Hanna: Die Amazon-Serie hat keine Chance gegen das Original

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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Ein nervenaufreibender Action-Thriller, der gleichzeitig auch eine berührende Coming-of-Age-Geschichte erzählte? Diesen Spagat hat Joe Wright mit seinem Kinofilm Wer ist Hanna? vor acht Jahren eindrucksvoll geschafft: Zum treibenden Sound der Chemical Brothers jagte Saoirse Ronan quer durch die Welt, um die Kindheit zurückzuerlagen, die ihr gestohlen wurde.

Die Hanna-Serie stammt von einem Autor des Originals

Dabei weckt ein Blick hinter die Kulissen der Produktion Hoffnung auf eine gute Adaption. Immerhin ist als Schöpfer der Serie niemand Geringeres als David Farr gelistet. Der hat in den vergangenen Jahren nicht nur mit dem Agenten-Thriller The Night Manager nach der gleichnamigen Romanvorlage von John le Carré auf sich aufmerksam gemacht. Nein, David Farr ist auch einer der Co-Autoren des Hanna-Kinofilms.

Somit ist für die Serien-Umsetzung ein kreativer Kopf verantwortlich, der bestens mit dem Stoff vertraut ist. Im Rahmen des großartigen Prologs der Auftaktepisode dringt David Farr sogar noch ein Stück tiefer in die Hanna-Mythologie ein und erzählt einen Teil ihrer Origin-Story, die wir so im Film nie zu sehen bekamen, wenn Baby Hanna von ihrem späteren Zeihvater Erik Heller aus einer geheimen Einrichtung gestohlen wird.

Gleich in diesen ersten Minuten vereint der Auftakt die zwei konträren Elemente, die bereits in der Kinoversion faszinierten: Während das unschuldige Kind im Fokus der Kamera ist, findet im Hintergrund geradezu unaussprechliche Gewalt statt. Keine zehn Minuten in der Serie hat sich der erste Wachmann in lodernde Flammen verabschiedet. Brutalität trifft auf das Zerbrechliche in dieser verzerrten Welt.

Der Auftakt von Hanna ist packend, danach enttäuscht die Serie

Was folgt, ist eine Flucht, die verheerend endet, aber von überaus dynamischen Kamerabewegungen eingefangen wird. Den Sog von Joe Wrighs Kinofilm vermag die Adaption trotzdem nicht zu entwickeln. Sarah Adina Smith, ihres Zeichens Regisseurin der ersten zwei Episoden, sorgt zwar für flüssige Bewegungsabläufe und ist später ebenfalls bedacht, atmosphärische Aufnahmen mit der Erzählung zu verbinden.

Gleichzeitig spiegelt sich das Motiv der Verzerrung in ihrer Inszenierung kaum wieder. Wo sich Joe Wright schon drei Mal mit seiner Kamera überschlagen und Hannas Blickwinkel durch unerwartete Perspektiven eingenommen hätte, bleibt Sarah Adina Smith deutlich bodenständiger, selbst wenn sie ihrer Hanna durchaus heldenhafte Sprünge gönnt.

Ausgebildet zur Killerin steht das Töten vorerst nicht im Vordergrund. Stattdessen will Hanna von dem jungen Mädchen erzählen, das der Serie ihren außergewöhnlichen Pulsschlag gibt und jenseits der Welt, in der sie später für Unordnung sorgen soll. Hanna ist ein Fehler im System und der einzige Mensch, der dieses System bezwingen kann.

Helikopter, die bedrohlich am Horizont fliegen, Soldaten, die perfekt ausgerüstet durch die winterliche Landschaft marschieren, und CIA-Agenten, die mit jedem Wort lügen, das ihnen messerscharf über die Lippen gleitet: Im Angesicht dieser Übermacht an Gegenspielern müsste Hanna sofort zerbrechen, doch sie ist einfallsreicher als sich Marissa eingestehen will.

Hanna fühlt sich an wie die Light-Version des Films

So routiniert der Film die bekannte Prämisse in Episodenlänge ausformuliert, dauert es einige Zeit, bis die Serie ihre eigenen, wenn bisher auch wenig originellen Impulse entdeckt. Der Junge Arvo (Aleksandr Gorchilin) gehört etwa dazu. Er öffnet Hanna das Tor zur Welt und führt sie in den Genuss von Schokoriegeln ein. Twix oder Snickers? Darauf hat die 14-Jährige erstmal keine Antwort, immerhin hat sie gelernt, dass sie niemandem vertrauen soll.

Nach Jahren in der Abgeschiedenheit treibt sie trotzdem die Neugier an, die sie schließlich zu den Tönen des Skeletons-Song Yeah Yeah Yeah auf einem Schnee-Quad erlebt und in Gegenwart einer mächtigen Satellitenschüssel sprichwörtlich mit der Welt vernetzt. Was eine Textnachricht ist, weiß sie trotzdem nicht. Hanna lernt aber schnell.

"I am ready", sagt Hanna, bevor das große Abenteuer endlich beginnt und die Serie aus der eisigen Landschaft ausbricht, um auch den übrigen Kapiteln der filmischen Vorlage hinterherzujagen. Im Gegensatz zu ihrer Protagonistin steht die Serie noch lange nicht auf eigenen Beinen, schreckt vor mutigen Entscheidungen zurück und entbehrt damit der unberechenbaren Frische des Originals.

Begleitet von Karen Os Anti-Lullaby wird Hanna in die Freiheit begleitet, ehe der Schuss einer Pistole die verträume Szene erschüttert. Nach dem nächsten Schnitt sehen wir das Mädchen, wie es sich über den leblosen Körper eines Tieres beugt, während das Blut den Schnee in eine rote Pfütze verwandelt. Das Behütete und das Rohe direkt nebeneinander - von diesen denkwürdigen Momenten hat Hanna viel zu wenig zu bieten.

Werdet ihr euch die 1. Staffel von Hanna auf Amazon Prime anschauen?

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