Black Mirror - Staffel 3, Episode 4 im Recap

Black Mirror - Staffel 3, Episode 4: San Junipero mit Gugu Mbatha-Raw und Mackenzie Davis
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Black Mirror - Staffel 3, Episode 4: San Junipero mit Gugu Mbatha-Raw und Mackenzie Davis
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Schaut zu viel ins Internet.

Wenn heutzutage eine Serie von ihrem ursprünglichen Sender abgesetzt wird, bedeutet dieser Umstand nicht gleich den Tod des gesamten Formats. Ein kurzer Blick in die vergangenen Jahre beweist, dass gute Ideen weiterleben - sei es in Form eines Kinofilms, wie es bei Firefly ‒ Aufbruch der Serenity der Fall war, oder durch das Interesse eines anderen Senders, zuletzt gesehen beim Supergirls Übergang von CBS zu The CW. Auch Netflix hat in jüngerer Vergangenheit ein sehr glückliches Händchen damit bewiesen, vermeintlich ausgedienten Produktionen neuen Atem einzuhauchen. Die überragende 4. Staffel von Arrested Development ist wohl das bis dato beste Beispiel dafür, bekommt aber mit der 3. Staffel von Black Mirror starke Konkurrenz. Nachdem sich Channel 4 vor zwei Jahren mit der Ausstrahlung des Weihnachtsspecials White Christmas von der gefeierten Anthologieserie Black Mirror verabschiedete, übernahm Netflix die Fortführung.

Doch hat sich die Rückkehr von Black Mirror tatsächlich gelohnt? Nach der 4. Episode, San Junipero, lässt sich diese Frage trotz schwacher Segmente im Voraus mit einem deutlichen Ja beantworten. Serienschöpfer Charlie Brooker, der auch das Drehbuch zum herausragendsten Kapitel der 3. Staffel geschrieben hat, beweist einmal mehr, dass er definitiv zu den kreativeren wie weitsichtigeren Köpfen gehört, die sich mit dem technologischen Fortschritt und seinen Auswirkungen auf unser Leben auseinandersetzen. Darüber hinaus punktet San Junipero mit zwei fantastischen Hauptdarstellerinnen: Auf der einen Seite wäre da die aus Halt and Catch Fire bekannte Mackenzie Davis, auf er anderen Seite Gugu Mbatha-Raw, die jüngst im Musikdrama Beyond the Lights für Aufsehen sorgte. Der aufregendste Aspekt von San Junipero ist jedoch ein anderer, nämlich jener, wie sich das einstündige Drama unaufgeregt und trotzdem extrem einnehmend nach und nach entfaltet.

Als würde sich langsam ein Vorhang aufziehen, der erst zum Schluss die vollkommene Schönheit von dem offenbart, was sich dahinter verbirgt, enthüllt San Junipero von Minute zu Minute mehr Details, die die Geschichte und ihre Figuren in einem faszinierenden Gedankenspiel verankern. Dabei ist es unheimlich spannend, herauszufinden, in welche Richtung sich das Narrativ entwickelt - immerhin startet die Episode in einem für Black Mirror-Verhältnisse eher untypischen Schauplatz: der Vergangenheit. Vor schwarzem Hintergrund wird der titelgebende Name der Küstenstadt eingeblendet, in der sich ein Gros der Handlung abspielt. Danach übernimmt das gleichmäßige wie beruhigende Rauschen des Meeres die Bühne, bevor eine weitere Einstellung in die leuchtenden Straßen des idyllischen Ortes entführt. Eine Reklametafel wirbt für The Lost Boys, die Menschen tragen 1980er-Klamotten und in den Clubs befindet sich direkt neben der Tanzfläche ein Bereich mit klassischen Arcade-Games.

In dieser Welt ist Yorkie (Mackenzie Davis) eine Außenseiterin. Schlabbriger Pullover, kugelrunde Brillengläser und eine Körperhaltung, die alles andere als Selbstsicherheit zum Ausdruck bringt: Zwischen all den Menschen, die im Tucker's die Vorzüge eines Samstagabends ohne Verpflichtungen genießen, fühlt sich Yorkie weder wohl noch anerkannt. Es könnte fast der Eindruck entstehen, Yorkie wäre unsichtbar, nur ein Gast in diesem nostalgischen Zirkus, der viel zu viele Klischees bedient, um echt sein zu können. Plötzlich wird sie allerdings aus ihren Tagträumen herausgerissen, als die impulsive Kelly (Gugu Mbatha-Raw) in ihr Leben tritt. Der Zufall provoziert die unerwartete Begegnung, die ein paar Stunden später im schüchternen Streit endet. Niedergeschmettert, verwirrt und trotzdem so lebendig wie nie macht sich Yorkie auf den Heimweg. Der Mond spiegelt sich in einer Pfütze. Der nächste Samstag kommt bestimmt.

Eine Woche später ist es so weit und Yorkie trifft ein zweites Mal auf Kelly, in die sie sich verliebt hat. Dieses Mal nimmt der Abend einen versöhnlicheren, glücklicheren Ausgang. Doch die beiden können nicht ewig zusammensein, denn irgendwann neigt sich auch dieser Samstag dem Ende - und dann geht das Warten auf die nächste unbeschwerte Nacht im Rausch der Lichter und Dünen von vorne los, stets von der bedrohlichen Angst begleitet, es könnte die letzte sein. Auf einmal passiert es wirklich und Kelly ist spurlos verschwunden. Yorkie ist außer sich vor Frust und Sorge, erhält jedoch den - zumindest für uns Zuschauer - kryptischen Hinweis, sie soll es in einer anderen Zeit probieren. Richtig, in einer anderen Zeit und nicht zu einer anderen Zeit. Spätestens ab diesem Punkt beginnt Charlie Brooker, mehr und mehr von seiner Vision preiszugeben. Die Figuren und ihre Beziehung wurden etabliert, ebenso die Geheimnisse, die sie voreinander verbergen.

Der nächste Samstagabend soll allerdings Licht ins Dunkel bringen, denn dieses Mal findet sich Yorkie in den 1990er Jahren wieder. Im Kino sorgt Wes Cravens Scream für schreiende Besucher, während Pac-Man verzweifelt versucht, seinen Weg durch das Labyrinth von Level 256 zu finden. Von Kelly fehlt jedoch weiterhin jede Spur - auch eine weitere Dekade später, wenn Jason Bourne zum ersten Mal die große Leinwand erobert und die klotzigen Arcade-Automaten wie unförmige Fremdkörper wirken, vermutet Yorkie, sich in Raum und Zeit geirrt zu haben, bis sie auf der Tanzfläche im Tucker's ein vertrautes Gesicht entdeckt. Als wäre keine Sekunde seit ihrem letzten Treffen vergangen, bahnt sich Kelly ihren Weg durch die Menge und auf einmal sind zwei Menschen wieder vereint, die sich in Wahrheit noch nie in ihrem echten Leben getroffen haben. San Junipero ist eine Fantasie, ein Zufluchtsort, eine virtuelle Realität. Die Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen hierher, denn hier ist die Welt noch in Ordnung.

Keine Verantwortung, keine Konsequenzen: Nichts in San Junipero ist echt, obgleich (oder weil) es dem Paradies gleicht. Selbst wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, fügt sich das Naturschauspiel in den Schein der perfekten Idylle, die für therapeutische Maßnahmen geschaffen wurde. Denn in der echten Welt sind Yorkie und Kelly sterbende Menschen, die genau wissen, dass ihre Zeit bald abläuft, selbst wenn sie sich gegenseitig die Wahrheit verweigern. Als letzte Bastion der Sorglosigkeit soll San Junipero nicht nur zu Lebzeiten Weltflucht bieten, sondern auch danach als Ort für die Ewigkeit fungieren. Wenngleich der Körper stirbt, so kann der Geist für immer und ewig in den Straßen der verträumten Küstenstadt verweilen, die sich unermüdlich den Ansprüchen an eine heile Welt anpasst. Selbst ein zertrümmerter Spiegel bleibt ohne Schmerz und Scherbenhaufen. Sofort wird der Schauplatz neu geladen, um die makellose Illusion aufrechtzuerhalten.

Was aber fühlt man überhaupt noch in dieser Welt? Kelly erzählt, dass es ihr vorwiegend um den Spaß geht, all jene Dinge aus ihrer Jugend nochmal zu erleben. "At least you should feel something", antwortet Yorkie schließlich auf eines jener Gespräche, die sich um die Frage drehen, welche Rolle die virtuelle Realität tatsächlich in ihrem Leben einnehmen kann und darf. Langsam, aber sicher bekommen wir Einblick in das Spektrum an existenzphilosophischen Diskursen, mit denen Charlie Brooker sein atemberaubendes Gemälde San Junipero unermüdlich füttert. Gleichzeitig lässt er sich nie von seinen Überlegungen so sehr ablenken, dass Yorkie und Kelly als Mittel zum Zweck degradiert werden. Die Figuren und ihre Gefühle bilden nach wie vor den Mittelpunkt des Geschehens. San Junipero ist eine Meditation über das Alter, das Sterben, das Leben, das Echte, das Unechte, Träume, Wünsche und Enttäuschungen. Jetzt gilt es nur noch, ein letztes Risiko einzugehen.


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