Nach der Alita-Überraschung

Edward Norton wird 50 - und hat ein aufregendes Comeback in Aussicht

Edward Norton feiert seinen 50. Geburtstag
© UIP / Fox / Warner / Kinowelt
Edward Norton feiert seinen 50. Geburtstag
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StrawStar Esther Stroh
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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.

Was habe ich Edward Norton vergöttert, als ich ihn Anfang der 2000er Jahre für mich "entdeckte". Er ließ mich erstmals wahrnehmen, wie richtig gutes Schauspiel einen Film auf eine neue Stufe heben kann. Bis heute sehe ich mir jeden Film an, für den er vor die Kamera tritt.

Doch jetzt wird Edward Norton 50 Jahre alt und es ist für meinen Geschmack viel zu ruhig um ihn geworden. Seine Filmauftritte scheinen sich überwiegend auf kleine Wes Anderson-Zusammenarbeiten und nichtssagende (wohl für den Gehaltscheck gedrehte) Nebenrollen à la Das Bourne Vermächtnis zu beschränken.

Edward Nortons letzte wirkliche Hauptrolle liegt mit Stone fast 10 Jahre zurück, doch immerhin gab er mit einem überraschenden Auftritt in Robert Rodriguez' Alita: Battle Angel zuletzt mal wieder ein Lebenszeichen von sich. Nun lässt mich Motherless Brooklyn auf sein fälliges großes Comeback hoffen.

Edward Norton: Vom Schauspiel-Talent zum gemiedenen Darsteller

Schon für seinen allerersten Film, Zwielicht, erhielt Edward Norton eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller - und das völlig zurecht. Der Gerichtsfilm über den des Mordes angeklagten Messdiener zählt bis heute (wegen Edward Nortons Performance) zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Dass der bis dahin unbekannte Jungdarsteller großes Talent hatte, erkannte Hollywood hier schnell.

Das intensive Drama American History X brachte Edward Norton Ende der 1990er seine zweite Oscar-Nominierung ein. David Finchers Fight Club machte ihn unsterblich. Es folgten viele weitere Rollen, die seine darstellerische Vielfalt vom Thriller (Roter Drache) über schräge Komödien (Tötet Smoochy) bis zu stillen Dramen (Der bunte Schleier) abdeckten.

Doch spätestens Der unglaubliche Hulk, worin Edward Norton das grüne Wutmonster nuanciert verkörpern wollte, stellte für seine Karriere einen Wendepunkt dar. Denn als Schauspieler hatte er sich mittlerweile einen Ruf erarbeitet, schwierig zu sein.

Diese "Schwierigkeiten" bestehen anscheinend vor allem darin, dass die Filme, in denen Edward Norton mitwirkt, am Ende selten seinen kreativen Vorstellungen entsprechen. In der Konsequenz schnitt er beispielsweise kurzerhand eigentlich fertige Filme um und änderte Drehbücher gegen den Willen anderer.

Eine genaue künstlerisch Vision von der eigenen Arbeit mag nicht das Schlechteste sein. Der Kontrollzwang und Eingriff in die Arbeit anderer sind jedoch nicht die besten Voraussetzungen für das Teamwork-Geschäft des Filmemachens. Marvel jedenfalls entschied sich für Mark Ruffalo als neuen Hulk und Edward Norton ging eigenen Angaben zufolge laut WebCite "für mehr Abwechslung statt der Festlegung auf einen einzigen ikonischen Charakter" eigene Wege. Dem Star-Status konnte er ohnehin nie etwas abgewinnen.

Der Regiestuhl als Edward Nortons Ausweg aus der Sackgasse

Schon 2003 äußerte Edward Norton gegenüber dem Guardian, dass der Schauspielberuf allein nicht befriedigend genug sein: "Er ist zu limitierend. Er lässt dir keine Kontrolle über dein eigenes Schicksal", erklärte er. Deshalb streckte er seine Fühler immer wieder auch Richtung Aufgaben hinter der Kamera aus.

Im Jahr 2000 erhielt Edward Nortons Regiedebüt Glauben ist Alles!, in dem er selbst in einer der zwei Hauptrollen neben Ben Stillers Rabbi einen Priester spielte, jedoch nur gemischte Kritiken. Auch der Indie-Film Down in the Valley, wo er als Cutter (unter einem Synonym) Hand anlegte, blieb eher unter dem Radar.

Trotzdem ist der Aufstieg zum Regisseur für Edward Norton wohl der beste Weg, um sich (und uns) die Filme zu erschaffen, die er selbst sich wünscht. Auf diese Weise kann er die Produktion nach seinen Vorstellungen lenken und auf diese Weise mit Entscheidungsgewalt den eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Deshalb ist Motherless Brooklyn der vielleicht spannendste Film, der uns dieses Jahr noch erwartet. Denn dort ist Edward Norton Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion. (Wird er vielleicht der neue Kevin Costner?)

Motherless Brooklyn: Endlich wieder eine wahre Edward Norton-Rolle

Die Adaption und angeleierte Verfilmung des 1999 erschienenen Buches Motherless Brooklyn von Jonathan Lethem ist eine Odyssee für sich, die sicher ein Paradebeispiel für die Finanzierungs- und Produktionshölle Hollywoods wäre, deren Verlauf hier aber schlicht den Rahmen sprengen würde. Deshalb sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Der Film ist ein absolutes Herzensprojekt von Edward Norton, das er schon umzusetzen versucht, seit ich mich vor 20 Jahren über ihn zu informieren begann.

Die notwendige Leidenschaft für den Film ist seinerseits also definitiv gegeben. Wenn wir und die Handlung des Films ansehen, wird zudem schnell klar, woher das Interesse an dem Stoff rührt: Im starbesetzten Motherless Brooklyn spielt Edward Norton in den 1950ern den New Yorker Lionel Essrog, der als Privatdetektiv mit Tourette-Syndrom den Mord seines Mentors (Bruce Willis) untersucht.

Wir erinnern uns: Tourette ist die Nervensystem-Erkrankung, die ein vorrangig durch Filme gebildeter Zuschauer vielleicht aus Streifen wie Vincent will meer und The Tic Code kennt. Erwartet uns also ein verschrobener Detektiv, der unter nervösen Ticks leidet und zwischendurch seine Zeugen beleidigt? Ich hoffe es doch. Denn diese Rolle passt perfekt zu Edward Norton.

Schließlich hat der 50-Jährige sich zu Beginn seiner Karriere einen Namen mit ambivalenten, doppelbödigen und zweischneidigen Figuren gemacht, indem er gespaltene Persönlichkeiten, geläuterte Neonazis, Illusionisten und herrlich manipulative Kriminelle verkörperte.

Edward Norton hat mit Motherless Brooklyn ein Comeback verdient

Ich halte also Daumen drückend an der Hoffnung auf Edward Nortons Comeback fest. Dann könnte er uns dieses Jahr nicht nur mit einem unerwartenten Cameo, sondern auch mit einer sich selbst auf den Leib geschneiderten bestimmt erstklassigen Hauptrollen-Performance überraschen.

Motherless Brooklyn wird im September 2019 auf dem Toronto International Film Festival seine Weltpremiere feiern, in den USA im November mitten in der Award-Season starten und am 12.12.2019 auch in die deutschen Kinos kommen. Ich für meinen Teil kann es kaum erwarten, den Film zu sehen. Ein Erfolg des Kriminaldramas wäre sicher das perfekte (leicht verspätete) 50. Geburtstagsgeschenk.

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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.
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