Netflix-Serie Unbelievable: Unglaublich hart, aber auch unglaublich wichtig

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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.

Mit Unbelievable veröffentlicht Netflix am heutigen 13.09.2019 eine Serie, die es in sich hat: In 8 Episoden wird die wahre Geschichte einer Reihe von Vergewaltigungen und des polizeilichen Umgangs damit verfilmt, die sich vor gerade einmal einem Jahrzehnt zugetragen hat.

Im doppeldeutigen englischen Titel, Unbelievable, schwingt dabei sowohl "unglaublich" (im Sinne von "unfassbar"), als auch "unglaubwürdig" mit. Außerdem macht die Titelabblendung zu Beginn jeder Episode deutlich, dass auch das Wort "Lie" (also Lüge) im Namen von UnbeLIEvable steckt. Es wird klar: Wir bewegen uns in einer schwierigen Grauzone von Gesetz und Moral.

Davon sollte sich aber niemand abschrecken lassen. Dranbleiben lohnt sich bei Netflix' Unbelievable. Denn es lässt sich ganz spoilerfrei sagen:

  • Manchmal ist das Gesehene in Unbelievable schwer zu ertragen, aber auch die Vergewaltigung-Szenen sind wichtige Bestandteile der Erzählung.
  • Von Episode zu Episode erobern die grandiosen Hauptdarstellerinnen sich ihren Platz in der Serie und im Herzen der Zuschauer.
  • Die Serie funktioniert dabei zudem hervorragend als Meta-Kommentar zum Umgang mit Frauen und Machtstrukturen im Allgemeinen.

Unbelievable beginnt mit voller Wucht - und das ist notwendig

Die erste Folge von Unbelievable setzt gänzlich ohne den Einsatz von Samthandschuhen ein: Die verstört-apathische Marie Adler (Kaitlyn Dever) schildert dem hinzugerufenen Polizisten, dass sie soeben vergewaltigt worden ist - mehrere Stunden lang. Begleitet wird ihre Erzählung von schwer zu ertragenden kurzen Blicken durch eine Augenbinde, als wäre der Zuschauer selbst das Vergewaltigungsopfer.

Das ist hart. Doch damit hört die Tortur der 1. Episode von Unblievable noch nicht auf. Mindestens genauso hart ist es nämlich, dass Marie dazu gezwungen ist, ihre Geschichte immer wieder und wieder zu durchleben - ganz einfach, weil die Bürokratie unterschiedlicher Instanzen es verlangt. Pflegemutter, Cop, Detectives, Krankenhaus, nochmal Detectives sowie ein offizielles Statement: Jeder will das Trauma aus erster Hand geschildert bekommen.

"Ich wachte auf und er war über mir...", sagt Marie wieder und wieder. Und jedes Mal läuft uns ein Schauer über den Rücken. Kaitlyn Denver (die ihr euch demnächst auch in Booksmart nicht entgehen lassen solltet) spielt die zunehmende Verzweiflung beeindruckend und ohne Übertreibungen. Immer wieder zeigt die Kamera sie allein und frontal, abgesondert vom Rest der Welt.

Dann tauchen in ihrem Umfeld und bei der Polizei plötzlich Zweifel auf und Marie zieht ihre Aussage zurück. Sie ist selbst nicht mehr sicher: War es eine Vergewaltigung, eine Lüge, ein Traum, eine Ohnmacht oder gar Hypnose? Plötzlich sind alle gegen sie. Das anfängliche Opfer wird zur nach Aufmerksamkeit lechzenden Teenagerin umgedeutet. An diesem verheerenden in die Enge getriebenen Wendepunkt endet die erste Folge und wir sind zusammen mit Marie ebenfalls nervlich am Ende.

Unbelievable: Der Krimi folgt in zweiter Instanz

Doch wen die Härte der ersten Folge abschreckt, dem sei versichert: In dieser Form geht Unbelievable nicht weiter. Dennoch ist sie für den Rest Serie wichtig, um den Schrecken des Verbrechens Vergewaltigung nachhal(l)tig zu verdeutlichen.

Zwar verlieren wir Marie und ihr Schicksal im Laufe der Serie nie aus den Augen, doch von da an wendet Unbelievable sich stärker dem ermittlerischen Anteil der Geschichte zu: Das Drama wird zum Krimi - zu einem Krimi allerdings, der schmerzlich versteht, dass Serien-Vergewaltigern bei der Polizei weniger Aufmerksamkeit und Ressourcen geschenkt werden als Serienmördern.

Nun treffen wir Karen Duvall (Merritt Wever) und etwas später auch Grace Rasmussen (Toni Collette). Gekonnt langsam wächst der Figurenkreis, zusammen mit dem Fall der sich vor unseren Augen entfaltet: Ein Vergewaltiger treibt sein Unwesen und weiß die Hürden der polizeilichen Bürokratie für sich zu nutzen. Ein fehlerhaftes System wird bloßgestellt, das unbequeme Wahrheiten lieber ignoriert.

Erstaunlich ist dabei: In Unbelievable wirkt keine Figur überzeichnet. Jeder Charakter (mit Ausnahme natürlich des Täters) handelt irgendwie aus nachvollziehbaren Gründen. Maries Befrager sind nicht die manipulativen Monster aus When They See Us. Ihre Pflegemutter Judith (Elizabeth Marvel) will trotz Zweifeln nur das Beste. Die Polizistinnen hadern mit ihren Entscheidungen.

Unbelievable zeigt Menschlichkeit in allen Facetten der Unsicherheit und das mit durchweg erstklassigen Darstellern ... bzw. vor allem Darstellerinnen.

Unbelievable rückt seine Darstellerinnen in den Vordergrund

Die Zugkraft, die Unbelievable über die nächsten sieben Episoden entwickelt, verdankt die Serie vor allem dem grandiosen Zusammenspiel von Merritt Wever und Toni Colette: Die eine ist idealistisch, gläubig und ausgeglichen, die andere von der Welt abgehärtet und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Die Ermittlerinnen müssen sich vor ihren Mindhunter-Kollegen bei Netflix nicht verstecken. Die glaubhafte Dynamik des Duos trägt uns über so manche mühevolle, aber nie langweilige Sackgassen-Ermittlung hinweg.

Schon bei Merrit Wevers erstem Auftritt ist ihre Karen all das, was wir uns zuvor für Marie Adler gewünscht hatten: rücksichtsvoll, ruhig, verständig. Sie befragt Vergewaltigungsopfer Amber (Danielle Macdonald), die alle Schritte von Marie durchläuft, dabei aber die ganze Zeit lächelt und so zeigt: Jedes Opfer reagiert anders auf das Trauma.

Erst nach und nach fällt beim Schauen von Unbelievable auf, wie viele Frauen hier im Vordergrund stehen dürfen. Polizistinnen wie RoseMarie (Dale Dickey) und Mia (Liza Lapira) kommen hinzu. Anders als ihre männlichen Kollegen stellen sie nach den schrecklichen Taten die wichtige Frage "Wo ist die Empörung nach der Tat?".

Netflix' Unbelievable zeigt, wie Frauen als treibende Kräfte einer Erzählung funktionieren

Tatsächlich wird in Unbelievable der weiße Mann ausgeklammert, zumindest aus der Ermittlung: Die erste Episode zeigt sie als Negativ-Beispiel in ihrem unsensiblen Vorgehen. Die einzigen Männer in Karens und Graces Team sind der afroamerikanische Chef (Scott Lawrence) und ein Praktikant (gespielt vom indisch-puertoricanischen Omar Maskati).

Der Täter ist weiß und männlich, doch als Kontrast zu ihm existieren zum Glück im Heim der Ermittlerinnen sensible Ehemänner: Steve (Kai Lennox) und Max (Austin Hébert). In früheren Cop-Formaten waren Ehefrauen häufig die einzigen nennenswerten weiblichen Rollen, hier wird der Spieß umgedreht. Männer werden hier keinesfalls verdammt. Frauen sind (inbesondere bei dieser verhandelten Thematik) nur die wichtigeren Triebkräfte.

Überhaupt fallen im Laufe der Serie immer mehr Details auf, die zeigen, wie Frauen ihre Opferrolle verlassen und an Selbstvertrauen gewinnen. Sie werden aktiv, müssen dabei aber nicht "männlich" auftreten, um sich Gehör zu verschaffen. Auch in der Sensibilität liegt eine Stärke. Und wenn ein Mann und eine Frau in ein Auto steigen, darf ungefragt auch die Frau hinterm Steuer sitzen. Damit passt Unbelievable perfekt in die Umbrüche unserer Zeit.

Unbelievable: Ein wichtiges Bild unserer Zeit

In einer Szene in Episode 5 von Unbelievable wird der Wandel der Gesellschaft in Zeiten von MeToo sogar bis ins Detail ausagiert: Ein unangenehmer Mann starrt Karen in einer Bar an. Ihre gelegentlichen irritierten Blicken halten ihn von seiner Beobachtung nicht ab. Erst als eine Gruppe jugendlicher Frauen die Bar betritt, verschiebt sich sein Fokus.

Hier tritt eine Veränderung ein: Jetzt ist es plötzlich der Mann, der von Karen beobachtet wird. Als die Gruppe wieder geht und sein Blick zu ihr zurückwandert, ist nun sie es, die ihn ungeniert anstarrt und damit wissen lässt: Ich sehe dich und weiß, was du tust. Die Blickstrukturen mit der Frau als Objekt werden gebrochen.

Insofern ist es auch bezeichnend, dass die einzige vollständig gezeigte frontale Nacktheit in Unbelievable trotz Vergewaltigungsthematik abseits davon stattfindet und die eines Mannes ist.

Zu diesem mitschwingenden Meta-Kommentar von Unbelievable passt: Als Karen am Ende der Serie schließlich gefragt wird, wie sie sich fühle, entfährt ihr ein erleichtertes "Unglaublich!". Aber die Konnotation des Wortes hat nun eine andere Bedeutung angenommen als noch am (von Zweifeln geplagten) Anfang von Unbelievable. Und das ist wichtig und gut so.

Dieser Serien-Check entstand auf Grundlage aller 8 Episoden von Unbelievable, die ab dem 13.09.2019 komplett auf Netflix bereitstehen.

Werdet ihr Unbelievable auf Netflix ansehen?

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