Der Schuh des Manitu hat einen der schlimmsten Hollywood-Trends der 2000er bloßgestellt – und es viel besser gemacht

13.07.2024 - 08:00 Uhr
Der Schuh des Manitu
Constantin Film
Der Schuh des Manitu
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Mit Der Schuh des Manitu hat Michael "Bully" Herbig einen der wenigen deutschen Filme geschaffen, der mit Leichtigkeit der Hollywood-Konkurrenz trotzte.

Das deutsche Kino im ewigen Schatten Hollywoods? Natürlich lässt sich das nicht einfach pauschal behaupten. Oft wirkt es aber so – gerade, wenn sich hierzulande ein Filmprojekt mit Blockbuster-Dimensionen zusammenbraut, das der Traumfabrik Konkurrenz machen will. Gelingen tut das in den wenigsten Fällen. Umso beeindruckender ist, was Michael "Bully" Herbig mit Der Schuh des Manitu geschaffen hat.

Heute vor 23 Jahren feierte die Parodie auf Karl Mays Winnetou-Epen ihre Premiere und traf genau den Nerv der Zeit. Denn aus Hollywood schwappten damals zahlreiche Spoof-Movies herüber. Verantwortlich dafür war der gigantische Erfolg von Scary Movie. Auf einmal war kein Franchise mehr sicher: Jason Friedberg und Aaron Seltzer zogen alles durch den Kakao, was in der Popkultur Rang und Namen hatte.

Mit Bully konnten sie aber nicht mithalten.

Bully trat mit Der Schuh des Manitu vor 23 Jahren gegen die Spoof-Movie-Welle aus Hollywood an

Filmparodien gibt es seit den Anfängen des Kinos. Schon 1905 machte sich Edwin S. Porter mit The Little Trian Robbery über den Stummfilmklassiker The Great Train Robbery lustig, der zwei Jahre zuvor das Publikum begeistert hatte. Weder Bully noch Friedberg und Selzer haben das Genre also erfunden. Sie drückten ihm aber definitiv ihren eigenen Stempel auf – und der wirkt auf den ersten Blick verblüffend ähnlich.

Beide Parteien knöpfen sich beliebte Franchises vor und ziehen die Elemente, die diese Filme eigentlich ikonisch machen, ins maximal Lächerliche. Die Witze reichen von schlechten Wortspielen bis zu urkomischen Slapstick-Einlagen und sind sich generell für nichts zu schade. Manchmal sind die Filme an Peinlichkeiten kaum zu überbieten, manchmal gelingt ihnen eine geniale Verknüpfung absurder Meta-Momente.

Bully greift bei Der Schuh des Manitu sowie später (T)Raumschiff Surprise und Lissi und der wilde Kaiser auf den Humor zurück, den er sechs Staffeln lang in der Bullyparade kultiviert hatte. Friedberg und Selzer profitieren von der Erfahrung, die sie bei Agent 00 mit Leslie Nielsen gesammelt haben, der mit den drei Die nackte Kanone-Filmen selbst eine der bekanntesten Parodiereihen angeführt hat.

Friedberg und Selzers Parodien bringen keine der Qualitäten von Bullys Der Schuh des Manitu mit

Was Bully und Friedberg/Selzer außerdem verbindet: Sie hantieren mit überraschend großen Budgets. Der Schuh des Manitu wurde seiner Zeit mit beachtlichen 9 Millionen DM gedreht, der erste Scary Movie-Film verschlang sogar fast 20 Millionen US-Dollar. Das ist mehr, als so manch parodierter Film überhaupt gekostet hat. Auf der Leinwand sind diese stattlichen Ressourcen bei Friedberg und Selzer jedoch nie zu sehen.

Weder beschwört Fantastic Movie das Gefühl eines Fantasy-Abenteuers à la Harry Potter oder Fluch der Karibik, noch kann Disaster Movie mit dem Zerstörungsbombast von The Day After Tomorrow und 2012 mithalten. Meine Frau, die Spartaner und ich könnte nicht weiter von dem Schlachtengemälde 300 entfernt sein, ganz zu schweigen von filmischen Totalausfällen wie Beilight – Biss zum Abendbrot und Die Pute von Panem.

Niemand erwartet, dass sich eine Parodie auf einer Augenhöhe mit dem Original bewegt, aber das, was Friedberg und Selzer aus dem Genre gemacht haben, spottet jeglicher Beschreibung von Lieblosigkeit. Nicht nur in puncto Humor, sondern vor allem in der Art und Weise, wie dieser auf die Leinwand gebracht wird. Ihre Filme sind unfassbar hohl, allerdings nicht, weil sie blöd sind, sondern weil sie nur eine Hülle sind.

Verliebt in die filmischen Vorbilder: Am liebsten wäre Der Schuh des Manitu selbst ein Winnetou-Film

Bully hat dagegen verstanden, dass eine Parodie – egal wie erbarmungslos – in erster Linie von der Liebe für die parodierte Geschichte durchdrungen sein sollte. Der Schuh des Manitu nimmt Winnetou nicht nur aufs Korn. Tief in seinem Inneren wäre der Film am liebsten selbst ein Winnetou-Film. Das lässt uns die Inszenierung spüren. Bully begnügt sich nicht mit billigen Kostümen und Kalauern. Er will das Ganze.

Viele Witze in Der Schuh des Manitu sind schlecht gealtert. Die Begeisterung, mit der er sich in seiner Western-Kulisse austobt, jedoch keinesfalls. Bully nimmt alle Gesten des Genres und eifert fleißig den großen Vorbildern nach. Mitunter entsteht der Eindruck, dass er nur eine Parodie gedreht hat, weil es im deutschen Kino sonst keinen anderen Weg gibt, um einen Western mit ordentlichem Budget umzusetzen.

Wenn in den ersten Minuten die Ouvertüre erklingt und die Kamera sich ihren Weg durch die Weite der Prärie bahnt, bringt Der Schuh des Manitu mehr Gespür für sein Genre mit als Superfast! in seinen ganzen 99 (!) Minuten. Verzweifelt wird hier versucht, sich über Fast & Furious lustig zu machen, ohne zu verstehen, was die "Family" ausmacht. Bully weiß dagegen genau, warum Winnetou seit Dekaden ein Thema ist.

23 Jahre später geht Der Schuh des Manitu in die nächste Runde, die Spoof-Movies sind verpufft

Die Spoof-Movies von Friedberg und Selzer locken nur mit einer oberflächlichen Schaulust. Man will wissen, wie weit sie gehen oder wie dämlich sie dieses Mal sind. Mehr ist aber nicht zu holen. Dieser Voyeurismus schwingt zwar auch bei Der Schuh des Manitu mit. Am Ende bleibt man aber, weil der Film einen tatsächlich mitnimmt auf eine Abenteuerreise durch den Wilden Westen, bei der man viel erleben kann.

Kein Wunder, dass die Friedberg-Selzer-Schule inzwischen fast komplett aus dem Kino verschwunden ist. Abseits von ein bisschen Scary Movie-Nostalgie hat sich nichts festgesetzt, was Hangover Girls, Date Movie und Co. zum Fast-Food-Äquivalent unter den Hollywood-Parodien macht. Das Erbe von Mel Brooks, der durch Spaceballs, Robin Hood und Co. unsterblich geworden ist, sucht man hier vergebens.

Der Schuh des Manitu ist in Erinnerung geblieben und geht weiter: Nächstes Jahr kehren Abahachi und Ranger im großen Stil zurück, wenn sie sich auf die Suche nach dem Kanu des Manitu begeben. Und es lohnt sich definitiv vor dem zweiten Teil, einen Blick in den Vorgänger zu werfen. Nicht zwangsläufig aufgrund des Humors, sondern des filmischen Verständnisses für das Genre, das zu jeder Sekunde durchblitzt.

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