Jean-Pierre Melville

Beteiligt an 17 Filmen

Das Hauptwerk von Jean-Pierre Melville besteht aus seinen düsteren Gangsterfilmen, die bekanntesten sind wohl Der eiskalte Engel oder Vier im roten Kreis. Der Regisseur arbeitete mit unzähligen Stars zusammen: Jean-Paul Belmondo, Lino Ventura, Jean-Pierre Cassel und Yves Montand folgten ebenso seiner Regie wie Simone Signoret und Catherine Deneuve. Jean-Pierre Melville schätzte den amerikanischen Film Noir, seine Drehbücher schildern hard-boiled Charaktere in düsteren, schicksalshaften Geschichten.

Überhaupt ist das Schicksal ein wesentliches Element seiner französischen Noirs: Die Coups, Überfälle und Fluchten werden stets vom Pech verfolgt oder von unerwarteten Zwischenfällen vereitelt, oft wissen die Charaktere, dass ihr Tun zum Scheitern verurteilt ist und verfolgen ihre Pläne trotzdem stoisch bis zum bitteren Ende.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil vieler Filme von Jean-Pierre Melville ist die meist schwierige Beziehung zwischen den Figuren: Komplizen betrügen einander, Frauen verraten ihre Männer, Bosse lassen ihre Untergebenen im Stich, Absprachen, Pläne und Bündnisse sind jederzeit latent gefährdet, doch den Protagonisten bleibt nichts anderes übrig, als Vertrauen zu beweisen oder selbst zu betrügen.

Schon der erste Langfilm des Regisseurs ist ein Beispiel für ungewöhnliches Storytelling: Die Romanverfilmung Das Schweigen des Meeres (1949) ist ein Kammerspiel mit drei Personen, von denen nur eine spricht. In Drei Uhr nachts (1956) planen einige Kriminelle einen Casinoraub, doch nicht nur die Polizei ist ihnen auf der Spur, paradoxerweise gefährdet das Glück des Anführers das ganze Unternehmen. Etwas untypischer ist Die Millionen eines Gehetzten (1963) geraten. Das Roadmovie schildert das Zweckbündnis zweier Flüchtiger, zwischen denen nicht nur ein erheblicher Altersunterschied besteht, zwischen ihnen steht auch viel Geld, dass die wackelige Beziehung zueinander belastet.

Von 1966 bis 1970 inszenierte Jean-Pierre Melville seine klassischen Werke und festigte endgültig seinen strengen, nüchternen Stil. In Zeiten der Novelle Vague waren seine unmodernen Filme nicht sonderlich beliebt bei den Kritikern und verschwanden schnell aus den Kinosälen. Der wortkarge Alain Delon in Der eiskalte Engel (1967) und die beiden langen Werke Der Zweite Atem (1966) und Vier im roten Kreis (1970) wurden erst Jahre später neu entdeckt und gelten inzwischen als Referenzfilme.

1969 drehte Jean-Pierre Melville mit Armee im Schatten einen Farbfilm, den er allerdings gewohnt düster inszenierte. Dabei verarbeitete der Regisseur seine Erfahrungen in der Résistance während der deutschen Besatzung. Als Soldat legte er sich den Nachnamen seines Lieblingsschriftstellers zu (Herman Melville, bekanntestes Werk: Moby Dick).

Wer nun Lust hat auf einen der Klassiker, aber nicht unbedingt auf 140 Minuten Laufzeit, dem sei zur Sichtung von Der Teufel mit der weißen Weste geraten. Der Film entstand bereits 1962 und ist wegen seiner clever verschachtelten Handlung um Vertrauen und Verrat und dem dramatischen Finale einer der Lieblingsfilme von Quentin Tarantino und vielleicht der Beste von Melvilles Gangsterfilmen.

Im Oeuvre der Noirs zu Unrecht oft vergessen wird der zweite Spielfilm Die schrecklichen Kinder (1950) von Jean-Pierre Melville. Besonders interessant ist das Jugenddrama, da der Autor der Buchvorlage, Jean Cocteau, ein ebenso passionierter Filmemacher war und großen Einfluss auf die Produktion ausübte. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Drama, das in der ersten Hälfte so energiegeladen und verspielt ist wie kein anderer Film von Jean-Pierre Melville. Im zweiten Teil entpuppt sich Die schrecklichen Kinder dann als düster bebildertes Drama mit wunderbarem Setdesign und einem bewegenden Finale. Leider ist der Film auf keiner deutschen DVD erhältlich.

Auch heute noch ist Jean-Pierre Melville recht unbekannt, doch in Zeiten von gesichtslosen Fließbandthrillern kommt man nicht umhin, die Filme eines Regisseurs zu beachten, der seinen einzigartigen Stil gefunden hat und dessen Werke zeitlos sind. Melville prägte das Kino nachhaltig und zählt zu den großen Cineasten Frankreichs.

„Melville was the coolest, most stylish of auteurs!“
- John Woo



Dieser Text stammt von unserem User Tom Schünemann, der dem einen oder anderen von euch unter dem Namen Filmsüchtiger bekannt sein dürfte. Wer ebenfalls Text-Ideen oder bereits was aufgeschrieben hat, wende sich an ines[@]moviepilot.de.

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4 Kommentare

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SoulReaver

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„Es ist diese Glaubwürdigkeit, die aus Marionetten reale Menschen werden lässt, die wichtig ist.“

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hoffman587

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Nachdem ich mir gerade eben "Un flic" von ihm gesehen, muss ich sagen ich bin von seiner Arbeit, seinem Stil, etc. einfach baff, ein großartiger Regisseur, ich sollte mir am besten noch" Vier im roten Kreis" und "Der eiskalte Engel" ansehen.
Aber fürs erste bin ich einfach nur ein Fan von ihm.

11 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir 4 Antworten

thedirector

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Auch einer meiner absoluten Lieblingsregisseure.
Ich kann dir nebst "Le Samourai" und "Le Cercle Rouge" noch undbedingt "L'Armée des Ombres" ans Herz legen, meiner Meinung nach einer seiner besten Filme.


hoffman587

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Okay, danke für den Tipp, ich hab mir den dann auch schon mal vorgemerkt.


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