Ohne Tom Cruise wäre Hollywood verloren

Mission: Impossible, aber Tom Cruise macht sie möglich
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Meint es gut mit den Menschen.

Meine letzte Liebeserklärung an Tom Cruise liegt über drei Jahre zurück, in Cruise-Zeit gemessen ist das eine Ewigkeit. Am Tag ihrer Veröffentlichung erschien in The Village Voice ein Artikel, der erklärte, wie "das Internet Amerikas letzten Filmstar tötete". Die These: Nachdem Cruise 2005 im Fernsehen durchgedreht sein soll, ging erstmals ein Promivideo des frisch gegründeten Portals YouTube viral, nämlich der auf wenige Bilder reduzierte Ausschnitt jenes 45-minütigen Gesprächs mit Oprah Winfrey, das sich eigentlich ganz anders abgespielt habe. Cruise sei zum ersten Opfer des TMZ-Zeitalters geworden, die Auswirkungen hätten weder er noch seine Berater antizipieren können. Was für ein Twist.

Drei wesentliche Cruise-Jahre. Er drehte den ziemlich unterschätzten Edge of Tomorrow, der schon deshalb zu Unrecht kein Megahit wurde, weil er sich mit etwa zwei Dutzend liebevoll inszenierten Tötungen der in einer Zeitschleife gefangenen Hauptfigur besonders an Cruise-Skeptiker richtete. Auch eine neue Mission: Impossible galt es zu erfüllen, unmöglich war an ihr selbstverständlich nichts, am wenigsten ein in 1500 m Höhe vom fliegenden Airbus A400M baumelnder Cruise. Und zuletzt war er im übel beleumundeten Reboot von Universals Mumie zu sehen, ein irres Verlustgeschäft, das Hollywood eigentlich niemandem durchgehen lassen würde. Außer dem größten kleinsten Kinostar.

Unaufhörlich also steht Cruise vor der Kamera, Barry Seal - Only in America ist bereits sein zweiter Film in diesem Jahr. Seit der Scheidung von Katie Holmes scheint er sich ganz auf die Karriere konzentrieren zu wollen (oder zu müssen), mit vermeintlich Privatem hat er länger keine Schlagzeilen gemacht. Sollte es tatsächlich, wie 2015 in der Scientology-Dokumentation Going Clear beschrieben, eine Sonderabteilung seiner berüchtigten Science-Fiction-Organisation nur für Ehefrauenarrangements geben, hat sie derzeit offenbar wenig zu tun. Ihr Star darf endlich wieder Synonym für Kino sein, auf TV-Studiocouchen wird er so schnell nicht mehr herumhüpfen.

Tom Cruise bekommt sich momentan selbst nicht zu fassen, und das ist natürlich spannend. 30 Jahre lang war er einer der absatzfähigsten Hollywoodnamen, vom Erfolg geküsst wie kein anderer Schauspieler seiner Generation. In dieser Zeit gestattete er sich Kursabweichungen nur, wenn sie kontrollierbar blieben: Solange der nächste Hit beschlossene Sache war, konnte er bedenkenlos in kommerziell weniger aussichtsreichen Filmen von Stanley Kubrick, Paul Thomas Anderson oder Robert Redford auftreten. Eine wirkliche Fallhöhe gab es da nicht, im Gegenteil. Die Zusammenarbeit mit solchen Filmemachern diente der künstlerischen Absicherung. Zweites Standbein Schauspiel, gewissermaßen.

Davon hätte Cruise eigentlich Gebrauch machen können, als seine Filme hinter den Erwartungen zurückblieben (Operation Walküre, Knight & Day) und schließlich gigantische Flops wurden (Rock of Ages, Die Mumie). Passiert ist allerdings etwas, das absehbar und überraschend zugleich war: die Erfindung des Actionstars Tom Cruise. In diesem späten Karrieremodus treffen die Voraussetzungen des brachliegenden Hollywood-Starsystems auf einen Mann, der sich nach wie vor als dessen größter Repräsentant versteht. Das Marketing seiner Filme soll jetzt vorrangig die Frage verhandeln, welche gefährlichen Stunts der furchtlose Cruise nun wieder ausgetüftelt hat.

Zu diesem Zweck präsentiert er sich agiler denn je, auch optisch wirkt manches an ihm generalüberholt (die Mär vom ewig jung aussehenden Cruise ist eben genau das: eine Mär). Bei der Premiere von Die Mumie ließ der 55-jährige das Publikum wissen: "Ich drehe nicht einfach nur einen Film. Ich gebe alles, was ich habe, und erwarte das auch von jedem anderen." Regie und Produktion nahm er dafür gleich in die eigene Hand, berichtete Variety. Ob Cruise sein Actionimage einmal wie Clint Eastwood oder Sylvester Stallone reflektieren wird? Der eine machte das fortgeschrittene Alter als Karriereabgesang nutzbar, der andere ließ körperliche Gebrechen selbst zur Erzählung werden.

"Nicht einfach nur ein Film", das war schon immer die Arbeitsethik von Cruise: Geschichten, größer als das Leben, und mittendrin ein Star, der das auch über sich selbst Glauben machen will. Vom Kino spricht er wie ein Architekt, der überzeugt ist, noch das unwahrscheinlichste Gebäude in die Welt setzen zu können: "Ich gestalte Filme nach meinen Fähigkeiten und treibe meine Fähigkeiten an, um Dinge zu erreichen". So wunderbar widersprüchlich klingt nur pure Ideologie. Zwei Jahre trainiere er bereits für einen Stunt, der ihm seit 2002 im Kopf herumschwirre, zum Einsatz kommen soll er bei Mission: Impossible 6. Die Messlatte hängt hoch, buchstäblich – Cruise in a nutshell.

Ein zukunftsträchtiges Modell ist das nicht, auch wenn der "operierende Thetan" Stufe soundso den großen Akrobaten der Filmgeschichte telepathische und telekinetische Kräfte voraushat. Man kann es konsequent finden, dass er sein immer schon beherrschtes Schauspiel mittlerweile als körperliche Selbstoptimierung betreibt. Die Zeiten, in denen Cruise das Gerichtsdrama wie den Vampirfilm im Alleingang renovierte, sind vorbei. Er kann ein Publikum heute nicht mehr für Managerkomödien und Agententhriller gleichermaßen begeistern, es mühelos mit neuen Stoffen vertraut machen. Den systemischen Faktoren des Gegenwartskinos hat auch er sich fügen müssen. Immerhin zu eigenen Bedingungen.

Dass Tom Cruise andererseits nach wie vor Filme so dreht, als spazierten Zuschauer nicht ausschließlich in Disney- und Marvel-Tentpoles, sondern weiterhin auch in jeden neuen "Cruise", ist natürlich großartig. Trotz des Mumien-Debakels können sich jene, die es wirklich tun, auf eine gewisse Qualitätskontrolle verlassen. Neben mehr (Mission: Impossible) oder weniger (Jack Reacher) gut laufenden Marken bemüht er sich um ein wenigstens annähernd originelles Blockbuster-Kino (Oblivion, Edge of Tomorrow), als Barry Seal kehrt er sogar zu seinen komödiantischen Ursprüngen zurück. Cruise hat sich nicht eingerichtet. Er überlässt es anderen, zehn Mal hintereinander Iron Man zu spielen.

"I'm actually not a human being", beantwortete Cruise im sonderbaren Gespräch mit dem Nerdist-Podcast scheinbar witzelnd die Frage, ob er als Mensch gelegentlich missverstanden werde. Hätte er sich nicht vor wenigen Wochen den Knöchel gebrochen, müssten wir vielleicht tatsächlich auf Ideen kommen. 64 Mal hob er mit dem Airbus A310 für die Schwerelosigkeitssequenz seines vorletzten Films ab, 64 Mal freier Fall und kein bisschen Übelkeit. Dieser Kampf um das Publikum ist unbedingt auch einer für das Kino. Schauspieler, die ihr Leben riskieren, und Menschen, die Superhelden zu sein glauben: Tom Cruise lässt selbst Hollywoods schwerste Phase ganz leicht aussehen.

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