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Nach Der Herr der Ringe - Filme aus Neuseeland, die ihr kennen solltet

Die Magie des neuseeländischen Kinos
© Warner Bros./Ascot Elite/Transmission/Koch Media/Tiberius Film
Die Magie des neuseeländischen Kinos
07.09.2016 - 09:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Peter Jackson schuf mit seiner Trilogie der Herr der Ringe-Saga nicht nur ein historisches Filmspektakel, er beflügelte auch Neuseelands Filmlandschaft. Welche Höhepunkte aus dem Land der Maori kamen nach Frodo und Co.?

Der neuseeländische Film ist so alt wie das Aufkommen des bewegten Bildes selbst. Bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die Lumière-Brüder (Arbeiter verlassen die Lumière-Werke, 1895) und Georges Méliès (Die Reise zum Mond, 1902) mit ihren Werken großen Anteil an der Etablierung des Kinos nahmen, fand bereits die erste öffentliche Vorführung eines Films in der Heimat der Maori statt. Erst Anfang der 1990er jedoch gelang es Neuseeland, auch international ein größerers Publikum zu erreichen. Zum Aufstieg als beachtete Filmnation trugen Persönlichkeiten, wie Jane Campion (Das Piano), Lee Tamahori (Mahana - Eine Maori-Saga) und vor allem Peter Jackson bei.

Letzterer katapultierte den kleinen Inselstaat mit seiner in Neuseeland koproduzierten Der Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003) in neue Höhen. Jackson sollte die neuseeländische Filmlandschaft zumindest strukturell für immer verändern: Internationale Großproduktionen nutzten in der Folge nicht nur die beeindruckende Landschaft für ihren Dreh, sondern ebenso die ansässigen Post-Production- und Special-Effects-Firmen, deren bekannteste Schmiede Weta zu den wichtigsten Vertretern ihrer Art weltweit zählt.

Trotz des Einflusses großer Hollywood-Studios konnte sich die neuseeländische Filmszene im Laufe der Jahre ihre folkloristische Eigentümlichkeit bewahren. So entstanden auch nach Der Herr der Ringe weiter beachtliche Werke des gerade einmal rund 4,2 Millionen Einwohnern fassenden Pazifikstaats, darunter Geschichten um mordende Schafe, einem Michael Jackson-Fan mit schwieriger Vaterbeziehung und der emotionalen Tour de Force eines gefallenen Schachgenies.

Neuseeland, Land der Außenseiter und Rebellen

Nahezu konsistent verläuft dabei eine von wiederkehrenden Elementen gezogene Linie durch die verschiedenen Genre-Vertreter. Seine Seele aus Außenseitertum, Rebellion und dem Bezug zur eigenen Vergangenheit bettet sich unverkennbar ins Herz des modernen neuseeländischen Kinos ein.

Jüngst ragte dabei James Napier Robertsons Das Talent des Genesis Potini, der bereits 2014 in der Heimat erschien, mit einem gewaltig aufspielenden Cliff Curtis (Sunshine) heraus. Die Geschichte um das titelgebende Schach-Genie, das aufgrund von Depressionen mit sich und wegen seines kindlich-naiven Wesens seiner Umwelt zu kämpfen hat, überzeugte als emotionales Schwergewicht, das sich im Schoße von Familiendrama, Heldengeschichte und historischer Mythologie niederließ.


Das Talent des Genesis Potini

Dem Kredo einer rauen, aber nicht düsteren Seele folgend, lässt es sich Robertson nicht nehmen, dem im Kern unendlich traurigen Außenseiter-Drama unter Hinzunahme humoristischer und insbesondere humanistischer Spitzen lichte Momente der Leichtigkeit einzugestehen - trotz ebenso sozialdramatischer Dringlichkeiten, die sich besonders in der Darstellung einer nihilistischen Biker-Gang zeigt. Robertsons Beitrag zur rebellischen Ader des neuseeländischen Kinos scheut zudem nicht, die im Westen so verbreitete Werbeidylle aus Landschaftspanoramen zu durchkreuzen. Stattdessen zeigt er ebenso verrauchte Hinterhöfe und unaufgeräumte Häuser von jenen am Rande der Gesellschaft.

Peter Jacksons blutiges Erbe

An diesem Rand findet sich auch der namensgebende Titelheld des Films Boy (James Rolleston) von Taika Waititi. Der Regisseur, der zudem eine tragende Rolle übernahm, ist aktuell der international präsenteste Filmemacher Neuseelands, den auch längst Hollywood für sich entdeckte - derzeit steckt er in den Dreharbeiten zu Thor 3: Ragnarok. Ungleich kleiner als sein potenzielles Superhelden-Spektakel, aber nicht wirkungslos, geraten sein mit gerade einmal 8,6 Millionen US-Dollar finanziertes Drama über eine distanzierte Vater-Sohn-Beziehung. Wie Robertson, vermeidet es auch Waititi seinem Film in eine allzu düstere Stimmung zu entführen. Im Gegenteil: Boy gleitet auf von Komik und Beschwingtheit getragenen Höhen, die nicht nur auf die Leidenschaft des Protagonisten für Michael Jackson zurückzuführen ist.

Das Zusammenspiel von Sohn und Vater, der aus dem Gefängnis zurückkehrt, gründet auf einem Verhältnis von Kumpelhaftigkeit, die so dem neuseeländischen Hintergrund aus bitterer Armut, Drogen und kaputten Relationen entflieht. Waititis Vaterfigur verkörpert überdies die erwachsene Form der Hauptrolle des kindlichen Raufbolds, indem er ihn als Mitglied einer Gang beschriebt. Erneut findet sich die neuseeländische Tradition der Rebellion, die der Regisseur hier allerdings als Absurdität und unhaltbar inszeniert. Als absurd erscheint auch ein Genre-Zweig, den Peter Jackson während seiner filmischen Anfänge in den 80ern mit Werken wie Bad Taste und Braindead pflanzte: den komödiantischen Splatter-Horror.

Black Sheep

Schon vor dem Kinostart katapultiert manch eine Filmidee ihr Werk in Sphären eines gewissen Kultes - so geschehen mit dem Animal-Horror-Hit Black Sheep von Jonathan King. Hierbei nutzte der Regisseur eine lokale Besonderheit für eine in der Prämisse bereits verankerten Pointe: Neuseeland gilt besonders auch in Relation zu seiner Einwohnerzahl als überaus schafreiches Land. Und so setzt King genau hier an, indem er ein außer Kontrolle geratenes Gen-Experiment an den Wollträgern als Grundidee etabliert. Die Folge ist ein skurriles Splatter-Fest, das sich in immer absurderen Situation ergießt, ein Spiel mit Genre-Klischees und augenzwinkerndem Kommentar auf die filmische Mainstream-Szene, in dem auch eine ulkige Anspielung auf den Finalkampf in Peter Jacksons Der Herr der Ringe: Die zwei Türme ihre Würdigung findet.

Die Heavy-Metal-Loser

Schaf-, aber nicht zahnlos gibt sich dagegen Jason Lei Howdens Horrorkomödie Deathgasm, der seinen Film auf eigenen Erfahrungen als Außenseiter aufbaute. Poröse Familienbeziehungen bilden ein emotionales Fundament für die Figur des jungen Brodi (Milo Cawthorne), der nach der Einweisung seiner Mutter in eine psychiatrische Klinik - sein Vater ist schon länger tot - zu seinem Onkel und dessen Frau in einen christlich-orthodoxen Haushalt zieht. Halt findet er bei einer mit Schulkameraden gegründeten Heavy-Metal-Band, die ein musikreiches und skurriles Blutfest zelebriert, wenn auch ungewollt.

Deathgasm

Als die Gruppe einen Satz alter Noten nachspielt, entfesselt sie ein okkultes Erweckungsritual, woraufhin sich die Einwohner der Stadt in Blut-affine, untote Widersacher transformieren. Doch einmal mehr ist das eigentliche Zentrum in einer neuseeländischen Spezialität verortet: dem Außenseitertum. Die Loser, die eine Band gründen und so ihren Alltag aus Mobbing und sozialen Grenzen durchleben, stellt im Kino gewiss keine revolutionäre Idee dar, zeigt aber zum wiederholten Male, wie sehr ein konsistenter Hauch durch Neuseelands Filmlandschaft weht.

Eine Filmlandschaft, die in ihrer langen Historie verdientermaßen einen Platz im internationalen Kino eingenommen hat und als Unikat aus der Ferne regelmäßig mit neuen Wundern zu berühren weiß.

Wie steht ihr zu neuseeländischen Filmen?

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