Filmjahr 2018 - Marvel, Netflix und das Ende des Kinos

Deadpool 2
© 20th Century Fox
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Meint es gut mit den Menschen.

Dass Menschen wie Märkte vom Kino der vergangenen Jahre scheinbar kaum deutlicher Reproduktionen des ewigen Gleichen hätten verlangen können, liegt nicht ausschließlich, aber entscheidend an Umwälzungs- bzw. Verschmelzungsprozessen. Zumindest in Hollywood haben sie die Art, wie und vor allem welche Unterhaltung produziert wird, nachhaltig verändert: Vormals autarke Filmstudios, die in Mischkonzerne eingemeindet und folglich wie Börsenunternehmen geführt werden, ringen um beliebig schöpf- und erneuerbares geistiges Eigentum, das allen Herausforderungen gewachsen sein muss – dem explodierenden chinesischen Kinomarkt, dessen auch inhaltlicher Einfluss auf die Hollywood-Produktion von Beginn an groß war, oder dem Erstarken von Streaming-Giganten wie Netflix, die das Publikum mit Quality-TV und zunehmend auch Quality-Heimkino ans Sofa zu fesseln versuchen. Raum für trotzige Experimente schafft dieser Zustand allenfalls in der Theorie. An der hartnäckig öden, schon im letzten und vorletzten Jahr beklagenswerten Praxis hat sich rein gar nichts geändert. Vielmehr schreiten die Verdichtung von (vermeintlichen) Spektakeln und der Abbau nahezu des gesamten mittleren Sektors noch weiter voran.

Der muffige Geruch von Superhelden

So strömte das Publikum auch 2018 in viele schlechte Filme, die ihr Versprechen nach Zuverlässigkeit bereits im Titel tragen, als Nummerierung (Deadpool 2), leichte Variation (Ant-Man and the Wasp) oder Androhung von Unaufhörlichkeit (Avengers 3: Infinity War), und die das Altbekannte nur soweit umordnen, wie es nicht Erkennungswert und Ausdehnungspotenzial des geistigen Eigentums berührt. Unter den zehn umsatzstärksten Filmen am US-amerikanischen Kinomarkt findet sich in diesem Jahr kein einziger, der nicht Fortsetzung, Neuverfilmung oder sonst wie Teil einer multimedialen Franchise-Idee ist. Erst an 12. Stelle steht mit A Quiet Place ein Film auf Grundlage eines Originaldrehbuchs: Horror ist nicht nur das letzte garantiert profitable, sondern auch mit einer gewissen Risikobereitschaft betriebene Genre – zumal sich dort, wo die Spanne zwischen Kosten und Einnahmen ohne Konkurrenz ist, sämtliche Vertrauensvorschüsse auszahlen. Die Marvelisierung des Kinos hat derweil sogar das traditionell comicverfilmungsmüde Deutschland erreicht. Kein anderer Film verzeichnete hier 2018 so viele Besucher wie Marvels Avengers 3: Infinity War. Früher oder später zieht der muffige Geruch von Superhelden überall hin.

Cinematic Universes als Planwirtschaft

Dabei bräuchte es für die ersehnte Abwechslung nicht einmal Originalität. Niemand erwartet Kino, das sich ständig neu erfindet, und gegen die massenweise Wiederverwurstung ließe sich gleich weniger einwenden, würde dabei nicht auch automatisch massenweise Mist produziert. Remakes und Sequels mögen das Angebot nach außen hin verengen, tatsächlich aber können sie genauso aufgetan, einfallsreich und probierfreudig sein wie jeder andere Film. Nicht die Franchise-Komponenten selbst sind das Problem, sondern ein tonangebender Produktionsmodus, der fast planwirtschaftlich anmutet. Sein systemischer Fehler besteht darin, die ehemaligen Stützelemente der US-Kinoindustrie (Tentpoles - Filme, so stabil wie Zeltstangen) in ein massives Fundament zu verwandeln, auf dem sich allein Franchise-Gebäude errichten lassen, angeordnet zu uniformen Siedlungen, bei denen auch der Blick hinter die Fassaden nichts als gähnende Leere offenbart. Hollywood-Blockbuster, um es etwas weniger bildlich auszudrücken, erschienen noch nie so gleichmäßig und daher verwechselbar, so unbegierig und daher einschläfernd wie jetzt. Sie alle wollen das große Spektakel und bleiben doch popelig klein.

Die Weiterführung des Franchisegedankens (oder dessen Pervertierung, wie es angesichts der gegenwärtigen Voraussetzungen weniger euphemistisch heißen müsste) stellt sich als sogenanntes Cinematic Universe dar - eine Bündelung von geistigem Eigentum zu dessen andauernder und lange vorher feststehender Vervielfältigung. Sie ermöglicht nicht mehr nur Auskopplungen und Fortsetzungen im Rhythmus von ein bis drei Jahren, sondern die Veröffentlichung mehrerer zusammenhängender Filme innerhalb weniger Monate. Offenbar ist Hollywood von solchen Akkumulationen seiner Brandings geradezu besessen, jedenfalls gibt es mittlerweile kein großes Filmstudio mehr, das nicht an irgendwelchen Superfranchiseplänen nach Vorbild des Marvel Cinematic Universe arbeitet. Sogar das Starsystem wurde dieser Besessenheit geopfert, weil Namen echter Menschen nicht die gleiche Zugkraft besitzen wie Marken und deren Transfers. Gewandelt hat sich darüber auch die Berichterstattung. In Branchenmagazinen geht es kaum noch um die neueste Rolle dieses oder jenes Schauspielers. Viel relevanter scheint zu sein, welches Studio die Rechte an Figur X in Universum Y für Comicverfilmung Z erworben hat.

Es liegt eine gewisse Obszönität in der Ausschließlichkeit, mit der vor allem das traditionsreiche Unternehmen Disney dieses Geschäftsmodell verfolgt, im aufpolierten schlechten Geschmack auch, mit dem es Filmemachen als Fließbandarbeit für seine Produktpaletten begreift. Niemand läuft in diesem Betrieb noch Gefahr, die hohlen Katalogtitel-Remakes oder Superhelden- und Weltraumabenteuer mit einer Idee von Kino zu verwechseln. Interessant ist allein, dass selbst die gut geölte Disney-Maschine offenbar unerwartet ins Stocken geraten kann. Vor Solo: A Star Wars Story galt ein nicht mindestens kostendeckender Sternenkriegskinofilm als quasi undenkbar, und es ist schon ein besonderes Verdienst des jungen Rechteinhabers Disney, dass das enorme Verluste machende Spin-off um Fanliebling Han Solo die eigentlich nicht ganz ernst gemeinte Prognose vom toten Star Wars in so greifbare Nähe rücken ließ. Vielleicht wird das Jahr, in dem der Großteil jener Kinder- und Kleinkinderfilme untergeht, die Disney, Marvel, Warner und Co. ohne erwachsenes Alternativprogramm produzieren, eine Stunde Null des Blockbuster-Kinos sein. Wenn sich zeigt, welchen Schaden all die Cinematic Universes tatsächlich angerichtet haben.

Das böse Netflix

Schäden sind auch das entscheidende Thema der aggressiv geführten Debatte um Kinoauswertungen oder vielmehr -Nichtauswertungen des Streaming-Dienstes Netflix . Während manche sein Distributionsmodell als Anfang vom Ende der Lichtspielhäuser imaginieren, sehen andere die Rettung des Autoren- und unabhängigen Films durch VOD-Produzenten (für die Netflix längst als Synonym fungiert). Fakt ist, dass die Etablierten einen Großteil der von Netflix finanzierten und lizenzierten Filme unter den momentanen Bedingungen der Hollywood-Ökonomie gar nicht erst in Auftrag gegeben hätten. Was vor 15 Jahren noch selbstverständlicher Bestandteil jedes Studiokatalogs gewesen wäre, ist mittlerweile Sache der Streaming-Anbieter, ganz gleich, ob es sich um alberne Filme mit Kurt Russell als Weihnachtsmann oder das neueste Prestigeprojekt von Martin Scorsese handelt. Netflix möchte ein Gegengewicht schaffen, womöglich soll es das bessere Kino ohne Kino sein. Das darf man natürlich blöd finden. Aber wer von einer Geschäftsidee, deren wichtigstes Verkaufsargument unmittelbare Verfügbarkeit ist, den Bruch mit der eigenen Veröffentlichungsstrategie erwartet, hat offensichtlich nicht begriffen, wie unverzichtbar Netflix als Reaktion auf defizitäre Entwicklungen im Studiosystem ist.

Andererseits wäre es kaum weniger naiv, die Entwicklung des Kinos zum reinen Event für reversibel zu halten, hat es sich doch längst vollständig abgegrenzt zu heimischen Medien und deren ständig erweiterten Zugangsmöglichkeiten. Das Hoffen auf Schließung der von Netflix besetzten Lücken durch die sie verursachenden Konzernkinomacher hat zweifellos einen romantischen Anstrich, ignoriert aber gleichwohl, was Regisseur David Cronenberg treffend als Evolution des Kinokörpers bezeichnet, nämlich die recht undramatische Zersplitterung der großen Leinwand zu vielen kleinen Bildschirmen. "Das Kino ist in der Tat dabei, zu verschwinden", stellt auch Netflix-Kollaborateur Werner Herzog fest, für den es außerdem "überhaupt keine Rolle" spiele, wo Filme auf welche Art gesehen würden, solange die "Erzählform Kino" nicht an ein bestimmtes Abspielmedium gebunden sei. Dass derart intelligente Regisseure die radikal neuen Entstehungs-, Auswertungs- und Wahrnehmungsprozesse von Filmen mehr als Chance denn Gefahr begreifen, könnte Mut machen. Am Ende fragt sich nur, was attraktiver ist: Ein Weiterdenken des Begriffes Kino oder die Prophezeiung seiner Vernichtung.

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