Leave No Trace: Das Blockbuster-Kino ruiniert die Nachwuchsstars

Jungdarsteller mit Indie-Anfängen: Jennifer Lawrence, Thomasin McKenzie, Harris Dickinson
© Ascot Elite / Sony / Salzgeber
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"I am what I am and I do what I can."

Im diese Woche angelaufenen Film Leave No Trace, in dem ein Vater mit seiner Tochter im Wald lebt und schließlich vor der staatlichen Autorität die Flucht ergreift, ist die Jungdarstellerin Thomasin McKenzie eine echte Entdeckung, der ich an dieser Stelle noch eine strahlende Karriere im Filmgeschäft prophezeie. Wenn ein Talent wie sie als Darsteller nicht sofort in einem Blockbuster oder sogar als Teenie-Stars angefangen hat, ebnet sich mit einem erfolgreichen Indie-Film wie Leave No Trace häufig der Weg nach Hollywood. Großproduktionen können wiederum ihre Ränge mit neuentdeckten frischen Gesichtern füllen - doch ist der erfolgreiche Weg zum Blockbuster-Star für die Darsteller wirklich in allen Belangen erstrebenswert?

Indie-Filme wie Leave No Trace als Sprungbrett nach Hollywood

Independent-Filme wie Leave No Trace bieten einem Darsteller eine perfekte Plattform, um das eigene schauspielerische Können zur Schau zu stellen. Weil die ohne große Studio-Gelder gedrehten Produktionen mit einem finanziellen Minimum auskommen müssen, liegt der Schwerpunkt hier meist deutlich stärker auf der Geschichte und den Figuren, die von den Darstellern nuanciert und eindrücklich porträtiert werden müssen. So hat der Zuschauer die Möglichkeit, auf jeden zuckenden Gesichtsmuskel und jede verkörperte Gefühlsregung zu achten und das Talent eines Schauspielers im Indie-Film zu erkennen.

Nun sind natürlich auch Hollywood-Produzenten nicht dumm und sehen vielversprechende Nachwuchsdarsteller aus Indie-Filmen herausstechen. Beim nächsten Casting wird der entsprechende Jungschauspieler dann vielleicht berücksichtigt und schon ist eine neue Karriere angelaufen. Denken wir nur an Jennifer Lawrence in Winter's Bone zurück (übrigens ebenfalls einem Film von Leave No Trace-Regisseurin Debra Granik), die kaum mehr als ein Jahr nach ihrem Indie-Erfolg zum Star in X-Men: Erste Entscheidung und Die Tribute von Panem avancierte. Ähnliches könnte nun Thomasin McKenzie blühen, die bereits eine Rolle in Top Gun 2: Maverick ergattert hat. Hollywood- und Indie-Filme bedingten sich gerade als Schauspieler-Plattform also stärker, als wir es bei ihrer häufig starken Abgrenzung voneinander annehmen würden. Doch ist die Konsequenz des Indie-Durchbruchs als Hollywood-Sprungbrett für alle von Vorteil?

Independent-Darsteller in Hollywood: Wer profitiert hier eigentlich von wem?

Dass Hollywood die jungen Indie-Talente gewissermaßen als "Frischfleisch" braucht, ist klar, doch benötigen die Indie-Stars umgekehrt auch eine Hollywood-Karriere? Ich würde behaupten, das erklärte Ziel eines jeden Schauspieler ist es, berühmt zu werden, nicht zuletzt, um sich vom eigenen Beruf(swunsch) ernähren zu können. Internationale Bekanntheit bedeutet dabei aber nicht nur mehr Gehalt, sondern (theoretisch) auch die Möglichkeit, sich bei entsprechend großer Nachfrage die Parts aussuchen zu können, die verkörpert werden. Dabei besteht zunächst die Hürde, sich in ersten Blockbuster-Rollen nicht dauerhaft auf Nebenrollen zurückstufen zu lassen. Doch auch wenn sich erste Hollywood-Hauptrollen einstellen, ist es keine Leichtigkeit das entdeckte Talent weiterhin sichtbar zu machen.

Anders als eigenwilligere kleine Filme sind Großproduktionen mit ihren horrenden Produktionskosten in ihrer Machart einem System unterworfen, das sich aus Erwartungen an einen finanziellen Erfolg speist. Kein Blockbuster könnte sich heute noch ohne reichliche Computereffekte, Explosionen, Kämpfe und dergleichen zeigen. Diese Elemente nehmen jedoch einen Raum ein, der zugleich den Schauspielern und ihrer Kunst abgerungen wird. Wenn One-Liner lange Dialoge ablösen, limitieren Blockbuster die Entfaltungsmöglichkeiten ihrer aufstrebenden Darsteller.

Lee Pace spielte sich zum Beispiel als Kuchenbäcker in Pushing Daisies in mein Herz und überzeugte mich in The Fall mit den berührenden darstellerischen Feinheiten eines ans Bett gefesselten Patienten. Doch seine Blockbuster-Auftritte vom Vampir-Cameo in Breaking Dawn 2 über den Overacting-Elb im Hobbit und den schwer zu ertragenden blauen Ronan in Guardians of the Galaxy machten es mir schwer, an meiner Bewunderung seines Schauspiels festzuhalten (vor dem Untergang rettete ihn meiner Meinung nur die TV-Rückkehr mit Halt and Catch Fire). Die Kinokarriere mag hier auf dem Papier betrachtet weiter voranschreiten, das Talent wird aber leicht untergraben, weil es nur noch bedingt zu sehen ist. Daraus ziehen wiederum auch wir Zuschauer einen Nachteil, zumindest wenn wir Freude an spannenden, authentisch-ausdrucksstarken Newcomern haben.

Wenn der Blockbusterauftritt für Indie-Darsteller zur Verpflichtung wird

Nehmen wir als Beispiel noch Harris Dickinson hinzu: Der Newcomer wurde jüngst durch seinen Film Beach Rats entdeckt und anschließend in The Darkest Minds und dem noch kommenden Maleficent 2 besetzt. Während die glattgebügelte Jugendbuchverfilmung ihn als Love Interest aufbauen wollte, besetzte das Disney-Märchen ihn gleich von Vornherein in der Rolle des (Traum-)Prinzen, die sich nicht gerade nach einer großen Präsentationsbühne seines Könnens anhört. Doch ist es wirklich eine Entscheidung zwischen Karriere und anspruchsvollen Rollen, die hier getroffen werden muss? Kann ein junger Nachwuchsdarsteller nicht mehr zeigen, was in ihm steckt, sobald er in Hollywood "angekommen" ist?

Sicherlich gibt es auch einige, denen der Grenzgang gelingt, beides zu bedienen. Wer hätte zum Beispiel nach Twilight gedacht, dass Robert Pattinson und Kristen Stewart sich so anständige Karrieren im Bereich der Indie- und mittelgroßen Filmen aufbauen würden? Doch häufig erscheint mir der Blockbuster-Erfolg als Verpflichtung, die ein Star sich selbst auferlegt: Wer einmal enormen Erfolg hatte, kann davon nur schwerlich wieder zurücktreten, wenn er "groß bleiben" will. Hinzu kommt außerdem die nicht zu unterschätzende vertragliche Bindung an ein Franchise, das zeitraubend die Teilnahme an Wunschprojekte erschwert. Im Extremfall bedeutet danach der Erfolg: Weil Margot Robbie wegen Morddrohungen nach Suicide Squad Personenschützer aus eigener Tasche engagieren muss, kann sie sich die weniger Gehalt bezahlenden Indie-Produktionen nicht mehr als Option aussuchen, da diese sich einen kostenintensiven Sicherheitsaufwand um ihre Person nicht leisten können.

Doch zurück zum Indie-Hollywood-Nachwuchs: Ein gesundes Mittelmaß zu finden sollte hier vermutlich das (utopische?) Ziel sein. Doch selbst wenn unsere Lieblingsdarsteller ihr Können irgendwann nur noch mit einem Augenzwinkern zwischen zwei Explosionen zur Schau stellen dürfen, bleiben uns immer noch Indie-Filme wie Leave No Trace, mit denen alles begann. Denn dort haben sie mehr als deutlich ihre Spuren hinterlassen.

Glaubt ihr, dass junge Indie-Darsteller, die ins Blockbuster-Fach wechseln, dort immer noch genauso gut aufgehoben sind?

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