Jahresrückblick – Die besten Filme 2015

Ich seh, ich seh Mad Max: Fury Road
© Koch Media / Warner
Ich seh, ich seh Mad Max: Fury Road
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Meint es gut mit den Menschen.

Platz 10: Es ist schwer, ein Gott zu sein

In Mad Max: Fury Road bekommt das Publikum einen dystopischen Entwurf beinahe haptisch zu spüren durch Bilder von Sand und Sonne, Staub und Schrott. Überleben heißt darin nicht nur, gegen größenwahnsinnige Gotteskrieger zu kämpfen, sondern sich auch mit den lebensfeindlichen Bedingungen eines gegenaufklärerischen Endzeitszenarios zu arrangieren. Es ist schwer, ein Gott zu sein unternimmt ähnliche Versuche, synästhetische Eindrücke einer solchen Welt zu vermitteln, tüncht die vor Abscheulichkeiten überquirlenden Bilder aber dankenswerterweise in Sicherheitsabstand schaffendes Schwarzweiß. Als gnadenloses Erfahrbarmachen mittelalterlichen Lebens ist dieses Vermächtnis des russischen Filmemachers Aleksei German dennoch kaum zu ertragen – und damit natürlich vollends geglückt: Eine totale Textur aus Schlamm und Scheiße, wie man sie noch nie gesehen hat und vielleicht auch nie sehen wollte. Die Welt dieses Films erklärt sich weder narrativ noch figural, sie muss ganz einfach selbst erschlossen werden. Drei anstrengende, hochsinnliche Kinostunden, die keineswegs nur im Filmjahr 2015 ohne Vergleich blieben.

Platz 9: Big Eyes

Ein Meisterwerk wie Ed Wood, die damals erste Zusammenarbeit zwischen Tim Burton und den Drehbuchautoren Scott Alexander und Larry Karaszewski, ist Big Eyes leider nicht geworden. Anders als bei der Geschichte des posthum zum "schlechtesten Regisseur aller Zeiten" gekürten Edward D. Wood Jr. schien es hier nicht nötig, der Malerin Margaret Keane ein gleichermaßen realitätsentrücktes wie idealistisches Denkmal zu setzen, weil ihre melancholischen Ölbilder großäugig dreinblickender Straßenkinder zwar als Kitsch verhöhnt, aber auch millionenfach nachgedruckt wurden. Vielleicht konnte man also enttäuscht sein, dass der Film allenfalls implizit einen Kunstdiskurs führt, um sich der von ihrem tyrannischen Ehemann zu einer ökonomisch profitablen Lüge verführten Keane stattdessen sehr privat anzunähern. Dennoch wurde Big Eyes zu Unrecht ignoriert. Vor allem, weil er klug besetzt ist mit Christoph Waltz, dessen für gewöhnlich allzu gefallsüchtige Exaltiertheit hier einen angemessen finstersten Anstrich erhält, sowie der bei fast allen diesjährigen Preisverleihungen sträflich übergangenen Amy Adams, die die bislang komplexeste Rolle ihrer Karriere spielte.

Platz 8: It Follows

Man stelle sich vor, im Slasherkino würden die jugendlichen Protagonisten für ihre adoleszenten Begehrlichkeiten nicht mit dem Tod bestraft, sondern zur Promiskuität gezwungen. Das ist, je nach Lesart, die Prämisse von It Follows. Zwar bekommt es die hier nach The Guest erneut als neo-klassische scream queen auftrumpfende Maika Monroe mit einem bösen Verfolger zu tun, weil sie wie ihre Genrevorgängerinnen Sex hat – doch kann sie ebendiesen auch nur durch erneuten Sex wieder loswerden. It Follows bebildert teenage angst als eine wortwörtlich nicht zu stoppende Macht: Im Coming-of-Age-Kino sonst eher melancholisch verhandelte Themen wie sexuelle Unsicherheit oder Misstrauen gegenüber Schutzbefohlenen gerinnen zum konkreten Bedrohungsszenario, bei dem es um Leben und Tod geht. Die gerade nicht diffusen Ängste heranwachsender Vorstadtkids versteht Regisseur David Robert Mitchell als existenzielle Bedrohung. Dass dieser kleine Horrorfilm in den USA ein unerwartet großes Publikum eroberte, braucht einen nicht wunderzunehmen: Ebenso wie der leider ungleich weniger geschätzte Unknown User repräsentiert er ein Genrekino, das die Befindlichkeiten seines Zielpublikums selten zuvor so effektiv anzusprechen vermochte.

Platz 7: Ich seh, ich seh

Ich seh, ich seh – das ist ein wunderschöner Titel, dem der Film in nichts nachsteht. Wenngleich schön freilich relativ ist: Die hier bis zum Folterexzess reichenden Versuche eines jungen Zwillingspaars, der eigenen Mutter das Muttersein absprechen zu wollen, sind natürlich gar nicht schön. Sie sind sogar derart unschön, dass sich aus diesem von Ulrich Seidl produzierten und dessen Kino ästhetisch auch nahe stehenden Film ein äußerst sinistres Vergnügen ergibt. Mit österreichischem Arthaus-Naturalismus hat Ich seh, ich seh jedenfalls nur auf den ersten Blick etwas gemein. Er ist hochgradig affektreiches Horrorkino, das seine Programmfilmtauglichkeit als hinterhältiges Mittel zum Zweck nutzt. Seit Robert Mulligans The Other gab es keine so faszinierenden wie finsteren Zwillingsbrüder zu sehen. Und erst dort, wo Grusel auch auf sentimentale Art fassbar gemacht wird, kann er tatsächlich beunruhigen – ganz zu schweigen von den Ausschnitten der Guten Abend, gute Nacht trällernden Trapp-Familie, mit denen die beiden Regisseure Severin Fiala und Veronika Franz ihren Film eröffnen!

Platz 6: Mia madre

Manche Zuschauer verstehen unter starken Frauenrollen im Kino weibliche Figuren, die selbstsicher auf- und gegebenenfalls sogar kräftig zutreten, obschon eine interessant und vielschichtig geschriebene Frauenrolle so viel stärker sein kann als jede Ellen Ripley. Zuletzt beklagte Geraldine Chaplin gegenüber Spiegel Online, dass es für Frauen in Hollywood kaum komplizierte Rollen gäbe ("Dabei sind Frauen so kompliziert!"). Mia madre, der sehr intime und persönliche Trauerverarbeitungsfilm des italienischen Kritikerlieblings Nanni Moretti, vermittelt eine Ahnung davon, was starke Frauenrollen im Kino bewegen können. Statt sich eitel selbst in Szene zu setzen, macht Moretti die Bühne frei für Margherita Buy. Sie spielt eine Filmemacherin, der sowohl der Gesundheitszustand ihrer todkranken Mutter als auch Querelen mit Ex-Männern und selbstgefälligen Schauspielern zusetzen. Viele kluge Beobachtungen stecken in dieser Geschichte über starke Frauen und starke Mütter. Am Ende geht es nicht allein um den Verlust eines geliebten Menschen, sondern auch des mit ihm verbundenen Wissensvorrats. Wenn ein Film immer nur so gut ist wie seine Schlusseinstellung, dann ist Mia madre ein mehr als guter Film.

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