Riverdale - Der Pilot-Check zur Mysteryserie bei Netflix

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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Ob Riverdale so eine Serie wird, bei der am Ende alles aus dem Ruder läuft, sich das Gesehene gar als Traum oder als Erzählung in einer Erzählung entpuppt? Riverdale zumindest stört sich nicht an seiner Fiktionalität und offenkundigen Künstlichkeit. Sie könnte, so schön sieht sie aus, der Traum eines Teenagers sein. Oder eines Greg Berlanti (Dawsons Creek, Arrow), Vielproduzierer bei The CW, der genau weiß, wie die Mechanik einer Serie funktioniert. Twin Peaks und Gossip Girl soll Riverdale vermengen, wenn es sein muss auch Scream und Dawsons Creek. Es soll die Coming of Age-Teenager-Serie ins (Post-)Goldene Serienzeitalter führen. Der seit gestern bei Netflix abrufbare Riverdale-Pilot präsentierte eine ambitionierte, wenngleich denkbar simple Paarung von wertfestem US-amerikanischen Kulturgut (Die Archie-Comics) mit betörender Mystik. Alles warm gebettet im guten alten Kleinstadt-Schauplatz.

Einer der vielen tief gezeichneten Riverdale-Charaktere ist Jughead Jones (Cole Sprouse). Jughead Jones steht in Riverdale immer etwas abseits. Er ist ein alles oder wenigstens ungewöhnlich viel wissender Erzähler. Ein einziges Mal interagiert er im Piloten mit einer anderen Figur, als er für die Hauptfigur Archie Andrews (K.J. Apa) im städtischen Diner mitten in der Nacht die Arbeit an einem Roman unterbricht und seinem entfremdeten besten Freund eine Audienz gewährt. Es bleibt ein loser Kontakt, ein Schubs in die richtige Richtung seitens Jughead. Er empfiehlt dem von Frauen, Freundinnen, Gelegenheiten, Karriereoptionen völlig verwirrten Archie, mit seiner besten Freundin Betty Cooper (Lili Reinhart) zu reden, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, die zwischen ihnen durcheinandergeraten sind, was dieser daraufhin auch tut. Um Jughead Jones' in der Serie wohl ausgesparte Asexualität wird im Internet derzeit eine engagierte Debatte geführt. Mag sie hier auch nicht berücksichtigt werden (schade wäre das), so ist Jugheads Beobachtungsgabe doch vergleichsweise ungetrübt von sexuellen Trieben oder eben pubertärer Zerstreutheit. Jughead Jones legt uns früh seine klare Sicht der Dinge zur Lage in Riverdale dar:

Our story is about a town, a small town, and the people who live in the town. From a distance, it presents itself like so many other small towns all over the world ... Safe. Decent. Innocent. Get closer, though, and you start seeing the shadows underneath. The name of our town is Riverdale.

Der Pilot und vermutlich die ganze Serie werden im Ton des Schriftstellers Jughead Jones erzählt, vollkommen ironiefrei also. Soll heißen: Die Geschichte nimmt sich ernst. In allem, was Riverdale aussagt, liegt diese nachdrückliche adoleszente Tragweite, die keinen Widerspruch duldet, was an ein in seiner Ausgangslage ganz ähnliches Highschool-Drama erinnert: Rian Johnsons Brick. Auch hier ist nichts wichtiger als das, was jetzt gerade, in diesen Tagen, denen wir beiwohnen, passiert. Wie die naive hoffnungsvolle Gewichtigkeit eines schwermütigen Teenagers will Riverdale ergründet und für seine Tiefgründigkeit gepriesen, erkannt und verstanden werden. Ob sie vorhanden ist? Nun, es gibt Tote, oder zumindest einen.

Es erwischt Jason Blossom, schön, beliebt, Footballstar und Bruder der nicht minder glamourösen Cheryl Blossom (Madelaine Petsch). Am Tod des Schulstars ist was faul, seine Leiche wurde nie gefunden, Cheryl schildert die Todesumstände als Unfall. Dieser trug sich in einem Sommer zu, der in Riverdale sowieso alles verändert hat. Archie arbeitete auf dem Bau und ihm ist ein stattliches Sixpack gewachsen: "6 more Reasons to like him", findet Kevin (Casey Cott), Bettys zweitbester Freund. Zudem ist in Archie der Wunsch gereift, Musiker zu werden und nicht das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Archie, im zweiten Jahr in der Highschool, hat so ziemlich alles, was sich ein Heranwachsender wünschen kann: Er ist ein Footballspieler mit Poetenseele und er ist begehrt wie kein anderer Schüler an der Riverdale. Als ihm Betty Cooper, seine schmachtende beste Freundin und Nachbarin seit Sandkastentagen, endlich ihre Liebe gestehen will, wird sie dabei von Veronica Lodge (Camila Mendes) unterbrochen, die ebenfalls sofort hin und weg ist von Archie. Und als nach zehn Minuten der hellblaue Riverdale Schriftzug das erste Mal aufblendet, wissen wir auch, dass Archie, der unwiderstehliche Archie, eine Affäre mit seiner Musiklehrerin unterhält. Mit der teilt er ein weiteres pikantes Geheimnis, das in Verbindung zum Todesfall Jason Blossoms steht.

Veronica: You play Football too? What don't you do?

In Verbindung dazu stehen auch Betty Cooper und ihre Mutter, die vom Twin Peaks-Genom Mädchen Amick gespielt wird. Alice Cooper mag weder Bettys Anliegen, Cheerleaderin zu werden, noch ihre Freundschaft mit Archie, und für die Blossoms hat sie noch weniger übrig. Cheryl Blossom, Cheerleader-Captain, Twitter-Nick: @cherylbombshell, Anti-Christ, ist eigentlich nur böse und hat nichts Besseres zu tun, als die neue Freundschaft zwischen Archie, Betty und Veronica zu torpedieren. Veronica ist ganz neu in der Stadt, hat eine komplexe Vergangenheit in New York (reiche Familie, betrügerischer Vater, jetzt arm) und war früher wie Cheryl. Jetzt soll alles, vor allem sie, anders werden.

Eine hitzige, optimistische und sehr ehrgeizige Energie geht von diesen Figuren aus. Wie jede große Teenager-Drama-Serie der letzten Jahre (Gossip Girl, O.C., California) inszeniert Riverdale die Jugend als Zustand der Ewigkeit. Im Kontrast zur Ewigkeit schwebt, wie einst Laura Palmer in Twin Peaks, die Drohung eines gestorbenen, jungen und schönen Menschen über der beschaulichen Stadt. Und wie bei Twin Peaks soll der Tod das prätentiöse Kleinstädtische provozieren, sodass es seinen dunklen Kern endlich freigibt.

Selbstgewiss offenbart Riverdale im Piloten zunächst nur die übersichtlichen geografischen Züge seines Schauplatzes. Es gibt einen Strip Club, eine Schwulenbar, das Diner, den Supermarkt-Parkplatz, am Samstag einen Filmabend und sonst nicht viel zu tun. Die Stadt ist reiz-, die Teenager sind sorg- und makellos. Wir wissen, um sie und ihre schlichten Gedanken herum entspinnt sich etwas Abseitiges und Aufregendes. Alles andere wäre auch entsetzlich langweilig, bloße Soap mit Attitüde. Greg Berlanti ist hier der richtige Dreh zuzutrauen. Er hat an jedem Finger, außer dem Daumen, eine Arrowverse-Serie. Er weiß, wie man, groß, episch und gefällig erzählt. Aber keines seiner aktuellen Projekte ist ästhetisch und erzählerisch derart auf den Punkt austariert wie Riverdale. Im Piloten umriss die Serie lediglich ihr enormes Vorhaben. Aber das Potential ist enorm. Riverdale könnte der beste Versuch einer Teenager-Krimiserie seit Veronica Mars werden.

Jeden Freitag veröffentlicht Netflix Deutschland eine der insgesamt 21 Episoden. Wir werden die 1. Staffel von Riverdale mit einem wöchentlichen Serientagebuch begleiten und dabei beobachten, wie sich Riverdale, seine Figuren und auch das Serientagebuch entwickeln.

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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

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