Zürich Film Festival 2015

High Rise und der Höllenschlund des Wolkenkratzers

High Rise (Ben Wheatley, 2015)
© DCM Film Distribution
High Rise (Ben Wheatley, 2015)
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Dass er gleich ein Wiener Schnitzel essen geht, verkündet Luke Evans, als er gemeinsam mit Regisseur Ben Wheatley die Bühne betritt, um wenige Worte zur Einleitung von High-Rise mit dem Publikum zu teilen. Die Antwort gestaltet sich in Form herzhaften Lachens - ein Lachen, wie es in wenigen Minuten sämtliche Menschen im ausverkauften Saal des Arthouse le Paris in Zürich im Hals stecken bleiben soll. Denn nach wenigen Worten der Hinführung wird es dunkel, der Vorhang öffnet sich und nichts kann dem puren Wahnsinn Einhalt gebieten, der für die nächsten zwei Stunden die große Leinwand in Beschlag nehmen wird.

Basierend auf der gleichnamigen Literaturvorlage von J.G. Ballard entfesselt Ben Wheatley gemeinsam mit Co-Autorin und Gattin Amy Jump einen Fiebertraum, der die psychedelische Schwarz-Weiß-Furie A Field in England wie eine Fingerübung aussehen lässt. High Rise dokumentiert den Kollaps der Gesellschaft und rückt dabei drei Individuen in den Vordergrund des Weltuntergangs, der sich in einem einzigen Wolkenkratzer ereignet. Ein Film, der aktueller nicht sein könnte und dennoch in einer alternativen Geschichtsschreibung im Jahr 1975 gefangen ist. Aber gerade deswegen wirkt das Werk wie eine tollwütige Bestie aus Snowpiercer, Dredd und Terry Gilliam, die sich zu keinem Augenblick zähmen lässt.

Die Illusion von Ordnung

Zu Beginn des Films bezieht Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) sein neues Apartment in einem sogenannten High Rise. Konkret handelt es sich dabei um ein 40-stöckiges Gebäude, das sich außerhalb Londons befindet und eines Tages gemeinsam mit vier weiteren seiner Art zu einer gigantischen Hand aus Beton verschmelzen soll. Ausgehend von der Lobby werden die Bewohner per Fahrstuhl in die entsprechenden Stockwerke transportiert, die sich wie folgt aufteilen: In den ersten zehn Etagen befindet sich die Unterschicht, deutlich getrennt von der Mittelschicht, die wiederum in den nächsten 20 Stockwerken ein Zuhause gefunden hat.

Dazwischen befinden sich ein Supermarkt sowie alle anderweitigen Geschäfte, die der Mensch tagein, tagaus in Anspruch nimmt. Die obersten zehn Stockwerke unterliegen der Dominanz der Oberschicht - erneut ist die Hierarchie präzise mit einer Etage getrennt, in der sich unter anderem ein gigantischer Swimmingpool befindet. Bereits an diesem Punkt gibt es eigentlich keinen einzigen Grund mehr, um das High Rise zu verlassen. Zwischen Mauern und Stahlträgern ist ein winziger und trotzdem universeller Mikrokosmos entstanden, der nach klaren Regeln funktioniert. Nur wenn sie zur Arbeit gehen, verlassen die Menschen das Beton-Monster.

Obwohl er in seiner gesamten Erscheinung wie ein Fremdkörper wirkt, gibt es wohl kaum ein Individuum, das sich im High Rise wohler fühlt als Robert Laing. Selbst seine routinierten Arbeitsausflüge scheinen mit der Zeit zum notwendigen Übel zu werden, wo ihm der Wolkenkratzer doch alles bietet, was er sich immer gewünscht hat. Ähnlich ergeht es Anthony Royal (Jeremy Irons), seines Zeichens Architekt des monströsen Bauprojekts. Seit der Fertigstellung des obersten Geschosses hat er sich in seinem Apartment verbarrikadiert und verlässt die eigenen vier Wände höchstens, um mit einem interessanten Neuankömmling wie Robert Laing eine Runde Squash zu spielen.

Seiner Vision einer abgeriegelten Welt sind keine Grenzen gesetzt - oder zumindest tüftelt Anthony Royal eifrig genug an selbiger, ohne zu merken, dass sein Vermächtnis schon wieder in sich zusammenbricht, bevor es überhaupt fertiggestellt wurde. Genauer formuliert: Wo anfangs nur ein Fahrstuhl defekt war, sind es mittlerweile drei der Lastzüge, die ihrem Dienst gänzlich entsagen, und es ist bloß eine Frage der Zeit, bis der nächste den Geist aufgibt oder von einer Bewohner-Gruppe belagert wird. In der 40. Etage aber bleiben derartige Probleme geradezu unbemerkt. Ein Stromausfall, wie er mittlerweile zur Regelmäßigkeit - sprich: Alltag - geworden ist, beschäftigt dagegen viel mehr einen Mann wie Richard Wilder (Luke Evans).

Die Illusion von Kontrolle

Zu einem späteren Zeitpunkt im Film wird besagter Richard Wilder von Robert Laing als der einzige vernünftige Mensch im gesamten Gebäude bezeichnet. Traut man dem ersten Akt von High Rise, entpuppt sich der aus der Mittelschicht stammende Vater und Ehemann also als Hoffnungsschimmer vor einem Höllentor, das von Betrügern, Lügnern und Egoisten belagert wird. Seiner hochschwangere Frau Helen (Elisabeth Moss) greift er unter die Arme, wo er kann, und darüber hinaus schwebt in seinem Kopf die Idee einer Dokumentation über die Zustände im High Rise.

Ein weißer Ritter in einer 40-stöckigen Welt, in der niemand auch nur einen Gedanken an den Mensch zwei Stockwerke über oder unter ihm verschwendet: Letzten Endes entpuppt sich jedoch selbst Richard Wilder gleichermaßen als Opfer wie auch als Täter. Eine harmlose Affäre mit Robert Laings Obermieterin Charlotte Melville (Sienna Miller) markiert den Anfang seines Endes, ehe er wie besessen seinen eigenen Namen immer lauter ins Mikrofon eines Aufnahmegeräts brüllt, schluchzt und schnauft. Den Zerfall des Bauwerks kann niemand aufhalten, ebenso wenig den Verlust der Menschlichkeit im abgeriegelten Raum. Und dann eskaliert die Situation in einem endzeitlichen Montage-Inferno sondergleichen.

Die Anzeichen der nahenden Apokalypse integriert Komponist Clint Mansell bereits zuvor im Rahmen einer dekadenten Kostümparty der etablierten Schicht, in der im orchestralen Gewand ABBAs ebenfalls 1975 veröffentlichter Song S.O.S. im Hintergrund läuft. Nahezu unscheinbar bahnt sich die Komposition ihren Weg in die künstlich-glamouröse Szene, bis sie schließlich unverwechselbare Alarmsignale in sämtlichen Tonlagen auf die Anwesenden loslässt. Doch ganz im Geiste eines Missverständnisses sorgt der steigende Pegel der Musik lediglich für zusätzliches Gelächter, das in erster Linie auf Robert Laings Rechnung geht.

Als S.O.S. schließlich ein zweites Mal ertönt - dieses Mal arrangiert Clint Mansell das Stück zusammen mit Portishead ähnlich brillant, wie er es 2013 bei Drecksau mit Radioheads Creep und Coco Sumner getan hat - kommt jedoch jeder Hilferuf zu spät. Nicht einmal Beth Gibbons’ sagenhafte Stimme vermag im Refrain die aufbauende Kraft der vorherigen S.O.S.-Version zu erreichen. Stattdessen dominiert eine verheerende Taubheit und Hoffnungslosigkeit die klagende Reprise, die in einem Gänsehaut erregenden Moment das Leid der Niederlage ins Unendliche potenziert. Und die Figuren glauben, das Schlimmste überstanden und die Kontrolle wieder erlangt zu haben.

Die Illusion von Normalität

Tatsächlich entfremden sich die Menschen allerdings komplett von sich selbst, werden zu Tieren und nähern sich schlussendlich dem Stadium eines Kleinkinds wieder an. So wie Richard Wilder seinen Namen schreiend wiederholt, könnte er auch ein Baby sein, das verzweifelt nach seiner Mutter ruft. Da diese doch nicht mehr auf der Bildfläche erscheint, ist ein Blutbad der einzige Ausweg aus der erbärmlichen Lage. Eine verhängnisvolle Verwechslung von Ohnmacht und Kontrolle: Am Ende sitzt Robert Laing auf seinem Balkon, genießt die Reste des gegrillten Hundes und reflektiert die Geschehnisse der vergangenen Tage, die nur wenige unbeschadet überlebt haben.

Was J.G. Ballard mit einem "now that everything had returned to normal" zusammenfasst, illustriert Ben Wheatley mit einem zufriedenen Lächeln seitens Robert Laing, womöglich das erste seiner Art im gesamten Film. Und dann platzt eine Seifenblase - ganz unschuldig, wo sie eben noch über 40 Stockwerken der Verdammnis Richtung Zukunft schwebte. Doch hätte sie überhaupt eine andere Wahl gehabt, als sich vom Wind ins unbestimmte Irgendwo treiben zu lassen und ein paar Augenblicke darauf sowieso zu platzen?

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Vielen Dank an das Zürich Film Festival, das 25hours Hotel und Zürich Tourismus für die Einladung.

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