Community Blog
Textgeschenke zum Geburtstag #17

Geburtstägliche Begegnungen mit dem Eigenwilligen

Werner Herzog als Schauspieler in "Zwischenfall am Loch Ness"
© Eden Rock Media
Werner Herzog als Schauspieler in "Zwischenfall am Loch Ness"
Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
"Feelings can creep up just like that. I thought I was in control." (In the Mood for Love)

Das sogenannte Geburtstagparadoxon beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb einer Gruppe von mindestens 23 Personen zwei oder mehr dieser Personen am gleichen Datum Geburtstag feiern, mit größer als 50 Prozent. Während dies ein Beispiel dafür ist, dass bestimmte Wahrscheinlichkeiten intuitiv von sehr vielen Menschen falsch eingeschätzt werden, lassen sich die Filme unseres heutigen Geburtstagskindes wahrscheinlich deutlich treffsicherer zusammenfassen.

Werner Herzog Stipetićs Filmographie, egal ob seine eigenen Regiearbeiten (Spielfilme und Dokumentationen) oder seine Mitwirkung als Produzent (z.B. "The Act of Killing") oder sogar Schauspieler ("Zwischenfall am Loch Ness") an Filmen anderer Regisseure, ist geprägt von dem Eigenwilligen und Außergewöhnlichen. Seine Filme erzählen beziehungsweise berichten von gesellschaftlichen Außenseitern, Querdenkern und auf irgendeine Art und Weise Andersartigen. Die von Herzog in seinen Spielfilmen eingesetzten Schauspieler entsprechen oftmals einem bestimmten, dementsprechenden Typus. Natürlich kommt einem da die über fünf Filme erstreckende Zusammenarbeit mit Klaus Kinski in den Sinn. Neben diesem sind das auch Personen wie beispielsweise Josef Bierbichler, Brad Dourif, Bruno S., Udo Kier oder Michael Shannon.

Doch auch Herzogs Dokumentarfilme (wie beispielsweise "Gasherbrum - Der leuchtende Berg", "Little Dieter Needs to Fly" oder "Grizzly Man") stellen oftmals außergewöhnliche Persönlichkeiten ins Zentrum seiner eigenwilligen Betrachtungen. Selbst aus dem scheinbar Alltäglichen entlockt Herzog stets etwas Besonderes. Und sei es nur durch seine ureigene Art, scheinbar irritierende, merkwürdige Fragen aufzuwerfen oder die Dinge durch einen etwas anderen Blickwinkel zu betrachten. Zu diesem Zwecke gründete Herzog 1963 seine eigene Produktionsfirma, die Werner Herzog Filmproduktion. Heute arbeitet er größtenteils in den USA.

Der inzwischen verstorbene, amerikanische Filmkritiker Roger Ebert sagte einmal, Herzog hätte nicht einen einzigen Film kreiert, der kompromittiert, beschämend, aus pragmatischen Gründen heraus entstanden oder uninteressant gewesen wäre. Sogar seine Misserfolge seien spektakulär, so Ebert. Für François Truffaut war Herzog sogar der wichtigste, lebende Filmemacher überhaupt.

Einige Moviepilot-Community-Mitglieder haben sich im Rahmen der Schreibaktion Textgeschenke zum Geburtstag mit einer kleinen Auswahl an Regiearbeiten Werner Herzogs näher befasst. Hier möchten wir euch die so entstandenen Texte zu drei Spielfilmen und zwei Dokumentationen von Werner Herzog gesammelt und in chronologischer Reihenfolge präsentieren. Es ist klar, dass es sich hierbei nur um einen kleinen Ausschnitt aus seiner hochinteressanten Filmographie handeln kann. Doch feiert mit uns einen der bedeutendsten Filmemacher des Neuen Deutschen Films! Schaut mit anderen Augen auf die Welt!

(VincentVega) über "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972)

Wenn ich Aguirre will, dass die Vögel tot von den Bäumen fallen, dann fallen die Vögel tot von den Bäumen herunter. Ich bin der Zorn Gottes. Die Erde über die ich gehe sieht mich und bebt.

Vor kurzem habe ich die Dokumentation "Hearts of Darkness" gesehen, in der die Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" geschildert werden und zwischen diesen beiden Werken und "Aguirre" lassen sich erstaunlich viele Parallelen finden. Beide sind von Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis" inspiriert, nur kehrt sich Herzog weiter von der eigentlichen Geschichte ab und vermengt diese mit einem historischen Kontext, indem er mehrere historische Figuren vage anreißt und sie in seinem Film verpackt. Jedoch bleiben sich beide Werke in einem Punkt gegenüber dem Roman treu, der Manie.

"Aguirre, der Zorn Gottes" ist eine Reise in das Ungewisse, eine Reise in das goldene Land, in die Zukunft wie auch Vergangenheit in das Nichts, in das tiefste Innere seines Protagonisten, in den Wahnsinn.

Werner Herzog inszeniert seinen Trip durch den Dschungel im paradiesischem Amazonasgebiet in einem fast schon dokumentarischen Stil. Keine Studioaufnahmen, viele schön gestaltete Requisiten, kaum Spezialeffekte und fast durchweg glaubwürdige Darsteller lassen einen in das 16. Jahrhundert zurückfahren und diese unkonventionelle und tiefgreifende Abenteuergeschichte erleben.

Wobei der Plot an sich schon einige Konventionen aufbietet, so ist es aber Herzogs Mischung aus eben jenen dokumentarischen Anleihen wie einigen surrealen Einwürfen, die dem Film eine ganz eigene, eine Herzogsche Note verleihen.

Der Tross der Konquistadoren überquert die Anden, durchwatet Sümpfe und durchbricht das Dickicht. Der langsam heranschleichende Wahnsinn, die gewaltige und harte Natur, das fremde, weite Land mit allen Schönheiten und Grausamkeiten zieht an den Eroberern vorbei, immer tiefer in die Fremde hervorstoßend.

Die ideologische Verblendung der Konquistadoren wird von Herzog hier mit unerbittlicher Konsequenz bestraft, denn auch als sich Aguirre von der spanischen Krone lossagt und sein eigenes „Königreich“ erschafft folgen er und seine Gefolgsleute weiterhin den westlichen Dogmen. Dabei bleibt das neue Königreich „El Dorado“ ein Trugschluss und je weiter die Reise reicht desto weniger kommen die Menschen in ihr voran.

So wird der Wahnsinn des Protagonisten Aguirre, mit der langen, strapaziösen Floßfahrt immer größer und immer grausamer. Klaus Kinski vermag es hier, dem Wahn ein Gesicht zu geben, ohne große Ausbrüche, mit einer dezenten Körpersprache spielt er sich die Seele aus dem Leibe.

Er wird nur noch von der Regie eines Werner Herzogs in den Schatten gestellt, der mit seinen Entscheidungen, seinem Aufwand, seiner Versessenheit auf Details und seinen Visionen einen monumentalen Klassiker des Autorenkinos geschaffen hat, der voller Interpretationsansätze ist die sich irgendwo zwischen Glauben, Gier, Desillusionierung und Sinnessuche befinden.

Alles Gute, Werner!

(VincentVega)s Kommentar zum Film findet ihr auch hier.

VisitorQ über "Stroszek" (1977)

Eva, was ist das für ein Land, das dem Bruno seinen Theo beschlagnahmen tut?

Ein winziger Hinterhof in Berlin. In abgewrackten Klamotten sitzt dort ein kleiner, etwas schrullig dreinschauender Mann. Er kündigt an, nun etwas auf seinem Glockenspiel vorzuspielen. Und schon legt er sich ins Zeug, er klimpert voll drauflos, dann greift er sich sein Akkordeon und singt aus voller Brust. Der Mann, der dort singt, ist Bruno. Gerade wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Bei Bruno handelt es sich um einen recht sonderlichen Kerl. Er ist eigen, spricht komisch, scheint nie dazuzugehören. Wie es im Verlauf des Filmes dazu kommt, wie Bruno es in die weite Welt (USA) zieht, ist eine wahrlich außergewöhnliche Geschichte, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Wenn man über "Stroszek" spricht, muss man über Bruno S. sprechen, der sich sozusagen selbst spielt. In seiner Kindheit von Heim zu Heim weitergereicht, mit komischen Arzneimitteln vollgepumpt führte er ein bescheidenes Leben. Werner Herzog wurde auf den Mann aufmerksam und besetzte ihn für seinen Kaspar-Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle" als Hauptdarsteller des Kaspar Hausers. Auch in "Stroszek" spielt Bruno S. die Hauptrolle und er trägt den Film mit seiner unglaublichen Präsenz. Da Bruno S. so ist, wie er ist, wirkt dieser Film, obwohl Fiktion, absolut echt. So ergibt sich ein leicht surrealistisches Gefühl beim Sehen, das "Stroszek" wirklich besonders macht.

Herzogs Film lässt sich in keine Schublade stecken und bewegt sich federleicht zwischen Drama, Komödie, Roadmovie, teilweise wirkt er gar wie ein kleiner Hybrid und man fühlt sich selbst wie der arme Bruno in diesem Film: mit allem ein wenig überfordert. Das ist zuerst etwas merkwürdig, wird aber im Verlauf des Filmes immer angenehmer und man lässt sich einfach auf das Geschehen ein. Man akzeptiert den etwas holprigen Verlauf des Filmes nicht nur, man fängt an, ihn zu genießen. Bruno weiß nie, wohin ihn der Weg führt und als Zuschauer folgt man ihm ungeheuer gerne dabei.

Stefan Ishii über "La Soufrière - Warten auf eine unausweichliche Katastrophe" (1977)

There was something pathetic for us in the shooting of this picture and therefore it ended a little bit embarassing. Now, it has become a report on an inevitable catastrophe that did not take place.

In "La Soufrière" berichtet Werner Herzog von einer skurrilen Begebenheit, in der wohl nur er einen Film zu entdecken vermag. Wie der Titelanhang "Warten auf eine unausweichliche Katastrophe" andeutet, bleibt die eigentlich erwartete Katastrophe nämlich aus.

Im Sommer 1976 flog Herzog mit einer kleinen Filmcrew zum Antilleninselstaat Guadeloupe, um den vorhergesagten Volkanausbruch des La Grande Soufrière zu filmen. Er hatte gehört, dass weite Teile der Insel evakuiert worden seien und sich lediglich ein Bauer weigerte, seine Heimat zu verlassen. Herzog machte schließlich den Daheimgebliebenen ausfindig, um dessen Motivation und seine Ansichten zum bevorstehenden Tode herauszufinden. Er fand sogar noch weitere Menschen. Herzog filmte zurückgelassene, umherwandernde Tiere und die gespenstisch leeren Straßen der Hauptstadt Basse-Terre. Er wanderte auch auf den bedrohlich brodelnden Vulkan, dem mit 1.467 m höchsten Berg der Kleinen Antillen, um Bilder von Qualm und Schwefeldämpfen aufzuzeichnen. Doch im Zentrum des etwa dreißigminütigen Dokumentarfilmes steht der zurückgebliebene Mensch und dessen ausschließlich auf sich selbst und die Natur bezogenen Äußerungen. Wie so oft in seinen Filmen interessiert sich Herzog dann doch mehr für gesellschaftliche Außenseiter und skurill-egozentrische Querdenker, die sich mit dem Rest der Welt nur bedingt auseinandersetzen wollen.

Doch der eigentliche Witz: Zum erwarteten Unheil kam es einfach nicht. Das Warten auf die unausweichliche Katastrophe fand kein Ende. Der Vulkan brach schließlich doch nicht aus. Basse-Terre blieb verschont. Die Zurückgebliebenen starben ebensowenig wie Werner Herzog und sein Filmteam.

2016, also 40 Jahre später, sollte sich Herzog erneut und dann gleich in zwei Produktionen mit der Vulkan-Problematik beschäftigen: Einmal in einem weiteren Dokumentarfilm ("In den Tiefen des Infernos") und einmal in Form eines Spielfilmes ("Salt and Fire"). Doch "La Soufrière - Warten auf eine unausweichliche Katastrophe" bleibt trotz seiner kurzen Laufzeit und gerade wegen dem Ausbleiben des Ausbruches die interessanteste Annäherung an das Thema.

Den Kommentar zum Film findet ihr auch hier.

colorandi_causa über "Fitzcarraldo" (1982)

As true as I am standing here, one day I shall bring grand opera to Iquitos. I will outgut you. I will outnumber you. I will outbillion you. I will outrubber you. I will outperform you. Sir, the reality of your world is nothing more than a rotten caricature of great opera.

Das Zitat birgt eine ungeheure Wahrheit: Eine Herzog'sche Wahrheit und damit auch eine über den Film als Medium und die Kunst hinter der Kunst. Für gewöhnlich nehmen wir einen Film als das wahr, was er ist: Eine mal mehr, mal weniger schöne, interessante, mitreißende oder elegische Zeitmaschine. Als in sich abgeschlossenes Werk umrahmt von produktionstechnischen Trivia, die das eskapistische Vergnügen manchmal zu stark dekonstruieren, aber mitunter durchaus als filmisches Parerga und Paralipomena dem Wirken der Bilder und ihrer Geschichte mehr Würze verleihen. "Fitzcarraldo" ist einer dieser wenigen Ausnahmen in der Filmhistorie: Ein Film-Film. Und zwar keiner von diesen metasprachlichen Abrechnungen, Laudationes oder schlicht Nekrologe, sondern einer dieser herausragenden Produktionen, die nicht (bzw. kaum) hinweggedacht werden können, um die Größe des Werks in seiner Gesamtheit zu würdigen. Das, was Herzog hier über die reale Person des „Brian Sweeney Fitzgerald“ zu erzählen hat, ist im Prinzip nichts Anderes als eine Nichtigkeit. Seine (Un-)Wahrheit darüber ist es erst, die die Geschichte vorantreibt und in einen Irrsinn von Produktionsexzessen mündete, dessen Unterfangen heutzutage wohl undenkbar wäre und ein Sturmlauf von Umweltschützern, Gewerkschaften und nicht zuletzt Menschenrechtlern zur Folge hätte. Dies soll mitnichten als Kritik verstanden werden. Aber wenn die Streichung von Jason Robards und Mick Jagger nach gut 40% der Dreharbeiten als fast unbedeutendster Fakt untergeht, weil zahlreiche Menschen verletzt (z.T. sehr schwer), kurzerhand ein Stück Urwald den Boden gleich gemacht wird oder Kriege innerhalb der indigenen Bevölkerungen entfacht werden und am Ende mit Kinski eine weitere unerschütterliche Naturgewalt aufbraust, dann kann das als Filmbegeisterter nicht reizlos hingenommen werden. Nicht umsonst sind mit "Die Last der Träume" und "Mein liebster Feind" zwei Dokumentationen entstanden, die uns helfen den Film hinter dem Film zusammenzusetzen.

Es ist gemeinhin bekannt, dass Klaus Kinski ein Arschloch war, ein irrwitziger und begnadeter Darsteller von ebensolchen Figuren, der Filme wie kaum ein Anderer für sich vereinnahmen konnte, aber Werner Herzog steht diesem in nichts nach. Er wählt fraglos eine stillere Form der Exzentrik. Sein leise, etwas gebrochene Stimme, die unverkennbar mit seinen wohlüberlegten Worten einhergeht mag von gegensätzlicher Natur zum eruptiven, schnellzüngigen Kinski sein, definiert aber ebenso gewissermaßen eine Kunstfigur, die sich auch gerne mal als Blaise Pascal ausgibt und die Realität nach seinem Ermessen hier und da ein wenig in die „richtigen“ Bahnen lenkt. Selbst in seinen Dokumentationen erfahren wir nie die reine Wirklichkeit, so diese überhaupt zu destillieren ist, sondern ein Realität, welche durch die Gravitas Herzogs verformt wird und sie von ihm wahrgenommen und erzählt werden will. Seine Worte und Bilder sind stilisiert, bilden einen Fluss eigener Begrifflichkeiten und Denkmuster, die uns ein ums andere Mal in ihren Bann ziehen und für die wahre Begebenheiten nur als Aufhänger dienen. Fitzgerald z.B. hat es fürwahr vollbracht ein Schiff über den Berg zu hieven. Er tat dies aber nicht im Ganzen, sondern nur stückweise und sein Schiff war bedeutend kleiner. Eine wahrscheinlich kluge Entscheidung, die für die Kunst wiederum ohne Belang ist, weswegen der selbsternannte „Conquistador of the Useless“ es sich in den Kopf gesetzt hatte, ein echtes Dampfschiff in seiner vollen Pracht und Größe entgegen dem geflügelten Wort „Berge zu versetzen“ selbigen mit nicht geländefähigem Gefährt zu überwinden. Alles Andere, wie z.B. die Zuhilfenahme von kleineren Modellen, wäre ja zu einfach und nicht zuletzt zu profan. Und so trug es sich tatsächlich zu, dass im Jahre 1981 ein etwa 340 Tonnen schweres Schiff einen Berg erklomm. Filmgeschichte wurde geschrieben und ihre Bilder brennen sich unweigerlich in diese Chronik ein.

Darüber hinaus bedarf es eigentlich gar nicht so viel. Kinski und ein Fluss irgendwo im unwirschen Nirgendwo, der aufgrund seiner Monomanie zur Kunst (in diesem Fall Oper) mit leicht zersaustem, strahlend blonden Haar und weißer Kauleiste, stahlblauen Augen, die über den Horizont hinwegzusehen scheinen und etwas zerlottertem Leinenanzug die größten Hürden überschreiten möchte. Zwar wohnt diesem Charakter ein gewisser Wahnsinn inne, im Grunde aber ist er für eine Kinski Figur ungemein besonnen, die in erster Linie für die Oper und Enrico Caruso brennt und ansonsten keine verkohlten Leichen hinterlässt, wenngleich Kinskis Wahnwitz nur gebändigt, aber nie besiegt zu sein scheint, weshalb die ein oder andere Eruption sich als nervenzerreibende Geduldsprobe erweist, dessen Zurschaustellung ungemeine Dynamiken entwickelt, deren Volatilität aber noch von Herzog und Kinski abgefangen werden können. Insofern ist die reine Schauspielleistung zugegebenermaßen etwas konventioneller als im Falle von "Aguirre", für "Fitzcarraldo" aber sicherlich dienlicher, da es die Geschichte um einen unternehmerischen Exzentriker, für den fast alles nur als Mittel zum Zweck herhalten muss, um seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, abrundet. Die dabei entstanden Bilder gehören wohl auch zu den schönsten und einprägendsten Herzog'schen (und natürlich Thomas Mauch) Schaffens.

Bleibt die Frage, was wir in seiner Geschichte vermögen zu entdecken. Sicherlich rührt seine Faszination nicht nur aus seiner doch recht simplen Erzählung über die Überwindung der Natur und die Erkenntnis, dass diese unweigerlich zurückschlägt und sich als nicht vollkommen beherrschbar entpuppt. Sie zieht ihren Reiz aus den Parallelen zu Herzog selber; der Tatsache, dass Herzog im Laufe der Dreharbeiten seinem Protagonisten in nichts nachsteht; ihn sogar übertrumpft. Der Mensch mit einer Vision, die zu erreichen ihn an die Grenzen der Welt und eigenen Natur bringen. Herzog ist Fitzcarraldo. Sein Fitzcarraldo.

Nonkonformist über "Begegnungen am Ende der Welt" (2007)

The National Science Foundation had invited me to Antarctica even though I left no doubt that I would not come up with another film about penguins.

Es gibt ein paar wenige Plätze auf unserem Planeten, die uns vollkommen fremd und wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Plätze an denen der normale Kreislauf des Lebens keiner Ordnung zu unterliegen scheint. Hier, inmitten zwischen Pinguinen, gigantischen Eisbergen und menschenfendlicher Kälte sucht Regisseur Werner Herzog eine Forschungsstation auf, in denen Traum und Realität näher als irgendwo sonst beisammen zu sein scheinen. Forscher, die allesamt Aussteigern gleich kommen, am Ende eines Planeten, der dann doch seine Grenzen zu haben scheint. Menschen, die sich zwanzig Jahre im Schweigen üben, nur um in aller Ruhe Pinguine und ihre Verhaltensweisen studieren zu können, die ihre Ohren auf das Eis legen um unter ihm an Pink Floyd erinnernde Klänge der Meerestiere hören zu können oder jene, die inmitten der tiefsten Kälte in ihrem Zelt hocken um Science-Fiction-Filme zu sehen.

Oft ist dies nicht weit weg davon, wirkt als sei man irgendwo in einer fremden Galaxie, an einem Ort an dem ein exzentrischer Regisseur exzentrische Ansprüche stellt, Forschung ohne industrielle Spuren der geringen Zivisilation erwartet und fragt, ob Pinguine eigentlich homosexuelle Fantasien entwickeln können. Vielleicht harmoniert das Konzept jener Idee gerade auf Grund der zunächst befremdlichen Herangehensweise, wie es so häufig bei Herzog der Fall ist. Nur nicht noch so einen Film über den Südpol drehen, nicht schon wieder nur Pinguine und Eisberge, Szenen die wirken wie aus einem Bilderbuch als eine Illusion einer Gegend, die zweifellos schön anzusehen, aber auch rau und fordernd ist. Nur, wer sein eigenes Iglu bauen und in ihm eine Nacht überstehen kann, ist berechtigt Teil dieses Projektes zu werden, nur wer überleben lernt in jener tiefsten Kälte ist willkommen.

Wo sind die Grenzen unseres Planeten, in einer Zeit in der Astronauten mit Raumschiffen zum Mond fliegen, in der Menschen mit dem Rad um die Welt fahren oder irgendwelche verrückten Bergsteiger regelmäßig in astronomischen Höhen auf die Welt herabblicken. Vielleicht sind all jene Grenzen nur in unseren Köpfen, wie Herzog damals keine Unmöglichkeit darin sah, mit Ureinwohnern und Kinski gemeinsam ein Schiff über einen Berg mitten im Dschungel zu transportieren, er stets das Unmögliche wagte um die Möglichkeit in ihrer Beschränktheit auszuweiten. "Wir hier sind alle irgendwie Träumer" sagt einer seiner Interviewpartner, voller Faszination für den Ort, der fast jedem anderen Menschen auf diesem Planeten sein ganzes Leben lang fremd bleiben wird. Aber sie waren dort, haben gesehen, was mehr ist als eine Naturdokumentation es in ihrer Oberflächlichkeit je zeigen könnte, gespürt wie der Schnee unter den Füßen nachgibt, die Kälte sich in den Körper frisst und wie das Leben in all jener Absurdität in dieser Region doch möglich ist.


* * *

Im Rahmen des Schreibzusammenschlusses "Textgeschenke zum Geburtstag" sind bereits einige tolle Artikel zusammengekommen. Eine Übersicht läßt sich in einer Liste finden. - Neue Autoren und Mitschreiber sind natürlich immer gerne willkommen. Kontaktiere einfach Amarawish oder Stefan Ishii! Oder schaue in unsere Planungsliste!

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
"Feelings can creep up just like that. I thought I was in control." (In the Mood for Love)
Deine Meinung zum Artikel Geburtstägliche Begegnungen mit dem Eigenwilligen
0bb6b5036c5b4c4dba497dec4b92212f