Vierte Wand im Kino - Wenn die Leinwand den Blick zurückwirft

Und schon ist die Wand durchbrochen. Hier in Spaceballs.
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Im Eifer des Gefechts fliegt plötzlich etwas von der Leinwand auf uns zu. Vorzugsweise ein Wurfgeschoss oder ein Projektil. Eine solche Szene gibt es inzwischen in den meisten Filmen, die in 3D gedreht oder nachkonvertiert wurden. Was die Zuschauer damals in einer IMAX-Dokumentation noch hätte im Sitz zusammenzucken lassen, sorgt heute nicht mal mehr für ein Blinzeln. Denn wir wissen: Sie ist immer da, die vierte Wand. Weder der Aufbau des abgedunkelten Kinosaals, in dem hunderte Personen einer riesigen Leinwand gegenüber sitzen, noch farbarme Tiefeneffekte können darüber hinwegtäuschen. Das wird Deadpool, den neuen Marvel-Liebling, der kürzlich mit einerm Rekordstart in die Kinos kam, nicht davon abhalten, immer wieder das Wort ans Publikum zu richten. Denn die vierte Wand kann auch durchlässig sein. Mal ist es nur der Blick der Zuschauer, der durch eine Filmfigur erwidert wird, an anderer Stelle erklingt eine Stimme ohne Adressaten aus dem Off. Und dann gibt es da Deadpool. Sich für keinen Witz zu schade weist er nimmermüde auf Comic-Filme, Figuren, Handlungsmuster und vieles mehr hin, was uns schon gar nicht mehr auffällt. Ein Spiel auf der Metaebene mit dem Publikum entspinnt sich. Zu welchem Effekt? In seinem Fall: die ironische Brechung des Aberwitzes, den wir da auf der Leinwand bestaunen dürfen. Aber da geht doch eigentlich noch mehr, oder?

Stabile Fiktion, Referenzen und ironische Brüche

Seit dem frühen Kino der Attraktionen wurde im Film mit der vierten Wand gespielt. Sei es in Der große Eisenbahnraub oder in The Big Swallow. Seitdem hat sich einiges getan. Im Verlauf der Geschichte hat sich einiges getan. Von den Sperenzchen der frühen Versuche sind wir aber nicht soweit weg, wie gedacht. In Serien wie Filmen scheinen wir heute nicht mehr sicher vor den Figuren die wir in Filmen oder gar Serien sehen. Ob uns nun Kevin Spaceys skrupelloses Zerrbild eines Politikers Frank Underwood an seinen Gedanken teilhaben lässt oder ob uns Ryan Gosling in The Big Short in bemitleidenswert versicherndem Tonfall wissen lässt, dass seine Freunde eigentlich viel cooler sind, als die, mit denen er da gerade verkehrt. Diese Art der Interaktion der vierten Wand ist aber nicht so sehr Durchbruch, wie es eine Rückversicherung ist. Die Gedankengänge der Figur direkt dem Zuschauer mitzuteilen ohne sie im eigentlichen Sinne mit dem Gesehenem zu verknüpfen, festigt die Fiktion und zerbricht sie nicht. Was wir erfahren müssen, erfahren wir nicht mehr aus der eigentlichen Handlung, sondern die Figur teilt es uns einfach mit. Ähnlich geht es Matthew Broderick in Ferris macht blau, der uns immer wieder wie seinen besten Kumpel einweiht.


Ein weiteres Paradebeispiel für den Einsatz der vierten Wand ergibt sich aus den unzähligen Verbindungen, die sich zwischen Filmen, Genres, Schauspielern und gemeinsamen Universen in jüngerer Vergangenheit verfestigt haben. Es wird jongliert mit Zitaten, Referenzen und dem Schlagwort Popkultur. Dieses Spiel beherrscht derzeit keiner so gut wie Deadpool, der genüsslich darüber herzieht, wie bescheuert doch Superhelden eigentlich sind und wie lächerlich Ryan Reynolds' letzter Versuch war, sich eine Maske anzulegen und Übermensch zu spielen. Danach zwängt er sich trotzdem notgedrungen selbst in einen roten Spandex-Anzug. Dieser laufende Widerspruch macht für viele Fans den Reiz der Figur aus.


Ein Held, der reflektiert, resümiert und uns zeigt, wie viel Wissen sich der Otto Normalverbraucher in den vergangenen Jahren über Comics angeeignet hat. Ein Superheld tötet zum Beispiel seine Feinde nicht. Da hat Deadpool seinen Widersacher schon, Zitat, in einen "beschissenen Kebabspieß" verwandelt. Aber auch an ganz anderer Stelle wird mit Referenzen um sich geworfen. Dabei bleibt er aber immer vermeintlich ironisch-doppelbödig, denn sonst müssten wir uns ja an den Kopf fassen angesichts dieses Wahnwitzes. Ironie ist ohnehin omnipräsent und erscheint immer häufiger fast Hilfsmittel verunsicherter Filmschaffender, die ihrem Publikum das nötige Reflexionsvermögen wohl nicht mehr zutrauen, um die Ausmaße ihres Exzesses zu beurteilen. Bei Deadpool springen da vielleicht noch ein paar kecke Seitenhiebe raus, bevormundend wirkt es trotzdem. Insbesondere Deadpool läuft Gefahr sich in diesem Netz aus Zitaten und ironischem Verweis zu verfangen und droht, die Täuschung auffliegen zu lassen, dass er selbst ein Teil des Spiels bleibt und sich auch dementsprechend verhält. Die Interaktion droht zum halbherzigen Selbstzweck mit der vierten Wand zu verkommen.

Auf Abstand oder kritische Distanz

Es kann uns nämlich auch ganz schön vor den Kopf stoßen, wenn wir auf einmal Gegenstand des Films sind. Wenn zum Beispiel Nicolas Cage in Lord of War - Händler des Todes auf einer mit Patronenhülsen gepflasterten Straße steht und uns mit einem Gewinnerlächeln aufklärt, welche Unmengen an Waffen es auf der Welt gibt und von seinem Plan, jeden Menschen auf der Welt zu bewaffnen. Das trifft in die Magengrube. Sofort ist eine kritische Distanz da. Der gute Bertolt Brecht nannte das Verfremdung. Das Potential, jemanden durch den Bruch der vierten Wand aus der Fiktion zu ziehen und ihm die Möglichkeit geben, sich selbst ein eigenes Bild zu machen, von dem was er da sieht. Auch einer der jüngsten Oscar-Kandidaten bedient sich dieses Effekts. Wie bereits erwähnt dürfen sich in The Big Short Ryan Gosling und einige andere Charaktere nicht nur in süffisanten Monologen üben, bisweilen werden auch willkürliche Prominente eingeblendet die in verschiedensten Situationen Fachbegriffe der Hochfinanz erläutern. Ob es nun Margot Robbie ist, die in einer Badewanne sitzend über Anleihenpakete und ihre Zusammenstellung referiert oder Selena Gomez, die am Blackjack-Tisch ein wenig Licht in die Begriffswelt bringt, die die Weltwirtschaft hat kollabieren lassen. Das Publikum ist letztlich auf solche effekthascherischen Methoden angewiesen, um diese komplexen Prozesse zu verstehen, die eigentlich unser Leben bestimmen. Allein dieser Umstand sollte uns irritieren.

Ein besonderes Beispiel hat der österreichische Moralist Michael Haneke mit Funny Games abgeliefert. In seinem Plädoyer gegen eine Ästhetisierung der Gewalt nutzt er es gleich mehrfach. Mal ist es ein einfaches Augenzwinkern, das die beiden Übeltäter, die eine arglose Familie foltern und töten, der Kamera zuwerfen. Aber in dem Moment in dem wir uns der Situation Gewahr werden, dass Frank Giering und Arno Frisch die Kontrolle über den Verlauf der Handlung übernehmen und selbst die Zeit zurückspulen können gibt es vor den beiden kein Entrinnen mehr. Gegen den eigenen Willen wird der Zuschauer Voyeur in einem unausweichlichen Gewaltspiel.

Die Durchbrechung der vierten Wand kann also durchaus einen dramatischen Zweck haben. Der wird bisher häufig ausgeklammert. In Zukunft wäre es doch wünschenswert, wenn wir zusammenzuckten, wenn uns von der Leinwand etwas entgegenfliegt. Sei es Wort, Blick oder Geschoss.

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