Cannes 2016

Einfach das Ende der Welt - Cotillard kann Dolan nicht retten

Einfach das Ende der Welt
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Einfach das Ende der Welt
19.05.2016 - 08:50 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Xavier Dolan verspricht Einfach das Ende der Welt und liefert ein hysterisches Drama ab und die Dardenne-Brüder zeigen in The Unknown Girl, dass sie keine schlechten Filme drehen können.

Das Ende naht. Nicht einfach das Ende der Welt der Marke Xavier Dolan - das Festival Cannes bewegt sich auf das Wochen-Ende zu. Im Filmmarkt im Untergeschoss des Palais reihen sich verlassene Stände aneinander, zugekleistert mit Postern für Werke wie Shark Exorcist (Satan has Jaws!), Volcano Zombies (mit Danny Trejo!) und Pet Divorce Court (ein Leguan ist auch dabei!). Visitenkartenstapel wurden abgetragen, die letzten Nummern von Käufern und Verkäufern getauscht. Man denke sich einen Tumbleweed aus Espresso-Pappbechern und Hollywood Reporter-Ausgaben dazu. Eine ungewohnte Ruhe kehrt im Markt ein, die bald auch auf die Stockwerke darüber übergreifen wird. Die täglichen Branchenblätter fallen schmaler aus, der Andrang vor den Festival-Screenings nimmt ab. Außer, ja, außer das französischsprachige Kino lädt ein, so geschehen gestern bei The Unknown Girl von Luc Dardenne und Jean-Pierre Dardenne am Morgen und Einfach das Ende der Welt von Xavier Dolan zum Tagesabschluss.

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Vor den Premieren suchen wie gewohnt Verzweifelte bzw. Optimisten in voller Abendgarderobe nach spontanen Wohltätern oder Amateur-Händlern, die Einladungen loswerden wollen. "One Ticket for Xavier Dolan = One Hug", lautet ein Angebot auf einer selbstgebastelten Filmklappe. Xavier Dolan ist eine der Geschichten, wie sie nur Cannes schreibt. Sein erster Film I Killed My Mother feierte 2009 in der Quinzaine des Réalisateurs Premiere, und die für die googlende Nachwelt bei Wikipedia hinterlassenen Zahlen sprechen für sich: Mit 16 Jahren hatte der ehemalige kanadische Kinderdarsteller das Drehbuch verfasst, mit 19 Regie geführt und das Publikum belohnte die Bemühungen mit einer acht Minuten langen Standing Ovation. Acht, nicht sieben oder neun. Im Geschäft mit den Ovationen ist Genauigkeit gefordert. Seitdem ist Dolan in Cannes zu Hause. Herzensbrecher und Laurence Anyways wurden in die offizielle Sektion Un Certain Regard befördert und Mommy schließlich in den Wettbewerb aufgenommen, wo Dolan sich den Jury-Preis mit Jean-Luc Godard teilen durfte. Ritterschlag für die einen, Sakrileg für die anderen. Letztere Fraktion dürfte ihre Haltung durch den Nachfolger Einfach das Ende der Welt bestätigt sehen.

Den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne war der Cannes-Erfolg vergleichsweise spät beschieden. Das Festival machte allerdings auch die früheren Dokumentarfilmer zu Stars, als Jury-Präsident David Cronenberg 1999 bei der Vergabe der Goldenen Palme den Favoriten Alles über meine Mutter von Pedro Almodóvar überging und das kleine Drama Rosetta auszeichnete. Eine weitere Palme folgte 2005 für Das Kind und seitdem drehen sich die Spekulationen bei jeder neuen Dardenne-Premiere in Cannes vor allem darum, ob sie ihre bisherigen Siege als Handicap verbuchen müssen. Auch 15 Minuten stehende Ovationen konnten Zwei Tage, eine Nacht mit Marion Cotillard keine Palme verschaffen. Ihr neuer Film The Unknown Girl sammelte bei der Pressevorführung ein paar wenige Buhrufe ein und es gibt wohl keine größere kognitive Dissonanz in einem Cannes-Kinosaal, als zum Abspann eines leisen Dardenne-Dramas ein Buh an der Leinwand abprallen zu hören.

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Anders verhält es sich mit Einfach das Ende der Welt. Schon Minuten vor dessen Ende erhoben sich die ersten Zuschauer, als hätten sie diesen Moment eineinhalb Stunden herbeigesehnt. Ein paar Buhrufe und lauen Beifall sammelte Xavier Dolan ein, dessen Filme jedoch als Trigger extremerer emotionaler Reaktionen entworfen werden. Im Fall der Adaption eines Theaterstücks von Jean-Luc Lagarce entschied sich der Regisseur und Gott-sei-Dank-Nicht-Hauptdarsteller Dolan dazu, der bühnenhaften Distanz zu entgehen, indem er seine Stars fast durchgängig in Großaufnahmen inszeniert. Einmal abgesehen von den dadurch naturgemäß beschränkten Darbietungen (Essays über Dolans Konzept von Schauspielerei können ruhig andere schreiben), wirkt die Regie-Entscheidung wie die logische Konsequenz der veränderten Produktionsumstände. Dolans neuer Film kommt ohne kanadisches Französisch aus, denn die Hauptdarsteller sind durchweg Stars aus dem Heimatland der Goldenen Palme: Gaspard Ulliel spielt den schwulen Künstler Louis, der nach 12 Jahren Trennung seine Familie besucht, um ihr zu verkünden, er werde sterben. Vincent Cassel gibt seinen cholerischen, älteren Bruder Antoine, Marion Cotillard dessen Ehefrau Catherine, Léa Seydoux die jüngere Schwester, die ihn nie wirklich kennengelernt hat und Nathalie Baye, die mit Dolan in Laurence Anyways arbeitete, ist als Matriarchin der Familie zu sehen. Sofern von sehen gesprochen werden kann, da sie unter einer Perücke und mehreren Schichten von Schminkablagerungen fast verschwindet.

Durch die Inszenierung erzielt Xavier Dolan immerhin eine Intimität, die dem Stück entgegenkommt. Indem der Rest der Welt in der Unschärfe verschwimmt, wird die Familie als eigener kleiner Kosmos dargestellt, unterbrochen nur von einer ausgedehnten Autofahrt zwischen den Brüdern und Dolan-typischen Rückblenden, deren musikalische Untermalung Disco-Traumata der späten 90er und frühen 2000er Jahre wieder aufleben lassen. Vielleicht sprangen die Kritiker also nur so schnell aus ihren Sitzen, um einem bestialischen Dragostea din tei-Ohrwurm zu entfliehen. Ebenjene Flashbacks verdeutlichen indes, wie viel von Dolans üblicher Energie durch die selbst auferlegte Beschränkung verloren geht. Erinnert sich Louis an die glücklicheren Jahre mit seinem Bruder, blickt man dem lange vermissten Himmel wie einem Fluchtweg entgegen, der schnell per Schnitt wieder verborgen wird. Was sicherlich Louis' Wehmut über die verlorenen Jahre mit seiner Familie unterstreicht, die unheilbare Wunden gerissen haben. Darüber hinaus geht dem Film nicht nur visuell jede Tiefe verloren, da die in ihren Mitteln per se begrenzten Schauspieler sich 90 Minuten nahe des emotionalen Siedepunkts bewegen. Es wird gekeift, geschrien, geschubst, gestottert, bis das Keifen, Geschrei, Geschubse und Gestotter abstumpft. Als Regisseur versagt Xavier Dolan seinen Darstellern jede Nuance und da der Film auf die Star-Gesichter baut, steht und schließlich fällt das Ende der Welt mit diesen.

The Unknown Girl

Insofern konnten die Zuschauer in Cannes am Mittwoch zwei Kinos der Extreme bestaunen. Die Dardenne-Brüder sind nicht gerade für die Exaltiertheit ihrer Dramen berühmt geworden und The Unknown Girl schraubt die Zurückhaltung um ein paar Stufen hoch. Die Ärztin Jenny (Adele Haenel) steht kurz davor, eine lukrative Stelle anzunehmen. Ein Verbrechen funkt dazwischen. Als mehrmonatige Vertretung in einer Praxis öffnet sie eines Tages nach Feierabend nicht die Tür, als eine junge Frau klingelt. Später wird die Unbekannte in der Nähe tot aufgefunden. Es beginnt ein Detektivfilm der etwas anderen Art, als Jenny bei ihren üblichen Hausbesuchen herumfragt, wer die Tote kennt. Die Ärztin will den Namen des Opfers erfahren, ihr ein Grab kaufen und ihre eigenen Schuldgefühle können gleich mit unter der Erde verschwinden.

Auf den Irrgarten moralischer Zwickmühlen aus Zwei Tage, eine Nacht lassen die Dardenne-Brüder in The Unknown Girl ein Drama folgen, das den erruptiven Emotionen des Vorgängers widerstrebt. Jenny ist eine fürsorgliche Ärztin, die ihren Beruf über alles stellt und ihr Credo lautet: Wenn das Leid eines Patienten dich berührt, dann stellst du eine schlechte Diagnose. Die Dardennes, wie immer ihren Helden verschrieben, nicht dem Urteil des Zuschauers, beobachten mit aller Geduld, wie Jenny die wenigen Jas und unzähligen Neins einsammelt. Langsam verschieben sich die Rhythmen und die Ärztin wird unmerklich zur Empfängerin von Beichten, weil ihre Distanz sie genau dazu prädestiniert. Was ihr den Umgang mit den eigenen Schuldgefühlen nicht erleichtert. Wenn der Brückenschlag schließlich vollzogen wird - so unauffällig und Dardenne-typisch wie eh und je - dann liegt mehr rohes Gefühl in einer Szene von The Unknown Girl als in der ganzen Filmografie von Xavier Dolan. Der ist aber auch ein junger Mann und ein noch jüngerer Künstler.

Mehr: Alle Artikel zum Festival Cannes im Überblick

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