Warum so viele Filmemacher zu Netflix und Co. gehen

Martin Scorsese bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Kinofilm
© Concorde
Martin Scorsese bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Kinofilm
moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
folgen
du folgst
entfolgen
Meint es gut mit den Menschen.

Martin Scorsese hat es getan. Genauso wie Jane Campion, David Fincher und Gus Van Sant. Nicolas Winding Refn steckt für Amazon noch mittendrin. Und bei David O. Russell, Werner Herzog und Michael Haneke laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Sie alle arbeiteten und arbeiten fürs Fernsehen, genauer gesagt für das, was einmal Fernsehen genannt wurde und jetzt breitflächig Streaming ist. Sie konzipieren, drehen und produzieren also Serien, die in Abgrenzung zu TV-Formaten von anno dazumal als "sehr lange Spielfilme" oder "Kino im Kleinen" gehandelt werden. Solche nicht unerheblichen Begrifflichkeiten verdeutlichen Image- und Strukturwandel gleichermaßen: Vom Goldenen Zeitalter des Fernsehens zum sogenannten Peak TV, von angeblich neuen Romanen zum drohenden Ende des Kinos durch Video on Demand. Unweigerlich stellt sich die Frage, welche Regisseure es sich erlauben möchten, da nicht wenigstens versuchsweise mitzumischen.

Die Vorzüge der Streaming-Dienste

Jahrzehntelang markierte die einstmals strikte Trennung von Film und Fernsehen in Hollywood ein Qualitätsgefälle, das sich vor dem großen Paradigmenwechsel nicht ohne Anstrengungen und besonders nicht ohne Reputationsverluste überwinden ließ. Zumindest teilweise wirkt dieses vormalige Ungleichgewicht jetzt in die exakt andere Richtung. Während erfahrene Regisseure sich im Überbietungswahn der Sendeanstalten und Streaming-Dienste neu erfinden sollen, werden die jungen Nachwuchstalente der Filmstudios zuweilen als Franchise-Erfüllungsgehilfen belächelt. Eine auf dem Preisniveau von Blockbustern angesiedelte Serie entwickeln und überwachen zu dürfen, wie es für Netflix etwa Baz Luhrmann mit The Get Down oder die Wachowski-Geschwister mit Sense8 taten, ist hochlukrativ. Es bedeutet nicht nur jene Geschichten zu erzählen, für die es im gegenwärtigen Kino offenbar keinen Platz mehr gibt, sondern sich dabei auch nach Herzenslust austoben zu dürfen.

Die gegenüber der Kinoproduktion größere Bandbreite an Stoffen ist ein wesentlicher Vorteil, den Regisseure im US-amerikanischen Serien- wie Streaming-Sektor sehen. Betroffen ist davon nicht allein das auf Tentpoles verdichtete Mainstream-Angebot mit seiner Monokulturalisierung durch Superhelden- und Sternenkriegsgeschichten. David Lynch, der 1990 die stilbildende Network-Serie Twin Peaks mitkreierte, spricht längst auch vom Tod der Programmkinos: Das Fernsehen sei eine "wunderbare Sache", die das freie Erzählen von Geschichten ermögliche – Filme hingegen steckten "in Schwierigkeiten". Damit verweist Lynch, dem der Premium-Kabelsender Showtime für die vergangenes Jahr ausgestrahlte Neuauflage von Twin Peaks künstlerische Freiheit gewährte ("wir bekamen, was wir brauchten"), auf jene augenscheinlich große Flexibilität der neuen Fernseharbeit, die kein vorübergehend oder dauerhaft konvertierter Filmemacher unerwähnt lässt.

So ist Oscar-Preisträger Guillermo del Toro voll des Lobes für die Streaming-Dienste. Gelegentlich würden Filmstudios eigene Produktionen als das "genaue Gegenteil" von dem vermarkten, was sie sind, doch Netflix habe seine Animationsserie Trolljäger vorbildlich beworben und veröffentlicht. Der Film- und nunmehr Fernsehregisseur Daniel Minahan (Marco Polo) betont wiederum die Vorzüge des horizontalen, also episoden- und staffelübergreifenden Erzählens, das von der ständigen Verfügbarkeit der Inhalte auf VOD-Plattformen zusätzlich profitiere, weil Einfluss nehmende Faktoren wie Werbung, Sendetermine oder dadurch bedingte erzählerische Anpassungen wegfielen. Dem hinsichtlich kreativer Freiräume sowieso wunschlos glücklichen Woody Allen soll das gänzlich bedingungslose Angebot, eine Serie für Amazon zu drehen, die weder formal noch inhaltlich mit irgendjemanden hätte abgestimmt werden müssen, sogar zur Verzweiflung getrieben haben.

Netflix als Chance und Notnagel

Unterschiedlich sind auch die Motive. Einige Regisseure fahren zweigleisig und nutzen das Angebot der neuen Medienproduzenten als Experimentierfeld und Spielwiese für Stilübungen, als Talentsuche, Nebeneinkunft und Tapetenwechsel oder zur Überbrückung von Karriereknicks und sonstigen Krisen. Der unwiderstehlichste Grund aber ist die Form, das serielle Erzählen, der lange Atem. Er verführt auch gut beschäftigte Kinoregisseure wie Alfonso Cuarón (Believe), Sam Raimi (Ash vs Evil Dead) oder Steven Soderbergh (The Knick), deren Serienprojekte sich widerspruchslos ins Gesamtwerk einfügen. Früher inszenierten prominente Filmemacher ein bis zwei Folgen der von ihnen betreuten Formate, heute begegnen sie den Showrunnern entweder auf Augenhöhe oder übernehmen gleich selbst die künstlerische Leitung. Cary Fukunaga führte Regie bei der gesamten ersten Staffel von True Detective. Und Spike Lee drehte alle Folgen seiner Serie Nola Darling.

Während solche Filmemacher in der rühmlichen Tradition von Alfred Hitchcock oder Robert Altman stehen, die Ausflüge ins Seriengeschäft erfolgreich und vor allem geschickt mit ihrer Kinoarbeit vereinbarten, bleibt einer anderen Gruppe von Regisseuren gar keine andere Wahl, als unter den momentanen Bedingungen der Produktionsökonomie im US-Filmgeschäft auf Fernsehen und Streaming auszuweichen. Würde ein großes Filmstudio den Wachowski-Geschwistern nach deren letzten kommerziellen Misserfolgen noch einmal das von ihnen gewohnte Budget zur Verfügung stellen? Darf Michael Mann, der gerade an einer neuen Serie für FX arbeitet, jemals wieder auf Geldgeber hoffen, die 100 Millionen Dollar locker machen? Und was ist eigentlich mit den vielen Filmemachern, die überhaupt keine Projekte mehr finanziert bekommen, von David Cronenberg bis Uwe Boll? An ihnen hat nicht einmal der VOD-Sektor Interesse, obwohl sie sich redlich um ihn bemühen.

Die Angst vor der Vernichtung des Kinos

Natürlich gibt es nach wie vor gut finanziertes Regiekino in den USA – und partiell gelingt es auch, den Markt oder immerhin die Diskussionen darum zu dominieren. Abseits zugkräftiger Namen wie Christopher Nolan und Quentin Tarantino, deren Einfluss selbst die Marvelisierung Hollywoods noch nichts anhaben konnte, wird es allerdings schnell trist. Netflix produziert und lizenziert (was in der Außenwahrnehmung für viele keinen Unterschied macht und vermutlich auch so gewollt ist) reihenweise Titel prestigeträchtiger Filmemacher, die das Unternehmen auf Festivalbühnen und Preisverleihungen vertreten. In erster Linie zählen dazu Regisseure wie Noah Baumbach, Paul Greengrass und die Gebrüder Coen, in zweiter Jeremy Saulnier, Tamara Jenkins, Gareth Evans, David Mackenzie und Susanne Bier, die dem Kino nach ihrer TV-Serie The Night Manager weiterhin fernbleibt. Zudem wartet alle Welt auf The Irishman von Martin Scorsese.

Offensichtlich möchte sich Netflix sogar rückwirkend in den Kanon der großen Autorenfilmer einschreiben, jedenfalls lässt die 2018 in Venedig präsentierte Rekonstruktion eines bisher unvollendeten Werkes von Orson Welles diese Lesart zu. Überhaupt Venedig: Kaum jemand deutete den Goldenen Löwen für Alfonso Cuaróns (bald nur pflichtschuldig in einigen Kinos gezeigten) Roma nicht als (Etappen-)Sieg des Streaming-Giganten Netflix, der das Dispositiv der A-Liga-Filmfestivals schon mit dem öffentlichkeitswirksamen Cannes-Disput im vergangenen Frühjahr herausforderte. Die brancheninterne, nicht immer nachvollziehbare Kritik verschärfte sich zügig. Von italienischen Verbänden wurde Netflix beschuldigt, es habe das altehrwürdige Festival als Marketing-Vehikel missbraucht – ein mindestens sonderbarer Vorwurf, denn jedes Produktionsunternehmen nutzt die begehrten Filmfestivals vorrangig für Aufmerksamkeit in eigener Sache.

Trotzdem ist das Thema unter Beobachtern und Cinephilen endgültig zu einer Art Politikum geworden, an dem sich nicht weniger als die Zukunft des Kinos zu entscheiden habe. Wenn Streaming-Dienste nicht mehr nur eine Plattform für gelegentliche Film- und Serienexperimente bieten, sondern herkömmliche Distributionsformen zu überwinden versuchen, sprechen Filmkritiker wie Rüdiger Suchsland bereits von einem "Kampf" gegen das Kino mit dem Ziel seiner "Vernichtung". Dabei scheint die Diskussion von nachvollziehbaren Bedenken wie voreiligen Impulsen zugleich gesteuert. Statt einflussreichen und multinationalen Konzernen angeschlossenen Studios, die neuen Verfügbarkeitsmodellen überwiegend verzweifelte Megalomanie entgegensetzen, sollen offenbar allein Netflix und Co. in die Pflicht genommen werden. Sie jedoch zerstören nicht das Kino. Sie richten sich lediglich in der Zerstörung ein.

Was denkt ihr: Bedrohen Netflix und Co. die Kinolandschaft?

moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
folgen
du folgst
entfolgen
Meint es gut mit den Menschen.
Deine Meinung zum Artikel Warum so viele Filmemacher zu Netflix und Co. gehen
0755608bccf54c1584b9c757bd640371