Rückblick

Crowdfunding - Schwarmfinanzierung im Filmjahr 2014

Blue Ruin
© Falcom Media
Blue Ruin

Am Donnerstag erfährt ein kleiner Independent-Film eine eingegrenzte Veröffentlichung in deutschen Kinos, der wohl unter dem Radar vieler Filmfreunde geflogen sein dürfte: Blue Ruin von Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Jeremy Saulnier ist ein dreckiger, kleiner Rache-Thriller und handelt vom Obdachlosen Dwight Evans (Macon Blair), der auf einen blutigen Rachefeldzug geht, um den Tod seiner Eltern zu rächen. Der Film wurde bei der Kritik gut angenommen und für ein Mini-Budget von gerade einmal 420.000 US-Dollar produziert, was für den Regisseur und seine Familie ein kolossales Risiko darstellte. So soll Saulnier, der zunächst keine Fremdfinanzierung des Projekts erwirken konnte, das gesamte Budget von Kreditkarten, Freunden und Familie bezogen und sich damit hoch verschuldet haben. Einen nicht unwesentlicher Teil des Budgets konnte er dabei aber auch durch die Crowdfunding-Plattform Kickstarter beziehen, wo vertrauensvolle Menschen rund um den Globus das Projekt mit immerhin knapp 38.000 US-Dollar unterstützten.

Kickstarter ist wohl die berühmteste Crowdfunding-Plattform im Internet, doch sie ist bei weitem nicht mehr die einzige. Auch andere Seiten wie Indiegogo und Startnext helfen im immer größer werdenden Rahmen, visionäre Projekte noch unbekannter (mittlerweile aber immer öfter auch bekannter) Erfinder und Künstler von Produkten wie technischen Gadgets, Videospielen oder eben auch Filmen finanziell zu unterstützen und so echte Perlen menschlichen Schaffens zu fördern, die sonst möglicherweise niemals das Tageslicht erblicken würden. Das Prinzip dahinter ist den meisten inzwischen bekannt und ebenso wissen wir, dass das System hinter dem Begriff Crowdfunding nicht immer einwandfrei funktioniert und durchaus auch genügend Basis für schwarze Schafe bietet, die sich selbst auf Kosten anderer bereichern wollen. Die Schattenseiten der Schwarmfinanzierung wurden oft genug durchgekaut und deswegen legen wir heute unser Augenmerk lieber einmal auf einige der wichtigsten Film-Projekte aus dem Jahr 2014, bei denen Crowdfunding eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Mehr: Crowdfunding-Kampagnen beim Film - Fluch oder Segen?

Los ging es im Februar diesen Jahres mit einem echten Herzensprojekt vieler deutscher Fans: Nach gut 10 Jahren der Serie Stromberg auf ProSieben kam der Papa (Christoph Maria Herbst) dank Crowdfunding, wo immerhin 1 Million des 3,3 Millionen Euro starken Budgets erzielt wurden, auf die große Kinoleinwand und bespaßte mit Stromberg: Der Film unter der Regie von Arne Feldhusen in gewohnt hoher Qualität die Fans der Serie, aber auch Menschen, die ohne Vorkenntnisse ins Kino gingen. Dabei spielte der Film weltweit über 24 Millionen Euro ein, was in diesem Fall auch einen Bonus für die Investoren des Films zur Folge hatte, die am Gewinn beteiligt wurden.

Im März kam es zur Veröffentlichung eines weiteren Filmes mit TV-Serien-Hintergrund: Für Veronica Mars schoss Serienschöpfer Rob Thomas innerhalb kürzester Zeit über das angestrebte Ziel von 2 Millionen US-Dollar auf Kickstarter hinaus und wurde bis zum Ende der Kampagne mit fast 6 Millionen US-Dollar unterstützt - ein sensationeller Erfolg, der Rekorde brach. Der Film selbst stellte am Ende, ähnlich wie der Stromberg-Film, nicht nur Fans der Serie zufrieden, sondern bot laut allgemeinem Kritikerkonsens auch Nichtkennern solide bis gute Thrillerkost, die viel Augenmerk auf ihre Charaktere legt. Allerdings floppte der Film und spielte weltweit gerade einmal knapp 3,5 Millionen US-Dollar an den Kinokassen ein.

Das am prominentesten und kontroversesten diskutierte Crowdfunding-Projekt des Jahres war wohl mit Abstand der bei uns im Oktober angelaufene Wish I Was Here von Scrubs-Star Zach Braff, der für die Finanzierung seines zweiten Kinofilmes über 3 Millionen US-Dollar auf Kickstarter erzielte - und damit aufgrund seines nicht gerade geringen Privatvermögens teilweise harsche Kritik in den Medien erntete. Davon unabhängig (oder vielleicht auch nicht?) erhielt der Film auch nur durchwachsene Kritiken, da er laut Kritikerspiegel thematisch wenig neues behandle. Freunde des eher lakonischen Feelgood-Kinos und Zach Braff-Fans hat der Film dennoch zu großen Teilen überzeugen können. Doch auch Wish I Was Here wurde kein Erfolg am internationalen Box-Office, wo er nur knapp 5,5 Millionen US-Dollar einspielen konnte.

Mehr: Ist die Crowdfunding-Kritik an Zach Braff unfair?

Der bereits erwähnte Blue Ruin entführt uns diesen Dezember in ausgewählten Kinos auf einen Rachetrip der besonders bodenständigen Art: Jeremy Saulnier inszenierte die Gewalt, vermutlich nicht zuletzt wegen des knappen Budgets, in einer äußerst geerdeten, realistischen und deswegen für den Zuschauer umso schmerzvolleren Art, was, zusammen mit dem hervorragenden Spiel von Hauptdarsteller Macon Blair, der emotional geladenen, aber stets ruhig erzählten Rachestory umso mehr Rückgrat verschafft. Blue Ruin erzielte bisher knapp 1 Million US-Dollar an den internationalen Kinokassen, was ihn zwar auch nicht zum Box-Office-Überflieger macht, im Rahmen seiner begrenzten (noch andauernden) Veröffentlichung und geringen Popularität als durchaus zufriedenstellendes Geschäft zu werten sein dürfte.

Besondere Erwähnung soll hier noch The Babadook von der australischen Regisseurin Jennifer Kent finden: Der Horrorfilm erhielt nach zahlreichen Filmfestivals im November eine eingeschränkte Veröffentlichung in den USA und gehört zu den großen Geheimtipps der letzten Jahre im Horrorgenre. Von seinen 2 Millionen US-Dollar Budget wurden zwar nur 30.000 US-Dollar über Kickstarter gesammelt, doch diese wurden bewusst in den Feinschliff künstlerischer Aspekte wie Kostüme, Sets und Effekte gesteckt, um den Streifen unter hoch-budgetierten Filmen konkurrenzfähig zu machen - und das ist gelungen. The Babadook sieht um einiges teurer aus als er war und hebt sich unter seinen Genre-Kollegen endlich einmal wieder als Film ab, der auf wahren Horror statt auf stumpfe Jump-Scares setzt und den Schrecken in einer einfühlsamen Geschichte verankert. Der Film spielte bisher knapp 4 Millionen US-Dollar weltweit ein - kein schlechtes Ergebnis. Leider ist für diese Perle noch keine Veröffentlichung in Deutschland in Aussicht.

Es bleibt festzuhalten, dass das Crowdfunding-System trotz aller Kontroversen und Negativpunkte eine hervorragende Plattform sein kann, um echte Filmperlen zu fördern. Ebenfalls bemerkenswert ist die zu verzeichnende Annäherung auch namhafter Regisseure weg vom Studiosystem und hin zu den direkten Konsumenten und Unterstützern: So hat nach Zach Braff nun auch Spike Lee mit seinem im Jahr 2015 anlaufenden Projekt Da Sweet Blood of Jesus knapp 1,5 Millionen US-Dollar des Budgets bei Kickstarter sammeln können und auch unser deutscher Skandal-Regisseur Uwe Boll versucht derzeit (einigermaßen erfolglos) auf Indiegogo, seinen Rampage 3 - No Mercy unters Volk zu bringen. Wer will, kann den Mann also ordentlich unterstützen - oder ihr haltet einfach Ausschau nach den wahren Perlen, die bisher noch auf den Storyboards kreativer Köpfe gefangen sind und verzweifelt nach Unterstützung suchen. Denn dass es die gibt, hat auch das Filmjahr 2014 wieder eindrucksvoll bewiesen.

Habt ihr einen der Crowdfunding-finanzierten Filme gesehen? Kennt ihr andere Projekte, die eurer Meinung nach finanzielle Unterstützung verdienen?

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Ex-Unterwäschemodel und 08/15-Pessimist
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