Vinyl - Unser erster Eindruck der HBO-Serie von Martin Scorsese

Vinyl - S01 Trailer 3 (English) HD
1:00
Richie Finestra (Bobby Cannavale) und das Team von American Century RecordsAbspielen
© HBO
Richie Finestra (Bobby Cannavale) und das Team von American Century Records
14.02.2016 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
2
2
Mit Vinyl geht Regie-Größe Martin Scorsese erneut eine Zusammenarbeit mit HBO ein.  Wir haben einen Blick auf die Pilotfolge der neuen musikalischen Drama-Serie riskiert.

1973 ging als Krisenjahr in die Geschichte ein: Präsident Nixon gerät dank Watergate-Affäre in Verruf, trotz Waffenstillstands wird in Vietnam weitergekämpft, der Jom-Kippur-Krieg und die erste Ölkrise halten die Welt in Atem. Auch für Plattenboss Richie Finnestra (Bobby Cannavale) aus Vinyl scheint 1973 ganz persönlich ein krisengeschütteltes Jahr zu sein. Das Fundament seines Imperiums fängt an zu bröckeln, denn auch musikalisch befindet sich die Welt im Umbruch. Die große Ära des Rock 'n' Rolls neigt sich dem Untergang, Punk wird laut, Kool DJ Herc montiert Funk- und Soulbeats und ebnet auf seinen Block Partys den Weg für Hip-Hop und in den Discos wird zu Bands wie ABBA das Tanzbein geschwungen. Rock 'n' Roll hat Richie zu einem reichen Mann gemacht. Jetzt steht die legendäre Band Led Zepplin davor, sein Plattenlabel American Century Records zu verlassen. Finnestra muss die Zeichen der Zeit erkennen und sich reorganisieren.

Ein hochkarätiges Team

Vinyl, die neue Serie aus dem Hause HBO, erweckt allein mit großen Namen hinter der Produktion gewaltige Erwartungen. Mehr als zwei Jahre ist es her, dass HBO's Prohibitions-Epos Boardwalk Empire sich vom heimischen Bildschirm verabschiedete. Nun kehrt die US-amerikanische Regielegende Martin Scorsese für ein weiteres Serien-Projekt als schöpferische Kraft zurück zum Pay-TV-Sender. Dazu ließ der Altmeister es sich nicht nehmen, den gut zweistündigen Piloten der Drama-Serie Vinyl zu inszenieren. Eine Show über das Musikbusiness sollte nicht ohne einen Kenner der Szene auskommen: Mick Jagger, seines Zeichens Frontman der Rolling Stones, übernimmt diesen Job. Darüber hinaus ist Breaking Bad-Veteran George Mastras maßgeblich an der Produktion beteiligt. Das Skript stammt aus der Feder von Schöpfer Terence Winter, der für die Serien-Giganten Die Sopranos und Boardwalk Empire mit dem US-amerikanischen Pay-TV-Sender zusammengearbeitet hat und mit dem Drehbuch zu The Wolf of Wall Street schon einmal eine mit Sex und Drogen angereicherte Aufstieg-und-Niedergang-Geschichte eines gewöhnlichen Mannes mit großen Ambitionen erzählte. Nicht Finanzspekulationen, sondern Schallplatten haben Richie Finnestra zum Millionär gemacht.

More Sex, more Drugs more Rock 'n' Roll

"Do I fucking look like a Wall Street Man? I'm a record man!", stellt Richie gegenüber dem Dealer klar, der ihm in einer düsteren Seitenstraße der New Yorker Bronx einen beachtlichen Batzen Koks verkauft. Diesen genehmigt er sich zusammen mit einer Flasche Whiskey am Steuer seines Autos, bevor er in einem Club verschwindet, in dem nackte, glitzernde Körper Drogen konsumieren. Richie wirkt wie ein Fremdkörper in der Menge, die New York Dolls performen den Song Personality Crisis und treffen damit den Nagel auf den Kopf. Wir schreiben das Jahr 1973. Ein harter Schnitt und derselbe Mann sitzt in weißer Weste am Schreibtisch seines Imperiums. Über seinen Kopf trohnt die gerahmte Platte von Richard Strauß' Heldenleben. Als Voice Over führt Finnestra in die Serie ein und stellt sich dem Zuschauer höchstpersönlich vor. Eine kluge Entscheidung, die dem Zuschauer hilft, sich zwischen den häufigen Schauplatzwechseln und Zeitsprüngen zu orientieren.

Zwei Stunden, also Spielfilmlänge, konnte Martin Scorsese nutzen, um sich inszenatorisch auszutoben. Und das macht er auch. Aufwendige Kamerafahrten und - drehungen und clevere Montagen machen den Piloten von Vinyl zu einem visuellen Vergnügen. Eine der größten Stärken der ersten Episode ist die detaillierte Ausstattung der Kulissen - vom schweiß- und biergetränkten Rockschuppen bis hin zum Bürokomplex des Plattenlabels. Die liebevolle Genauigkeit der vielfältigen Kostüme katapultiert uns direkt zurück in die wilden Siebziger. Eine derartig authentisches Zeugnis seiner Zeit lieferte im Serienbereich der jüngeren Vergangenheit nur Mad Men ab.

Von einer Serie über das Musikbusiness erwarten wir natürlich viel Musik. Bühnen-Auftritte von Rockgrößen wie Led Zeppelin, Elvis, Little Richard, Lou Reed, Otis Redding und Alice Cooper bringen im Verlauf der Serie Konzerthallen zum Kochen. Spannend ist eine weitere Ebene, die über die Musik etabliert wird: Immer mal wieder driftet Richie in Tagträume ab, in denen vorwiegend Blues- und - Soulkünstler am heimischen Swimmingpool oder im Büro auftreten.

Bobby Cannavale kassierte den Primetime Emmy Award für die Rolle des sadistischen Gangsters Gyp Rosetti in der HBO-Serie Boardwalk Empire, jetzt spielt er als Richie Finnestra seine erste große Hauptrolle. Eine gelungene Casting-Entscheidung, denn er überzeugt als gespaltener Charakter, der zwischen dem seriösen, millionenschweren Geschäftsmann und dem cholerischen Drogenwrack schwankt, in jeder Sekunde. Olivia Wilde mimt Richies Frau Devon, ein geläutertes Down-Town Partygirl aus der Factory Andy Warhols, das nun als domestizierte Hausfrau und Mutter den Fixpunkt im rasanten Leben des Plattenbosses bildet. Noch bleibt die Rolle so blass wie die Haut der feinen Vorstadtdame, doch sie bietet Potenzial, das Wildes Können im Verlauf der Serie hoffentlich ausschöpfen wird. Eine der spannendsten Figuren ist Jamie Vine, verkörpert von der britischen Schauspielerin Juno Temple (Greenberg), die als Assistentin bei American Century Records Sandwiches reicht, aber ein feines Gespür für die Trends von Morgen beweist und so die ersten Stunden des Punks live miterlebt, was in einer Affäre mit Kip Stevens (James Jagger, dessen Name eine Erklärung seines Stammbaumes hinfällig macht), dem heroinsüchtigen, unterkühlten Leadsänger der englischen Punkband Nasty Bits, gipfelt. Die Frau könnte für das Schicksal von American Century Records eine entscheidende Rolle spielen.

Der Pilot zu HBO's neuestem Baby Vinyl ist ein vielversprechendes Period Piece, das dem Zuschauer genau das bietet, was er von den wilden Siebzigern wünscht: berauschende Live-Musik, wilde Partys, Sex, Drugs & Violence (in gewohnt hoher HBO-Dosis) verpackt im authentischen Gewand. Die weitere Entwicklung der fein gezeichneten Charaktere, Richies Schicksals und der pulsierende Musikszene der Metropole New York ist mit Spannung zu erwarten. Zeitgleich mit der US-Ausstrahlung auf HBO ist Vinyl ab heute Nacht hierzulande auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Online zu sehen.

Habt ihr euch die erste Folge von Vinyl angesehen?

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News