Berlinale-Liebling Bestiaire

Denis Côté über tierische Helden & kanadische Filme

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Der siebte Film des 38jährigen frankokanadischen Filmemachers Denis Côté erregte bei der Berlinale 2012 die Gemüter und ließ einige Zuschauer ratlos zurück. Bestiaire zeigt in 72 kurzen Minuten eine fast ausschließlich tonlose Bilderabfolge von Tieren in einem verschneiten kanadischen Zoo, der Menschen, die in diesem Zoo arbeiten und der Zoobesucher. Geradezu ein Schock, ist man als Zuschauer doch mehr und mehr an Tierdokumentationen wie Die Reise der Pinguine oder Unser Leben gewöhnt, welche die Tiere vermenschlichen und verniedlichen, in denen eine gütige Altvaterstimme Bilder erzählt, die mit kitschigen Melodien unterlegt sind.

Bestiaire wird wohl nie bei uns im Kino laufen, aber vielleicht interessiert sich der ein oder andere unter euch ja für außergewöhnliche Dokumentarfilme (dieser hier ist gar keiner, wie sein Macher erklärt). Bevor ihr das Interview lest, könnt ihr euch hier den Trailer ansehen:

Wollten Sie eine Geschichte aus der Perspektive von Tieren erzählen?

Nein. Ich bin mit der Absicht an das Projekt herangegangen, ein “Bilderbuch” zu erschaffen, ohne irgendwelche anderen Intentionen als einen kontemplativen, harmonischen, vielleicht beunruhigenden Film zu drehen. Eine Abfolge von Stimmungen, in die sich der Zuschauer fallen lassen kann oder eben nicht. Der Zoo erschien mir als außergewöhnlich kinematographischer Ort. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt noch möglich sei, Tiere auf ursprüngliche Art zu filmen, ohne zu versuchen sie zu vermenschlichen, wie es in Hollywood passiert…. Die Tiere, wie sie sind. Punkt.

Denken Sie, wir Menschen haben ein höheres Recht in dieser Welt?

Eine interessante Frage. Es wäre zu einfach, ja oder nein zu sagen. Der Mensch ist mit Vernunft versehen, mit Intelligenz. Er hat natürlicherweise entschieden, über die Tiere zu regieren. Ist das schlecht? Ist es erlaubt? Ich weiß es nicht, aber ich akzeptiere, dass der Mensch seine Fähigkeiten nutzt, um seine Position in dieser Welt zu organisieren.

Wollten Sie uns mit diesem Film sagen, dass wir unsere Rolle in dieser Welt, die wir mit den Tieren und Pflanzen teilen, neu definieren müssen?

Anfangs wollte ich gar nichts sagen. Ich hoffe, dem Zuschauer seine Funktion als Zuschauer zurückgeben zu können, der etwas anschaut und fähig ist, selbst zu beurteilen, was er betrachtet, gemäß seiner eigenen Persönlichkeit. Heute entdecke ich, dass mir bestimmte Absichten unterstellt werden: Manche sehen den Film als Bilderabfolge, wie eine formalistische Übung, während andere ein Manifest gegen den Zoo sehen, einen Liebesschrei für die Tiere, eine Verdammung des Menschen. Ich habe den Zoo als ‘zärtlich absurde’ Einheit gefilmt. Ich möchte, dass sich jeder Zuschauer diesem Universum nähert und seine eigenen Rückschlüsse zieht. Wenn ein Film dem Zuschauer vorgibt, was er denken soll, hat er versagt.

Was halten Sie vom neumodischen veganen und vegetarischen Lebensstil – essen Sie Fleisch?

Ich esse viel Fleisch. Die Menschen sind frei.

Welche ist ihre Lieblingsszene?

Ich denke, wenn man den Film wirklich gesamteinheitlich betrachtet, ist es die Szene, in der die Hyäne in dem Käfig sauber gemacht wird. Einerseits ist es hart und brutal. Andererseits handelt es sich um eine liebenswürdige Geste der Menschen, die ein Tier pflegen. Der Film ist weder schwarz noch weiß, sondern in dieser Grauzone, und diese Szene spiegelt diese Ambivalenz wieder.

Sind Sie als kanadischer Filmemacher ebenso stolz auf das anglophone Kino oder sehen Sie sich als Regisseur aus dem Quebec?

Die Situation des kanadischen Kinos ist sehr, sehr trist. Es ist absolut unwürdig, dass nur drei Cineasten (Cronenberg, Egoyan, Maddin) in zwanzig Jahren Kinogeschichte hervorstachen. Ab und an gibt es einen Film, der von sich reden macht, aber sonst nichts. Tut mir leid. Das Kino aus dem Quebec ist sehr lebendig und produktiv, aber es ist ein in sich geschlossenes Kino, das kompetente Filme hervorbringt, die aber wenig reisen. Das Quebecer Kino spricht die Quebecer an. Ich bin ein Quebecer Filmemacher oder ein kanadischer, wie Sie möchten.

Was halten Sie von der momentanen Lage des Dokumentarfilms in der Welt?

Bestiaire ist meiner Meinung nach kein Dokumentarfilm. Das dokumentarische Autorenkino wird immer mehr zur Seltenheit. Das ist traurig. Man muss heutzutage eine ‘Idee’ an die Fernsehsender verkaufen, um überleben zu können. Das ist das Gesetz des Dschungels. Nur die abenteuerlichsten und persönlichsten Filmemacher entkommen diesem Gesetz und seinen Mechanismen und machen Kinogeschichte (wenn dies überhaupt noch möglich ist).

Was halten Sie von den Fördermöglichkeiten für Dokumentarfilme im Quebec und in Kanada?

Ich bin ein Filmemacher, der immer mit sehr kleinen Budgets dreht. Ich käme immer irgendwie durch. Wir sind hier leider seit etlichen Jahren unter einer sehr rechten Regierung. Bleibt abzuwarten, dass das Unwetter vorüberzieht. Jeder hält seinen Atem an. Die Dokumentarfilmer hier wenden sich dem Fernsehen zu und beten.

Wie schwer ist es, nicht kommerziele Filme wie Bestiaire zu realisieren?

Der Quebecer und der Canadian Arts Council sind empfänglich für originelle Projekte, die gut präsentiert und sehr persönlich sind. Aber es handelt sich um kleine Budgets (60.000 – 100.000 kanadische Dollar). Bestiaire befindet sich in diesem Feld. Es wäre aber unmöglich, ein solches Projekt den großen Institutionen anzubieten, die Großproduktionen finanzieren. Diese wollen sehr klare und definierte Drehbücher und Strukturen.

Wie erhalten Sie sich als Dokumentarfilmmacher dann einen bestimmten Lebensstandard?

Ich habe sieben Filme in sieben Jahren gemacht. Die richtigen Institutionen haben geholfen, diese zu produzieren und dafür zu reisen. Ich habe einige Geldpreise bei Festivals gewonnen und ich führe einen effektiven Produktionsrhythmus, außerdem bin ich eher unnachgiebig mit Ideen, die letztendlich teuer werden könnten. Aber ich bin auch ein bisschen anders als der Rest der Filmemacher und pflege einen simplen Lebensstil.

Haben Sie schon mal daran gedacht, aus dem Quebec fortzuziehen und woanders Filme zu drehen?

Ich fühle mich dem Quebec nicht sonderlich verpflichtet. Ich werde dorthin gehen, wo man mein Kino und meine Filme will.

Welche sind ihre Lieblingsfilme und erinnern Sie sich an den ersten Film, den Sie im Kino gesehen haben?

Ich habe zwar ein schlechtes Gedächtnis, aber ich erinnere mich, dass mein Vater mich ins Kino mitnahm, um Der Mann, der zuviel wusste von Hitchcock zu sehen. Ich erinnere mich, dass dieses Erlebnis einschneidend war. In meiner Jugend konsumierte ich viele Horrorfilme, bis ich Godard, Pasolini und all die anderen entdeckte. Meine liebsten Filmemacher sind Fassbinder, Pialat und Bresson . Mein Lieblingsfilm ist important-c-est-d-aimer-l-importante-e-amare-l- von Andrzej Zulawski. Ich verehre auch Murnau.

Was ist Ihre Motivation für ihren nächsten Film Vic et Flo?

Vic + Flo haben einen Bären gesehen erzählt die Geschichte zweier Frauen, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden und sich dazu entschließen, wieder ins Leben zurückzufinden, indem sie sich in einer Waldhütte niederlassen. Erneut handelt es sich um Figuren, die darüber nachdenken, zur Welt zurückzukehren oder nicht. Ich hatte Lust, diesmal für Frauen zu schreiben und Frauen sprechen zu lassen. Außerdem hatte ich Lust, einen energischeren, beunruhigenderen oder tragischeren Film zu machen – in Abgrenzung zu Curling. Wir befinden uns im Schnitt.

Das Interview führte Anna Sita Zinn am 20. Oktober 2012.

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