Disney+ gegen Netflix – Ist das Kino der Verlierer?

Die Kronjuwelen von Disney+ und Netflix
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Meint es gut mit den Menschen.

Während angebliche Kinospektakel wie Terminator: Dark Fate oder 3 Engel für Charlie unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen, bringen die Streaming-Produktionen The Mandalorian (Disney+) und der Autorenfilm-Blockbuster The Irishman (Netflix) derzeit Filterblasen zum Platzen. Alle Augen scheinen auf den sogenannten Streaming-Krieg gerichtet.

Bis dato ging dieser Krieg eher unspektakulär vonstatten. Merklich geplättet schauten Konkurrenten wie Amazon Prime oder der US-Anbieter Hulu dabei zu, wie Netflix einen Markt nach dem anderen eroberte – weshalb Disney+, Apple TV+ und der Warner angehörige VoD-Service HBO Max das sich zunehmend verdichtende Spielfeld umso aggressiver betreten müssen.

Streaming für alle!

Verlierer sind auf Seiten der Streaming-Dienste vorerst nicht zu erwarten. Nie in der Geschichte des selbstständigen Zugriffs auf bewegte Bilder hatte das Publikum eine größere Auswahl an Programmen, heute verräterisch Inhalte genannt. Und nie zuvor konnte es diese Programme beliebiger abrufen. Der Streaming-Markt wird sich nicht zerfleischen, sondern weiter aufspalten und schließlich sortieren.

Die Normalisierung des Streaming-Überangebots ist dabei keine Frage des Geldes. Schon jetzt kosten Netflix und Amazon Prime monatlich weniger als eine Kinokarte am Wochenende. Bald dürften preislich attraktive Angebote und Kombinationsmöglichkeiten garantieren, dass ein Haushalt über mehr als zwei VoD-Abonnements nachdenken kann. In den USA stellte Disney+ mit gewieften Strategien der Kundenbindung die günstige oder gar kostenfreie Nutzung sicher, bevor der Service überhaupt gestartet war.

Ein tatsächliches Opfer des Streaming-Krieges bilden hingegen physische Medien und deren Vertriebsstätten, besonders jene als Videotheken bezeichneten stationären Leihgeschäfte, die eine ganze Generation nur noch aus Erzählungen kennt. Indem Netflix Eigenproduktionen ausschließlich online veröffentlicht, treibt der Streaming-Dienst die Verdrängung von DVD und Blu-ray entschieden voran.

Netflix als falsches Alarmsignal

Auch das Kino sehen einige bereits vom Lazarett ins Hospiz verlegt, obschon die Sache hier etwas komplizierter ist. 2019 werde der Umsatz aus Streaming-Angeboten mit 46 zu 40 Milliarden US-Dollar erstmals internationale Kinoeinnahmen übertreffen, lautet die Prognose (via MovieWeb). Nach Fernsehen und Heimvideo sei nun also Streaming geeignet, das Kino kaputt zu machen.

Für entsprechenden Alarmismus sorgen Branchenblätter mit Zahlenspielen. Am Ende eines jeden Blockbuster-Sommers heißt es, die Einnahmen lägen im soundsovielten Prozentbereich hinter denen des Vorjahres (laut Hollywood Reporter ist auch 2019 keine Ausnahme). Zuverlässig wird so getan, als handele es sich um markerschütternde Nachrichten, die am wesentlichen Stand des gegenwärtigen Kinos etwas änderten.

Doch ein struktureller Bedeutungsverlust von Filmtheatern als Orte kultureller und sozialer Erfahrung (hoheitliches Erstaufführungsmedium und Begegnungsraum) zeichnete sich beim westlichen Publikum lange vor Netflix oder Amazon Prime ab. In Nordamerika und Deutschland gehen Ticketverkäufe – die einzig relevante Box-Office-Bestimmungsgröße – seit 2002 zurück. Vergangenes Jahr wurde hierzulande der schlechteste Besucherschnitt seit 1990 ermittelt.

Netflix gegen die Restzuckungen des Systems

In der jüngeren Vergangenheit lässt sich die Entwicklung zum reinen Event, wie sie George Lucas und Steven Spielberg erahnten, an der Marvelisierung der Multiplexe gut beobachten. Selbst Fortsetzungen und Neuauflagen sorgen oftmals nur dann für volle Säle, wenn sie in einem größeren (will heißen: seriellen) Zusammenhang stehen oder weil die technische Präsentation als Erlebnischarakter den Unterschied mache.

Etwas anderes als Eventfilme produzieren Hollywood-Studios folglich kaum. Wollten sie den Kampf gegen die Streaming-Konkurrenz ernsthaft führen, müssten sie auch den Abzug ihrer Talente aufhalten. Von Bauchschmerzen begleitete Kooperationen zwischen Netflix und einstigen Kinoschwergewichten wie Martin Scorsese sind kein vorübergehendes Ausweichmanöver mehr.

Am Schlechtesten ist es vermutlich um unabhängiges Kino bestellt. Nach der Konkursanmeldung von Annapurna Pictures – verantwortlich für vielfach gelobte, aber kommerziell unergiebige Produktionen wie Detroit und Booksmart – sieht es momentan aus, als habe der US-amerikanische Independentfilm auch die Ebene postmortaler Restzuckungen verlassen.

Was ist noch Kino?

Eine Antwort auf all diese Entwicklungen könnte in der Spezialisierung liegen. Die Idee des eigenen, sich im Programm wie der Vorführart widerspiegelnden Zugriffs auf Kino und Kinogeschichte gewinnt seit Jahren an Bedeutung, sei es durch Retrospektiven, Festivals oder – wie Rüdiger Suchsland vermerkt – selbstorganisierte Filmclubs.

Spezialisierungsformen stellen somit auch jene Initiativen von Quentin Tarantino und Christopher Nolan dar, die ihre Arbeiten als Sensationen in 70 mm präsentieren. Dass diese Arbeiten mittlerweile häufiger auf Smartphones als in werkgetreuen Projektionen gesehen werden, scheint eher Legitimationsgrund als Anlass für Trauer zu sein. Einen Moment lang erfinden sie das Kino zu alten Bedingungen neu – und junge Filmfreunde strömen plötzlich in analoge Vorführungen.

Wenn dann David Cronenberg das Hohelied seiner Kollegen auf die "Kathedralen des Kinos" im Interview mit Globe and Mail anzweifelt, tut er das nicht aus Häme. Vielmehr gilt auch sein Interesse neuen oder erweiterten Kinobegriffen, die einen offensichtlich nicht länger in Kategorien wie Kino, Heimkino oder Fernsehen unterteilbaren Medienkonsum beschreiben. Weil Kino zunehmend eine Frage der Perspektive ist.

Streaming als erweiterter Arm des Kinos

In den Erzählformen selbst können solche Abgrenzungen ohnehin nicht mehr vorgenommen werden, dafür sorgen "Serien auf Kinoniveau" oder medienübergreifende Geschichten von Marvel und Star Wars. Als riesige Markenbündelungsmaschine vollendet Disney+, was durch Verflechtung der Kinoproduktionen mit TV- bzw. Streaming-Formaten offenbar immer geplant war, nämlich Superhelden und Sternenkriege auf allen Kanälen.

Noch sträuben sich größere Kinoketten, zeitnah digital verfügbar gemachte Netflix-Filme ins Programm zu nehmen – weltweit lief The Irishman in mehrheitlich kleineren Kinos, berichtete The Guardian. Auf lange Sicht wird es derart übergreifende bzw. sich ergänzende Angebote jedoch mit Sicherheit geben. US-Arthäuser zeigen ganz selbstverständlich auch Filme, die zugleich bei VoD-Plattformen verfügbar sind.

Und wozu überhaupt das eine gegen das andere ausspielen. Streaming ist nicht die Antithese zu Kino, beide Medien können voneinander profitieren. Deadline und Variety zufolge haben Studien gezeigt, dass regelmäßige Kinogänger auch überdurchschnittlich häufig Streaming-Inhalte konsumierten. Die seit jeher fragliche Behauptung, Netflix zerstöre das Kino, ist längst widerlegt.

Geht ihr noch regelmäßig ins Kino?

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