Deadpool kann einpacken: Kick-Ass ist das wahre Antihelden-Gemetzel

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© Universal Pictures
Kick-Ass
22.04.2020 - 12:10 UhrVor 7 Monaten aktualisiert
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Wo Deadpool heute für seinen Mut zur Kontroverse gefeiert wird, ging Kick-Ass bereits Jahre zuvor aufs Ganze und bleibt damit bis heute das wahre Antihelden-Gemetzel.

Sechs Jahre bevor Deadpool das Superhelden-Kino durch hemmungslose Brutalität und flapsige Meta-Kommentare aufrüttelte, leistete Kick-Ass in dieser Hinsicht bereits Pionierarbeit. Heute feiert die Comic-Verfilmung von Matthew Vaughn ihr zehnjähriges Jubiläum - und ist nach wie vor weitaus mutiger, als Ryan Reynolds und sein Merc with a Mouth.

In den Tentpole-Fesseln der Gegenwart sind Comic-Adaptionen strikt darauf ausgelegt, ein möglichst breites Publikum abzugreifen, um daraus kommerziellen Ertrag zu schlagen. Als Kick-Ass 2010 in die Kinos kam, befand sich das Marvel Cinematic Universe mit Iron Man und Der unglaubliche Hulk noch in seinen Kinderschuhen. Umso beeindruckender ist es, was Vaughn hier auf sich genommen hat.

Mutig gegen alle Widrigkeiten: Kick-Ass leistet Pionierarbeit

Von Beginn an wurde Matthew Vaughn versichert, dass ein Film wie Kick-Ass zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist: Angeblich wollte niemand fluchende Superhelden und ein 11-jähriges Mädchen im Blutrausch auf der Leinwand sehen. Also sah sich Matthew Vaughn gezwungen, sein Haus zu verpfänden, um nicht nur seinen Traum von einer Comic-Verfilmung umzusetzen, sondern dies auch vollkommen nach seinen Vorstellung.

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Deadpool und zuletzt Deadpool 2 haben endgültig unter Beweis gestellt, dass das Comic-Kino der Neuzeit nicht zwangsläufig familiengerecht sein muss, sondern sich in Sachen Blutzoll, Sexualität und Sprache durchaus etwas trauen kann. Wo Ryan Reynolds Herzensangelegenheit heute als richtungsweisende Prestigeprojekte gefeiert werden, gerät oftmals in Vergessenheit, welchen Wagemut bereits Kick-Ass bewies.

Im Gegensatz zu Deadpool betreibt Kick-Ass nicht einfach nur popkulturelle Masturbation, die behauptet, die Erwartungshaltungen des Genres zu unterlaufen, sich in Wahrheit aber mit ausgeprägter Schlaumeier-Attitüde dessen Konventionen beugt. Kick-Ass interessiert sich wirklich für seine Charaktere und deren Lebensrealität. Sie entscheiden sich dazu, Superhelden zu werden, denn: „1000 Leute wollen sein wie Paris Hilton, aber niemand wie Spider-Man.“

Einsamkeit und Verzweiflung: Kick-Ass erforscht das Superheldendasein

Auch wenn sich die stilsichere Inszenierung bisweilen etwas zu hipp findet und zusehends die Distanz gegenüber den Taten seiner Protagonisten verliert, weiß Matthew Vaughn Kick-Ass gekonnt als alterslose Meditation über die Bedeutung des Superheldendaseins zu verpacken. Schon frühzeitig darf Kick-Ass (Aaron Taylor-Johnson) erkennen, dass es keinen Ring der Macht oder kosmische Strahlen benötigt, um das Heft in die Hand zu nehmen. Einsamkeit und Verzweiflung reichen schon aus.

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Wo Deadpool sich etwas zu einfältig darauf verlässt, dem Zuschauer den Spiegel vorzuhalten, um sein Sujet dann letzten Endes doch erwartungsgemäß zu bestätigen, liefert Kick-Ass als temporeich-komödiantischer (Zeitgeist-)Rundumschlag spannende Meta-Gedanken dahingehend, welchen Preis ein Mensch bezahlen müsste, wenn er die Entscheidung fällt, in die Fußstapfen von Batman, Spider-Man und Co. zu treten. Das Problem nämlich ist, dass unsere schillernden Helden in Comics existieren, das Böse aber durchaus real ist.

Kick-Ass lässt ein Kind Amok laufen: Gegen Hit-Girl ist Deadpool handzahm

Dass im Falle von Kick-Ass überhaupt ein Diskurs möglich ist, unterscheidet ihn grundlegend von der infantilen Selbstbeweihräucherung eines Deadpool. Und über den kontroversen Impact, den Kritiker und Zuschauer dem Film gleichermaßen andichten wollten, kann Hit-Girl (Chloë Grace Moretz) nur lachen: ein 11-jähriges Mädchen, erzogen zur eiskalten Killermaschine. Kopfschüsse, abgetrennte Gliedmaßen und Messerstechereien sind ihr täglich Brot.

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Es ist polarisierend genug, dass es diesen Charakter in dieser Form überhaupt jemals zu sehen gab. Ihr kindliches Aussehen fügt der Gewalt eine neue, irritierend-ambivalente Dimension des Satirischen wie Fetischistischen hinzu. Etwas, wozu Deadpool nie imstande gewesen ist, weil sich seine Auffassung von Subversion in zuweilen ulkigen, aber gehaltlosen Sprüchekaskaden erschöpft. Da verzeiht man Kick-Ass gegen Ende auch gerne ein gewisses Maß an Verklärung gegenüber den Figuren.

Dynamische Action und emotionale Balance: Kick-Ass liebt seine Charaktere

Vor allem, wenn man sich heutzutage wieder zu Gemüte führt, wie dynamisch und gnadenlos die Action-Sequenzen in Kick-Ass in Szene gesetzt wurden. In einer extrem erinnerungswürdigen Szene erledigt Batman-Lookalike Big Daddy (Nicolas Cage) ein ganzes Warenhaus voller Gangster, während Hit-Girl im Finale das Apartment von Mobster Frank D'Amico (Mark Strong) stürmt und ein Blutbad hinterlässt. Hier merkt man ganz deutlich, wie Matthew Vaughn sich für Kingsman warmgelaufen hat.

Was Kick-Ass Deadpool aber vor allem voraus hat, ist sein Herz. Matthew Vaughn liebt seine Akteure, allesamt. Es sind jedoch nicht Kick-Ass oder Hit-Girl, die sich als emotionaler Kitt der Geschichte verdient machen, sondern die tragische Figur des Big Daddy. Eine klassisch nach Rache gierende Persönlichkeit, die damit nicht nur sich selbst in eine Sackgasse führt, sondern auch seiner geliebten Tochter die Kindheit raubt. Der Kampf um die Gerechtigkeit ist ein persönlicher und nicht selten ein aufgezwungener.

Vor zehn Jahren, am 22. April 2010, lief Kick-Ass in den deutschen Kinos an.

Wie steht ihr zu Kick-Ass im Vergleich zu Deadpool?

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