Enorme Folgen fürs Kino: Das Coronavirus ist auch für Disney eine Katastrophe

Mulan
© Walt Disney Pictures
Mulan
14.02.2020 - 12:00 UhrVor 3 Tagen aktualisiert
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Chinas Filmwirtschaft wurde durch das Coronavirus in eine Krise manövriert, von der auch Hollywood betroffen ist. Alarmbereitschaft herrscht vor allem bei Disney.

Den Ausbruch des neuartigen Coronavirus, das erstmals Ende 2019 in der chinesischen Unterprovinzstadt Wuhan festgestellt wurde, stuft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als internationale Notlage ein. Weltweit sind bisher über 60.000 Fälle gemeldet, fast 1400 Menschen starben an der vom Virus verursachten Atemwegserkrankung Covid-19. Eine Schutzimpfung gibt es noch nicht.

Von den verheerenden ökonomischen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie ist auch die Filmwirtschaft betroffen. Das chinesische Kino – der zweitgrößte Filmmarkt der Welt – scheint in eine nachhaltige Krise geraten, mit globalen Folgen für die Unterhaltungsindustrie. Auf Hollywoodstudios und Medienkonzerne wie Disney kommen Umsatzeinbußen in nicht abschätzbarer Größe zu.

Geschlossene Kinos gegen die Coronavirus-Verbreitung

Eigentlich rechneten Kinobetreiber in der Volksrepublik mit Rekordgeschäften zum chinesischen Neujahrsfest 2020. Die Feiertage im Januar und Februar gelten als umsatzstärkste Zeit für den Kinobetrieb: Während der relativ kurzen Spanne wird ein Zehntel der jährlichen Gesamteinnahmen generiert, in ländlichen Kinos sogar bis zu einem Viertel (alle Zahlen via CNBC ).

Detective Chinatown 3

Auf 1 Milliarde US-Dollar könnten sich jetzt die Verluste am chinesischen Box Office belaufen, nachdem Ende Januar 2020 nahezu alle Filmtheater schließen mussten. Seit Wochen bleiben im kinoreichsten Land der Welt somit 70.000 Leinwände unbespielt. Für leere Säle müssen Betreiber weiterhin Miete zahlen, viele fürchten um ihre Existenz. Ein Ende der offiziellen Sperre ist nicht in Sicht.

Gestoppt wurde außerdem die Filmproduktion. Wie das US-Branchenmagazin Deadline  berichtet, haben Unternehmen und Crews ihre Arbeit auf Anordnung der staatlichen Radio-, Film- und Fernsehverwaltung niederlegen müssen. Unter anderem sind die Hengdian World Studios, das weltweit größte Filmstudiogelände (auch bekannt als "Chinawood"), bis auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Streaming als Alternative und Bedrohung

Für zusätzlichen Unmut sorgt die Frage nach der Veröffentlichungspraxis jener Blockbuster, die nun entweder auf Halde liegen oder über neue Distributionskanäle vertrieben werden. Derweil Produktionen wie Detective Chinatown 3, dessen Vorgänger allein in China fast 550 Millionen US-Dollar einspielte, auf einen neuen Kinostart warten, begehen andere Kinofilme ihre Premiere kurzfristig auf Streaming-Diensten.

Beispielsweise ist die Komödie Lost in Russia, inszeniert von Comedy-Superstar Zheng Xu, beim chinesischen Videoportal TikTok kostenlos zu sehen. Laut CNN  entgeht den Kinos allein in diesem Fall ein geschätzter Umsatz von 350 Millionen US-Dollar. Das Martial-Arts-Remake Enter the Fat Dragon mit Donnie Yen in der Hauptrolle wurde ebenfalls direkt als Video-on-Demand veröffentlicht.

Lost in Russia

Die aktuellen Sorgen von Betreibern und Produzenten bekommen dadurch eine weitere Facette. Nicht nur empfiehlt sich heimisches Streaming als sichere Alternative während der Coronavirus-Epidemie, sondern könnten digital ausgewertete Blockbuster das bislang überdurchschnittlich kinofreudige Publikum in China auf den Geschmack bringen – mit der Etablierung eines neuen Industriemodells (via Reuters ).

Die Bedeutung des chinesischen Markts für Hollywood

Gleichzeitig wächst die filmwirtschaftliche Bedrohung durch das Coronavirus außerhalb Chinas. Besonders in Hollywood werden die Entwicklungen genau beobachtet: Als wichtigster Auslandsmarkt für Blockbuster nimmt die boomende Volksrepublik, deren Kinoumsatz sich in den letzten 10 Jahren versechsfacht hat, großen Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg von US-Produktionen – und entscheidet teils über die Zukunft ganzer Filmserien.

So entwickelten chinesische Kinos sich zu Franchise-Helfern und -Rettern, in denen US-Tentpoles wie Pacific Rim oder Transformers 4 mehr Geld umsetzten als am heimischen Markt. Fast & Furious 8 spielte über ein Drittel seines internationalen Box-Office-Ergebnisses in China ein, genauso wie Avengers: Endgame, der 600 Millionen US-Dollar umsetzte (und nur dadurch zum derzeit erfolgreichsten Film werden konnte).

Bei Filmen wie JoJo Rabbit oder 1917, deren China-Starttermine wegen der Coronavirus-Epidemie auf unbestimmte Zeit verschoben worden sind, mag sich der Verlust in Grenzen halten. Ein strauchelnder Blockbuster wie Die fantastische Reise des Dr. Dolittle ist hingegen auf internationale Schadensbegrenzung angewiesen. Verschiebung und drohende Absage können in diesem Fall das Schicksal eines Films besiegeln.

Mulan: Kinostart des Disney-Blockbusters ungewiss

Dem Disney-Konzern wiederum kann eine Notlage so schnell nicht ernsthaft gefährlich werden. Im letzten Jahr spielten die Kinoproduktionen des umsatzstärksten Filmstudios der Welt über 10 Milliarden US-Dollar ein und machten knapp 40 Prozent vom heimischen Box Office aus. Zur totalen Marktbeherrschung fehlt dem Unterhaltungsmonopolisten in spe nicht mehr viel (Zahlen via CNBC ).

Mulan (2020)

Andererseits bietet eine solche Größe auch mehr Angriffsfläche. Disney musste seine Themenparks in Hongkong und Shanghai schließen, die Verluste belaufen sich auf mindestens 175 Millionen US-Dollar. Zudem gelten die chinesischen Kinostarts der beiden Frühlings-Blockbuster des Studios, das Remake von Mulan und der neue Pixar-Film Onward: Keine halben Sachen, derzeit als ungewiss.

Für Disneys Mulan ist China ein Schlüsselmarkt. Während die Neuauflage vom König der Löwen in China gerade mal 120 Millionen US-Dollar einspielte (11 Prozent des internationalen Umsatzes), dürfte bei dem auf chinesischer Folklore basierenden und komplett mit chinesischen sowie chinesisch-amerikanischen Schauspielern besetzten Epos eine ganz andere Erwartungshaltung vorherrschen.

Laut Variety  ist Mulan mit Produktionskosten in Höhe von 200 Millionen US-Dollar der "teuerste Film aller Zeiten, der keinem Franchise angehört" (noch nicht jedenfalls, wie bei Disney hinzugefügt werden muss). Schon eine China-exklusive Verlegung des weltweit simultan geplanten Kinostarts würde für das Studio zur kostspieligen Angelegenheit.

Keine Erleichterung nach dem Coronavirus?

Auch für den Fall, dass sich das Coronavirus ähnlich eindämmen lässt wie der SARS-Erreger im Jahr 2003, wären die tatsächlichen Ausmaße der filmwirtschaftlichen Schäden nur zu erahnen. Welche mittelbaren Folgen die Absage von chinesischen Einkäufern und Produzenten beim Europäischen Filmmarkt der Berlinale hat (siehe Artikel im Hollywood Reporter ), ist – um lediglich ein kleines Beispiel zu nennen – völlig unklar.

Enter the Fat Dragon

Aus chinesischer Sicht dürfte das Kinojahr 2020 zumindest mit Blick aufs ursprünglich realistische Ziel, zum einträglichsten Filmland der Welt aufzusteigen, als verloren gewertet werden. Der prognostizierte Jahresumsatz von 12 Milliarden US-Dollar (via THR ) scheint durch die Auswirkungen des Coronavirus in weite Ferne gerückt, was natürlich ein Luxusproblem darstellt.

Nach einem möglichen Ende der Epidemie könnte sich die Lage in China dennoch weiter verkomplizieren. Zusätzliche Verluste sind vorprogrammiert, wenn neu terminierte Titel in den ohnehin knüppelvollen Startkalender drängeln. Eine Pflege der nationalen Kinoproduktion dürfte im Anschluss höchste Priorität genießen, nachdem die Quote für US-Importe schon 2019 auf 36 Filme sank (via Variety ).

Insbesondere sind anhaltende Schädigungen des laut Insiderberichten bis mindestens April 2020 geschlossenen Kinobetriebs zu befürchten, so ein Abklingen der Coronavirus-Ausbreitung nicht gleich Ängste und Unsicherheiten des Publikum im öffentlichen Raum reduziert. Wahrscheinlich steht der chinesischen Kinoindustrie die schwerste Zeit erst noch bevor.

Was würdet ihr davon halten, wenn Mulan von Disney verschoben wird?

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