Fantasy-Serien sind tot und nur das neue Game of Thrones-Spin-off kann sie noch retten

© HBO/Netflix
House of the Dragon
07.08.2022 - 10:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Netflix und Amazon haben seit dem Game of Thrones-Ende nicht eine herausragende Fantasy-Serie zustande gebracht. Jetzt muss es das erste GoT-Spin-off richten.

In wenigen Wochen endet eine dunkle Zeit: die ohne Game of Thrones. House of the Dragon ist das erste Spin-off der stilprägenden wie erfolgreichen Fantasy-Serie. Es erzählt eine der vielen Vorgeschichten und spielt 200 Jahre bevor Ned Stark in King's Landing geköpft wurde. Die blendend blonden Targaryens und ihre kantigen Drachen aus den House of the Dragon-Trailern sind meine letzte Fantasy-Hoffnung.

Die Erkenntnis schmeckt bitter, aber ein gar nicht mal so einfallsreiches Game of Thrones-Spin-off ist die einzige Serie, der ich zutraue, das seit drei Jahren in der Fantasy-Welt klaffende Game of Thrones-Loch zu schließen. Die Versuche der Konkurrenz, Ersatz zu schaffen, waren zwar zahlreich, aber kläglich.

Die Mission "Das nächste Game of Thrones" ist gescheitert

Spulen wir mal ein wenig zurück in die aufregenden Jahre von 2017 bis 2019. Der Big Player GoT neigte sich seinem Ende zu. HBO hatte der ganzen Welt bewiesen, dass das Fernsehen eine passende Plattform für Fantasy-Stoffe bieten kann, vielleicht sogar passender als das Kino, weil die großen Geschichten sich in dem längeren Format besser ausbreiten können.

House of the Dragon - S01 Trailer (Deutsche UT) HD
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Gleichzeitig gierten wir nach mehr Fantasy für Daheim. Die Streamingdienste warfen folgerichtig mit Geld um sich und gaben aufwendigen Projekten grünes Licht. Die Strategie war offensichtlich: Netflix, Amazon und Co. investierten in das nächste Game of Thrones. Das hofften sie zumindest.

Netflix und Amazon scheitern kläglich mit ihren Fantasy-Serien

Ich habe in alle größeren Fantasy-Serien, die seit 2019 erschienen sind, reingeschaut. Sogar in die bereits abgesetzte Vollkatastrophe Cursed - Die Auserwählte von Netflix, die nicht ganz so auserwählt war, aber ziemlich cursed. Ich habe es versucht, wirklich. Doch keine dieser Serien fesselte mich länger als 4 Folgen. Die berechtigte Frage, die daraus folgt: Bin ich als zu wählerischer, von Game of Thrones verwöhnter Fan schuld daran? Oder die Serien?

Also erstens: Ja, ich bin wählerisch, wenn es um Fantasy-Serien geht. Soll ich mich in einer künstlich erschaffenen Fabel-Welt für 8 bis 10 Stunden pro Staffel verlieren, dann erwarte ich einen gewissen Standard in Sachen Effekte, Worldbuilding und Figurenzeichnung. Das heißt nicht, dass jede Serie das Niveau der Genre-Queen erreichen soll. Aber eine Annäherung wäre schön.

Zweitens: Die Frage, ob ich zu wählerisch bin, erübrigt sich eigentlich beim Blick auf die Schleuderware, die Netflix und Co. mir in den letzten Jahren als die neue Qualitäts-Fantasy-Serie verkaufen wollten. Mein Lieblingsbeispiel ist The Witcher, weil diese Serie so schön frustrierend ist. 2019 stach sie als erste in die GoT-Lücke, die besten Fantasy-Zeiten lagen noch nicht weit zurück. Leider erinnerte die heißerwartete Großproduktion in ihrer narrativen Schlicht- und Dumpfheit an 90er-Jahre-Trash-Fantasy à la Xena - Die Kriegerprinzessin und Hercules. Was grundsätzlich nicht schlimm ist! Im Goldenen Serienzeitalter aber, das Showrunner:innen angeblich so vielfältige Erzähl-Möglichkeiten bereitet, darf man davon enttäuscht sein.

Drittens: Ich bin keineswegs alleine mit meiner Suche nach richtig guten Fantasy-Serien, bei denen sich das Bingen nicht wie zähe Arbeit anfühlt. Shadow and Bone (Netflix), Carnival Row (Amazon) und The Witcher erhielten zwar annehmbare Bewertungen von Zuschauenden .

Aber selbst die größeren Lichtblicke wie Shadow and Bone blieben in der Nische. Trotz beliebter Vorlagen, teurer Werbekampagne und publikumsstarkem Streamingdienst wurde die Serie nicht zum Massenphänomen. Ich bezweifle sogar, dass Menschen, die vor 16 Monaten Shadow and Bone Staffel 1 mochten, morgens mit der Frage aufwachen, was in Ravka wohl als Nächstes passiert. Wie gesagt, nur eine Vermutung.

Shadow and Bone Legenden der Grisha - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Es gibt sie durchaus, die kurzen Hypes. Aber insgesamt hat sich die Fantasy-Welle nach Game of Thrones zerstreut auf farb- und kraftlose Projekte. Die aktuelle Fantasy-Landschaft ist diffus, apathisch, ohne Feuer (und Eis). Das ist ein Problem unserer Zeit. Es gibt einfach zu viele Serien und Streamingdienste. Aber das allein als Grund anzuführen, warum es nach all dem Aufwand keinen legitimen GoT- Nachfolger gibt, ist mir zu einfach. Denn Nicht-Fantasy-Serien wie Squid Game schaffen es ja, herauszustechen. Einen vibrierenden Moment zu erzeugen.

Warum dann keine Serie aus dem so beliebten Genre der Magie und fremden Welten, das in der aufwühlenden Gegenwartsrealität gefragt ist wie nie zuvor?

Netflix und Amazon übersehen das Erfolgsgeheimnis von GoT

Die Antwort ist banal: Keine von ihnen ist gut genug. Ja, Shadow and Bone liefert eine große Welt mit tiefer Mythologie, aber es hat keinen Plan entwickelt, mit dem umfangreichen Stoff der Buchvorlagen umzugehen. Ja, The Witcher ist brutal, erwachsen und heiß, aber dafür sind die Figuren platt und die Story konfus. Ja, das Rad der Zeit ist düster, die Figuren sogar interessant, aber die Welt sieht so steril aus wie diese Wetterbilder zu bayerischer Trompetenmusik morgens bei 3sat. Keine dieser Serien war vollends ausgereift, als sie auf den Streamingplattformen landeten. Das ist der große Unterschied zu Game of Thrones.

Das erste Game of Thrones-Spin-off wurde nach dem Piloten abgebrochen. Der ursprüngliche Game of Thrones-Pilot war so schlecht, dass er im Giftschrank landete. Ich bin mir sicher, nicht eine der genannten Fantasy-Serien von Netflix und Amazon hätte es durch die HBO-Qualitätskontrolle geschafft. Henry Cavill wäre gar nicht erst zugemutet worden, in The Witcher durch drei verwirrende Zeitebenen zu torkeln.

Warum House of the Dragon die letzte Fantasy-Hoffnung ist

Nach allem, was ich in den letzten Jahren in der Fantasy-Sparte sehen musste, habe ich mich irgendwann ernsthaft gefragt, ob das vielleicht ein großes Missverständnis ist. Also das mit den Serien als neuem, optimalen Entfaltungsort für Fantasy-Stoffe. Ob Game of Thrones womöglich ein Einhorn war. Ein Glücksgriff, bei dem viele günstige Faktoren ineinander gefallen sind und etwas (bei allen Schwächen) Wunderbares, aber eben nicht Wiederholbares erschaffen haben. Das dachte ich wirklich. Ich dachte, Fantasy-Serien sind endgültig tot. Bis zum ersten Trailer für House of the Dragon.

House of the Dragon - S01 Comic-Con Extended Trailer (English) HD
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Diese 3 Minuten beinhalten mehr Fantasy-Kraft als die letzten drei Jahre Netflix-Dilettantismus zusammen. Sie erinnern mich daran, wie gut eine neu erdachte Welt aussehen kann.

Dahinter steckt ein System. House of the Dragon spielt nicht nur im selben Universum wie Game of Thrones, es verfolgt auch denselben Stil. Kostüme, Color Grading und Musik versprühen unverkennbares Westeros-Aroma. Alles wirkt fertig und geschlossen, wie aus einem Guss. Die Schauspieler:innen um Emma D'Arcy (Rhaenyra Targaryen) benehmen sich in den Clips, als würden sie Figuren in einer Politik-Serie verkörpern, wo zufällig auch Drachen im Hintergrund lauern. Anders ausgedrückt: House of the Dragon nutzte Game of Thrones als Blaupause.

Netflix und Amazon müssen von House of the Dragon lernen

HotD-Regisseur Miguel Sapochnik kann auf vier Jahre GoT-Erfahrung zurückblicken. Natürlich ist auch der Schöpfer der Buchvorlage George R.R. Martin als Produzent und Konzeptor dabei. Die Macher:innen hinter der Serie verstehen ihr Handwerk, wissen, wie man Fantasy gewinnbringend in Episoden- und Staffeln aufbereitet. Was noch lange keine Garantie dafür ist, dass House of the Dragon gut wird. Aber die Wahrscheinlichkeit ist größer als bei Das Rad der Zeit und auch bei der extrem aufwendig produzierten Herr der Ringe-Serie von Amazon.

Falls das so rüberkommt: Es gibt nicht nur den einen GoT-Weg. Aber vielleicht könnte die Konkurrenz sich in Zukunft an ein paar Dinge halten, die bei der besten Fantasy-Serie aller Zeiten ganz gut funktioniert haben. Nur so ein Vorschlag.

Fantasy-Produktionen müssen eben etwas mehr arbeiten als Serien, die in echten Welten spielen. Streamingdienste müssen ihren Showrunner:innen mehr Zeit und bestenfalls Budget geben, wenn sie herausragende und nicht nur durchschnittliche Ergebnisse haben wollen. Fantasy lässt sich nicht aus dem Boden stampfen. Das ist die große Erkenntnis der letzten 3 Jahre, als das Genre in der Hand von Amazon und Netflix lag. House of the Dragon zeigt jetzt hoffentlich, wie es richtig geht.

House of the Dragon startet am 21. August bei WOW in Deutschland.

Unser Podcast zur neuen Game of Thrones-Serie

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In der neuen Folge des Moviepilot-Podcasts Streamgestöber diskutieren wir diese Frage. Wir erklären, wann der neue GOT-Ableger spielt, was vom Cast um Emma D'Arcy und Matt Smith zu halten ist und fragen uns, was House of the Dragon unbedingt von Game of Thrones lernen muss (und was nicht).

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Wie schaut ihr auf die Fantasy-Serien der letzten 3 Jahre zurück?

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