Superhelden-Franchise wird vom MCU verschluckt und droht, all die Ecken und Kannten zu verlieren, die es über den Verlauf von fast 20 Jahren so unwiderstehlich gemacht hat. Sicherlich hat Kevin Feige schon einen ausgefeilten Plan, wie er den X-Men in kommenden Phasen den Einstieg ins MCU ermöglichen will. Die Superheldenlandschaft wird trotzdem deutlich kleiner sein.

Würdest ihr X-Men lieber auch weiterhin als eigenes Franchise sehen?

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