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Eine Anekdote zum Praktikumsbeginn

Leonardo DiCaprio -  leidenschaftlich bei der Sache
© 20th Century Fox
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"Why, Mr. Anderson... Why? Why? Why do you persist?"

"Bist du bekloppt?"

Als ich Lisa diese drei Wörter an den Kopf warf, wusste ich schon, während ich sie aussprach, dass ich gleich zu weit gehen würde. Es ist weder nett noch sonderlich intellektuell, jemandem so etwas an den Kopf zu werfen, und es tut mir aufrichtig leid. Manchmal tue ich Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie besser lassen sollte. Der Wettstreit zwischen entspannter Mäßigung vor der Vielfältigkeit des Lebens und dem Drang, jedes Übel in der Welt geradezurücken, geht manchmal an den Drang. Damit muss ich wohl leben.

Es ist Lisas gutes Recht, The Revenant - Der Rückkehrer für einen langweiligen Naturfilm zu halten. Zumindest Leonardo DiCaprio sei super besetzt in der Rolle als Trapper-Legende Hugh Glass. Sie findet, dass er dafür einen Oscar verdient habe. Sie findet es toll, dass er sich so große Mühe gibt. Die Aufmerksamkeit dafür bekommt er zu Recht. Befindet sie.

Lisa sagt ehrlicherweise von sich, dass sie mit Kino und Filmen nicht viel am Hut hat. Diskussionen darüber unterbindet sie gern bereits im Anfangsstadium. Indem sie erklärt, dass sie sich keine Schauspielernamen merken könne und manchmal im Kino schon eingeschlafen sei. Sie mag es nicht, wenn darüber am WG-Tisch zu viel gefachsimpelt wird. Manchmal, wenn eine Diskussion ihrer Meinung nach zu lange geht, verdreht sie die Augen. Dann muss endlich Schluss sein.

Im Gegensatz zu Lisa könnte ich mich einen WG-Abend lang nur über Filme unterhalten. Nachdem ich selbst The Revenant im Kino gesehen hatte, war ich stundenlang aufgewühlt. Die Ein-Mann-Geschichte bot so viele Möglichkeiten, Gedanken und Zusammenhänge ohne Worte zu übermitteln. Hugh Glass ist der Natur – einem Zusammenspiel von Kräften ungreifbar größer als er selbst – ausgeliefert. Kein Baum, kein Fluss, kein Berg schert sich um sein persönliches Schicksal. Dieser Umstand wird so zielsicher von der Kamera in The Revenant porträtiert, dass es mich zweifellos berührt hat.

Wenn jemand wie Lisa sagt, dass sie das "langweilt", dann ärgert mich das manchmal. Klar, es gibt langweilige Filme. Neulich kämpfte ich während David Lynchs Der Wüstenplanet 130 Minuten mit meinen Augenlidern. Klar, kann man sich von einem Film wenig unterhalten fühlen. Die 2011er Verfilmung von Wuthering Heights - Emily Brontës Sturmhöhe oder Michael Kohlhaas mit Mads Mikkelsen sind wahrlich kein großes Unterhaltungskino.

Allerdings sind wir zu einem gewissen Teil auch selbst gefordert.

The Revenant bietet uns das Spektakel von Leben und Tod. Gut und Böse. Natur und Mensch. Ich finde, dass es bei Filmen wichtig ist, sich darauf einzulassen. Dann kann man diese Themen, die wir alle verstehen, in vielen Filmen finden. Dokumentationen sind dafür vielleicht ein leichterer Zugang. Werner Herzogs Begegnungen am Ende der Welt oder Asif Kapadias Senna beziehen sich ausdrücklich auf das Verhältnis vom Leben zum Tod. Beide Filme üben deshalb eine große Anziehungskraft auf mich aus.

Meine Faszination mit dieser Thematik erklärt vielleicht auch meine Leidenschaft für die italienischen Western von Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Fast alle Spaghetti-Western, die ich kenne, widmen sich der Unausweichlichkeit des Todes. Insbesondere Für ein paar Dollar mehr und Spiel mir das Lied vom Tod schaue ich mir immer wieder gerne an und entdecke ab und an das ein oder andere erzählerische Detail. Darüber hinaus haben mich Filme wie Hexenkessel, Apocalypse Now, Cloud Atlas - Alles ist verbunden, The Tree of Life oder Drive deshalb gepackt, weil auch sie sich der Menschen und ihrer Nähe zum Tod annehmen.

Wie wohl jede Person, der gewisse Dinge wichtig sind, kann auch ich manchmal übers Ziel hinausschießen. Entschlossen gehe ich davon aus, dass für andere Menschen diese Filme dieselbe Relevanz haben wie für mich. Manchmal fühle mich mich persönlich angegriffen, ohne es wirklich zu wollen. Dabei hat Lisa sich doch die Mühe gemacht und ist für diesen Film ins Kino gegangen. Er hat ihr nicht gefallen. Auch das muss in Ordnung sein.

Die nächsten drei Monate werde ich hier bei moviepilot Praktikant sein. Für mich eine gute Gelegenheit, eine Brücke zwischen der eigenen Leidenschaft und derjenigen anderer zu schlagen.

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