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Schwärmintellektuelle

Let my people... write!
© AMC / moviepilot
Let my people... write!

Moses kommt vom Berg, er schleppt schwer an den 10 Geboten. Er räuspert sich, und noch bevor er das erste vorgelesen hat, melden sich erste Stimmen aus der Menge: “Lauter!” – “Dauert das noch lang?” – “Hat wer meinen Hund gesehen?” – “Seht mal da! Der Busch brennt!” – “Löschen wir ihn!” – “Lööö-schen!!! Lööö-schen!!!” – Und das war’s dann, der Brand war schnell unter KonTrolle und Gott durchnässt. Kannste voll dran glauben.

Wir wussten schon immer alles besser. Wir wissen wie Dexter hätte aufhören müssen, das Breaking Bad Finale hätten wir selbstredend noch besser gestaltet, und kommt uns besser gar nicht erst mit Lost! War ja eh klar. Die Welle – ach was – den Tsunami der Entrüstung haben wir ja schon längst kommen sehen.

“Reif für die Insel” (Peter Cornelius)

Aber wo wir gerade so nah am Wasser sind: Im Meer der Fans entwickelt sich eine Masse an Möglichkeiten und umspült beständig wiederkehrend die Inseln der Film und Serienschöpfer – mal unterspülen sie deren Ideen, die dann in sich zusammen krachen, ein anderes Mal bricht sich die Welle am soliden Fundament einer Insel und sprüht vor Wut schäumend eine Gischtfontäne darüber. Manches versinkt auf ewig im Meer, anderes wächst aufgrund seiner Vulkantätigkeit stetig über sich hinaus, manche Atolle geraten in Vergessenheit und lohnen wiederentdeckt zu werden. Das Wasser hat dabei den Vorteil, dass eine neue Strömung es an andere Orte führen kann, während die Ideen und ihre Schöpfer auf ihren Inseln fest sitzen, lieber bleiben wo sie sind, und nur dann weiter ziehen, wenn es auf ihrer Insel nichts mehr zu tun gibt, sie “fertig” mit ihr sind.

Das Wasser kann seine Meinung ändern, mal Ebbe und ebenso Flut sein, während eine Insel zu etwas stehen muss – auch zu seinen Schwächen. Aber jeder dieser Autoren auf seinen Inseln weiß, dass am Ende immer das Wasser gewinnt, dass von ihren Werken vielleicht nichts bleiben wird, und ihr Material als Baumaterial an anderer Inseln Strand gespült wird. Autoren haben Respekt vor dem Wasser, und besonders vor der darin gelegentlich anzutreffenden Schwarmintelligenz.

Jetzt komme ich zwar vom Wasser zu den Fischen, aber auf der Suche nach einem geeigneten Bild für die Wechselwirkung zwischen Autoren und Fans wollte ich so lange wie möglich ohne konkrete Namen auskommen, damit ich niemandem auf die Füße trete, und aus den Untiefen des Meeres kein Lampenfisch aufsteigt, mir ins Gesicht leuchtet, mich blendet und verschlingt, oder mir seinen Giftstachel in den Allerwertesten rammt – Verzeihung, ich war noch nie eine Leuchte bei Meerestieren. Unter denen gibt es immer solche, die alles erraten, noch ehe die zugehörige Idee vom Insel-Autoren (dazu passt deren Insolvenz) in Stein gemeißelt ist, oder gar eine bessere Idee haben, wie es mit deren Geschichte weiter gehen könnte. Wäre es nicht fantastisch, wenn wir dieses so oft brach liegende Potential in Zukunft für bessere Geschichten nutzen könnten?

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moviepilot Team
Kängufant Andreas Gerold
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Lovely, in a fluffy, moist kind of way.

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