Locke & Key: Die Serie ignoriert den extremen Horror der Comic-Vorlage

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wieselmax Max Wieseler
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Mag die großen Gefühle und schreibt daher am liebsten über Horror. Bekennt sich zu seiner Seriensucht.

Ihr habt es sicher schon mitbekommen: Die Netflix-Serie Locke & Key ist verdammt gut. Wenn euch die magischen Schlüssel und schockierenden Wendungen begeistern konnten, dann solltet ihr unbedingt die Comic-Vorlage lesen. Denn die Brutalität von Joe Hills Graphic Novel lässt die Netflix-Adaption wie einen niedlichen Disneyfilm aussehen.

Die Unterschiede zwischen Comic und Netflix-Serie sind umfangreich. Im Grunde wurden 3 der 5 Comicbände in die 1. Staffel gepresst. Es wurden viele Storylines gerafft, gekürzt und neu arrangiert sowie einige Nebenfiguren gestrichen oder neu erfunden. Daher will ich hier einmal näher auf die zwei größten Änderungen der Serien eingehen, die mich als seit über 10 Jahren begeisterten Fan stark enttäuscht haben.

Locke & Key - Der Netflix-Adaption fehlt die Brutalität

Locke & Key ist von Netflix mit einer Altersempfehlung ab 12 Jahren gekennzeichnet. Das wäre bei einer direkten Umsetzung der Vorlage gar nicht möglich gewesen, denn Locke & Key ist eigentlich brutal, blutig und extrem niederschmetternd. Nehmen wir als Beispiel den Mord an Familienvater Rendell Locke. In der Serie wird dieser von seinem Schüler Sam Lesser vor den Augen seiner Familie erschossen. Ja, es spritzt sogar etwas Blut.

Im Comic hingegen wird Sam Lesser noch von dem Psychopathen Al Grubb begleitet, der in der Serie nicht existiert. Hier geht der Home Invasion Horror nach dem Mord an Rendell erst richtig los. Blutüberströmt verfolgt Sam Lesser die Kinder durchs Haus, während Mutter Nina brutal vergewaltigt wird. Ihrem Angreifer schmettert sie anschließend eine Axt in den Hinterkopf - das Trauma der Familie ist viel nachvollziehbarer.

Natürlich ist auch die Netflix-Version brutal. Hier werden Menschen lebendig verbrannt und Kinder vor fahrende U-Bahnen geworfen. Doch das alles ist eher zahm und blutarm inszeniert. Ein krasser Gegensatz zum Gore in der Vorlage. Dies betrifft am stärksten die Figur Sam Lesser, der im Comic viel unberechenbarer und bestialischer agiert.

Die Umbenennung der Stadt Lovecraft in Matheson war vielleicht das erste Anzeichen, dass der Horror der Comics zurückgefahren wurde. Die Liebe zum Horrorgenre ist der Serie nicht abzusprechen. Aber Referenzen sind nicht alles. Die Serie ist einfach nicht gruselig. Eine wirkliche Bedrohung durch den Dämon Dodge (Laysla De Oliveira) ist kaum zu spüren.

Die größte Enttäuschung ist hierbei die Umsetzung der Monster. Zeichner Gabriel Rodríguez erschuf eindrucksvolle, morbide und albtraumhafte Gestalten, die durch die Schlüssel erschaffen wurden. In der Netlix-Version wurden diese leider durch generische CGI-Schatten ersetzt. Auch Kinseys manifestiertes Angstmonster ist im Vergleich zur Vorlage ein Witz.

Locke & Key: Der Comic traut sich an unbequeme Themen

Eine der größten Änderungen betrifft die Figur von Nina Locke (Darby Stanchfield). Hier wird sie als liebevolle Mutter dargestellt, die oftmals von ihrer Rolle überfordert ist. Im Comic sieht das schon ganz anders aus. Darin ist Nina von ihrem Trauma voll und ganz eingenommen. Sie trinkt, handelt rücksichtslos, vernachlässigt ihre Kinder und ist allgemein eine schreckliche Person - bis wir ihren Schmerz wirklich verstehen.

Der Comic ist nichts für schwache Nerven und der Nihilismus allgegenwärtig. Die Figuren leiden alle permanent und müssen viele schreckliche Dinge durchstehen. Tyler (Connor Jessup) und Kinsey (Emilia Jones) wirken in der Serie viel zu "normal", obwohl sie die gleichen Entwicklungen durchmachen wie im Comic.

Die Comics trauen sich viel mehr, den Finger in die Wunde zu legen. Aufwühlende Themen wie Trauma, Sucht, Gewalt, Missbrauch und auch Homophobie werden ausgiebig behandelt und präsentieren eine abscheuliche Welt. Bereits im Seriencheck zu Locke & Key habe ich meinen Frust über Duncans fehlende Storyline niedergeschrieben:

[...] an der Figur von Duncan (Aaron Ashmore) scheitert die Serie gnadenlos. Während der Onkel der Lockes in der Vorlage eine herzzerreißende Liebesgeschichte durchleidet, wird seine Homosexualität in der Netflix-Version vollkommen übergangen und Duncan verkommt zu einem sinnlosen Nebencharakter, der ab und zu mal auftaucht, aber wenig Einfluss auf die Handlung nimmt.

Locke & Key kann trotzdem begeistern

Ja, Locke & Key wurde geradezu vernetflixt. Die ultrabrutale und niederschmetternde Vorlage wurde von den Machern für ein breiteres Publikum angepasst und der Fokus von Horror auf familienfreundliche Fantasy umgelagert. Auch wenn mich diese Neuausrichtung als Fan zuerst schockiert hat, konnte mich die Serienversion dennoch begeistern.

Denn die Grundthemen der Vorlage sind immer noch vorhanden und die Schicksale der Locke-Familie gehen weiterhin ans Herz. Die Suche nach den mysteriösen Schlüsseln - ihr Design wurde direkt aus den Comics übernommen - und die Auswirkungen, die ihre Fähigkeiten auf den Schmerz der Figuren haben, faszinieren wie in der Vorlage.

Positiv überrascht hat mich zudem die Änderung zahlreicher Twists, die die Vorlage so spannend machen. Fans können von der Netflix-Version (und umgekehrt) tatsächlich noch überrascht werden. Während Dodge im Comic als Jugendlicher Zack Wells die Lockes infiltriert, ist es hier am Ende Gabe, in dessen Gestalt der Dämon versteckt war. Auch die Enthüllung eines 2. Dämons am Ende kommt so in der Vorlage nicht vor.

Auch wenn Locke & Key stark von der Vorlage abweicht und den Horror vermissen lässt, sehe ich die Netflix-Version eher als Erweiterung an. Vielleicht hätte ich lieber eine FSK 18-Version mit Gore gesehen. Doch so kann die magische Welt von Locke & Key noch mehr Menschen aller Altersklassen begeistern. Und wer weiß, ob die 2. Staffel nicht doch noch in eine düstere Richtung abdriftet.

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Habt ihr die Comics zu Locke & Key schon gelesen? Haben euch die Änderungen gestört?

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