Stummfilme: gar nicht staubig!

Damals war alles besser! Internationale Stummfilme

Charlie Chaplin in Goldrausch
© Charles Chaplin Productions
Charlie Chaplin in Goldrausch

Teil 2: Internationale Stummfilme aus Schweden, Japan und Co.
Gestern habe ich bereits versucht, die deutsche Stummfilmlandschaft zu beschreiben, heute begeben wir uns in die unterschiedlichsten Länder auf der ganzen Welt.

D. W. Griffith: Rassismus im Weißen Haus und Parallelmontagen
Im Jahre des Herrn 1915 schuf D.W. Griffith einen der einflussreichsten Filme überhaupt. Geburt einer Nation ist ein 3-stündiges Epos, das trotz der astronomischen Produktionskosten von 100.000 Dollar einer der finanziell erfolgreichsten Stummfilme war und zugleich unzählige innovative Elemente nutzte. Regisseur D.W. Griffith filmte Massenszenen mit Hunderten Statisten, machte Gebrauch von Nacht- und Nahaufnahmen und inszenierte mehrere Subplots mittels Parallelmontage. Untypisch war auch eine eigens komponierte Filmmusik. Zwar erfand D.W. Griffith diese Mittel nicht, allerdings war er der erste Filmemacher, der all diese Elemente zusammenbrachte und gezielt einsetzte.

Inhaltlich ist Geburt einer Nation allerdings brisant, der Film ist rassistisch und war derart einflussreich, dass der eigentlich schon tote Ku-Klux-Klan enormen Zulauf bekam und von neuem erstarkte. Präsident Wilson ließ sich den Film als erstes Werk überhaupt im Weißen Haus vorführen und war begeistert. D.W. Griffith sprach sich von allen Rassismusvorwürfen frei und beschloss, seinen nächsten Film moralischer zu gestalten. Das Ergebnis hieß Intoleranz und führte die technischen Neuerungen fort. Das Werk hatte eine noch längere Spielzeit (fast 200 Minuten) und teilte sich in vier zeitlich völlig getrennte Episoden (von der Antike 539 v. Chr. über den biblische Zeitraum und die französische Renaissance bis ins Amerika 1914), zwischen denen hin- und hergewechselt wurde. Die Produktionskosten erreichten das Rekordniveau von circa 2 Millionen Dollar und trieben eine Produktionsfirma in den Ruin, da der Film ein Flop wurde – die pazifistische Botschaft fand in Zeiten des Krieges keinen großen Anklang.

Die großen amerikanischen Komödianten
Nachdem Charlie Chaplin bereits 1921 mit Der Vagabund und das Kind der breiten Masse bekannt wurde, konnte er auch 1925 mit Goldrausch einen Kassenschlager landen. Überhaupt waren amerikanische Komödien schon während der Stummfilmzeit äußerst beliebt, neben Charlie Chaplin gelten die Filme von Buster Keaton ebenso als Klassiker (archetypisch: Der General, 1926), wie das bekannte, in schwindelerregender Höhe gefilmte Werk Ausgerechnet Wolkenkratzer mit Harold Lloyd.

Der erste Dokumentarfilm in Spielfilmlänge
Ein weiterer Film enormen Einflusses war Nanuk, der Eskimo. Dieser stellte das erste dokumentarische Werk in Spielfilmlänge dar. Regisseur Robert J. Flaherty filmte das Leben einer Eskimofamilie. Allerdings änderte Robert J. Flaherty die Begebenheiten nach seinen Vorstellungen und inszenierte viele Szenen, sodass der dokumentarische Anspruch mit Vorsicht zu genießen ist.

Deutsche Exporte in Hollywood
Ein weiteres Mal konnte F.W. Murnau von sich Reden machen: Er war inzwischen nach Amerika ausgewandert und veröffentlichte mit Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen einen weiteren Meilenstein. Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen wurde in Hollywood produziert und ist insbesondere für seine Darstellung der lebendigen Großstadt berühmt, für die die damals größten Kulissen überhaupt gebaut wurden. In Amerika wurde F.W. Murnau ehrfürchtig „German Genius“ genannt.

Noch unbekannte Meister vor ihren großen Erfolgen
In Amerika Film entstand 1927 Der Unbekannte. Der Titel klingt unspektakulär und ist längst nicht so mit Ruhm behaftet wie viele Pendants, die Namen der Beteiligten sind umso klangvoller: Regie führte Tod Browning, der seinen großen Erfolg mit Freaks – Mißgestaltete (1932) noch vor sich hatte, die Hauptrollen besetzten Lon Chaney (der bereits Method-Acting betrieb!) und eine noch sehr junge Joan Crawford, die ihre großen Auftritte mehr als 20 Jahre später hatte (u. A. 1954: Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen; 1962: Was geschah wirklich mit Baby Jane?).

In England drehte ein weiterer weltbekannter Regisseur 1927 einen Stummfilm. Die Rede ist von Alfred Hitchcock, der mit Der Mieter schon die inhaltlichen Motive seiner späteren Werke benutzte, aber gleichzeitig noch stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst wurde, was sich beispielsweise sehr schön an einer Verfolgungsjagd im Nebel dokumentieren lässt.

In Spanien entstand ein Stummfilm, der eine wichtige Strömung in den Film einbrachte. Aus der Zusammenarbeit von Salvador Dalí und Luis Buñuel entstand der surrealistische Kurzfilm Ein andalusischer Hund. Der Einfluss war enorm und inspirierte zahllose Filmemacher.

Auch in Asien wurden natürlich Stummfilme produziert. Noch 1932 drehte ein junger Mann namens Yasujiro Ozu Ich wurde geboren, aber… seinen vielleicht bekanntesten Stummfilm, bevor er sich Werken mit Ton widmete und Weltruhm erlangte.

Alter Schwede! Stummfilme aus dem Norden
Auch die Schweden haben wunderbare Filmexporte zu bieten. 1921 begeisterte Der Fuhrmann des Todes von Victor Sjöström mit tollen Effekten und seiner düsteren fantastischen Geschichte um eine Legende, nach der Derjenige, der in der Silvesternacht als Letzter stirbt, ein Jahr lang die Seelen der Verstorbenen einsammeln muss, bevor er wieder abgelöst wird.

Ebenfalls sehenswert ist das Werk Die Hexe. Hier faszinieren die düstere Grundstimmung, die tollen Masken und Kostüme und das gelungene Setdesign. Überraschend ist Drastik der Bilder, die 1922 Skandale auslösten und Verbote nach sich zogen.

Glasnost, Perestroika und stumme Propagandafilme: Russland
Im Jahr 1925 entstand in Russland ein weiterer filmhistorisch wichtiger Klassiker: Panzerkreuzer Potemkin von Sergei M. Eisenstein. Der 70-minütige Propagandafilm ist durch seine Montage einer der dynamischsten Stummfilme überhaupt, hat viel Tempo und eine der berühmtesten Szenen der (Stumm)Filmgeschichte: Das Massaker auf der fast 150 Meter langen potemkinschen Treppe ging in die Annalen ein. Zwei weitere wichtige Stummfilme von Sergei M. Eisenstein sind Streik und Oktober.

1929 erschien Der Mann mit der Kamera von Dziga Vertov. Dziga Vertov lehnte jegliche Inszenierung ab, statt fiktiver Geschichten wollte er die Wirklichkeit bebildern und filmte einen Tag lang den Alltag der Menschen einer Großstadt, sodass ein Zeitdokument entstanden ist, das auch ohne Handlung heute noch interessant ist.

Stummfilme aus dem Rest der Welt
Nach dem der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer bereits mit seinen in Deutschland produzierten Filmen auf sich aufmerksam machen konnte (u. A. Die Gezeichneten und Michael) feierte er 1928 seinen größten Stummfilmerfolg: Die Passion der Jungfrau von Orléans ging mit seinen unzähligen Close-Ups in die Filmgeschichte ein und erzählt die Geschichte des Prozesses der Jungfrau von Orléans in kargen, hoffnungslosen Bildern und dichter Atmosphäre.

Der Stummfilm ist tot – es lebe der Stummfilm!
Zum Abschluß möchte ich noch darauf verweisen, dass Stummfilme noch nicht tot sind. E. Elias Merhige schuf 1990 mit Begotten einen erheblich nachbearbeiteten, surrealen Experimentalfilm ohne Dialoge, der zwar nicht mit Inhalt, aber durch seine unkonventionelle Optik beeindruckt. Übrigens hat der Regisseur einige Jahre später mit Shadow of the Vampire einen Film gedreht, dem die Idee zugrunde liegt, dass der Hauptdarsteller von Murnaus Nosferatu, eine Symphonie des Grauens wirklich ein Vampir war und die Dreharbeiten erheblich erschwerte. Nebenbei erzählt Shadow of the Vampire auch viel über das (Stumm)Filmemachen und hat mit Udo Kier, John Malkovich und Willem Dafoe tolle Darsteller.

Wer nun vielleicht Lust auf einen Stummfilm hat, aber unsicher bei der Auswahl ist, dem rate ich zu La Antena. Das argentinische Werk ist aus dem Jahr 2007 und bietet einen wunderbaren Einstieg in die Stummfilmwelt, ist aber auch erklärten Fans zu empfehlen. Zwar ist der Film teilweise etwas plakativ, trotzdem bietet La Antena mit seinem dystopischen Stoff, den grandiosen Bildern und toller, parabelhafter Geschichte eine schöne Stummfilmerfahrung.

Glühwein und Stummfilme helfen mir durch den Winter, die gemütlichen Abende mit ihnen sind mir ans Herz gewachsen. Und wenn ich trotz des Glühweinrezeptes meiner Oma, das mehr Rum als Traubensaft vorsieht, nur ein wenig beschwipst ins Bett gehe, dann liegt das daran, dass die magischen, wortlosen Klassiker derart fesseln, dass ich nicht nur die Umwelt, sondern auch die Tasse in meiner Hand völlig vergesse.


Dieser Text stammt von unserem User Tom Schünemann, der dem einen oder anderen von euch unter dem Namen Filmsüchtiger bekannt sein dürfte. Wer ebenfalls Text-Ideen oder bereits was aufgeschrieben hat, wende sich an ines[@]moviepilot.de.

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