Little Women: Großartig, wie dieser Klassiker modernisiert wird

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Little Women
02.02.2020 - 10:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Greta Gerwigs Neuverfilmung von Little Women ist eine so fantastische Umsetzung des 150 Jahre alten Romans, weil sie die vergangene Erzählung gekonnt in die Moderne schubst.

Jo March (Saoirse Ronan) sitzt zu Beginn von Little Women der imposanten Gestalt eines alteingesessenen Verlegers gegenüber, der ihr in bester Mansplaining-Manier erklärt, wie "Frauengeschichten" funktionieren: "Wenn die Hauptfigur eine Frau ist, sollte sie am Ende verheiratet sein."

Die Romanvorlage Little Women von Louisa May Alcott ist selbst so eine "Frauengeschichte". Geheiratet wird hier auch eine Menge. Aber wer glaubt, dass das Buch damit in die Falle des Verlegers tappt, zur seichten weiblichen Erzählung herabgestuft zu werden, der irrt - erst recht, wenn wir uns Greta Gerwigs subtile Modernisierung in ihrer oscarnominierten Verfilmung ansehen. Denn:

Little Women: Amy, Meg, Jo, Beth (Florence Pugh, Saoirse Ronan, Emma Watson, Eliza Scanlen)
  • Greta Gerwig versteht es als Regisseurin und Drehbuchautorin mit Little Women eine alte Geschichte mit modernen Themen aufzuladen.
  • Der Film ist eine gelungene Umsetzung des Romans, schafft es jedoch zugleich durch einen Kniff, den Fokus zu verschieben.
  • Little Women zeigt, auf eingängige Weise dass Romantik und Selbstverwirklichung sich nicht ausschließen müssen.

Die Little Women sind keine kleinen Frauen

Der Titel von Little Women enthält eine zweifache Lesart: Die "kleinen Frauen" sind einerseits vier jungen Damen an der Schwelle zum Erwachsenwerden: Meg (Emma Watson), Jo (Saoirse Ronan), Beth (Eliza Scanlen) und Amy (Florence Pugh) March.

Als solche müssen sie sich andererseits kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg in den 1860ern jedoch nicht nur ihrem Leben, sondern auch den Vorurteilen einer Gesellschaft stellen, in der Frauen häufig als minderwertig wahrgenommen werden.

Little Women: Laurie & Amy

Herabgesetzt oder verniedlicht laufen die Little Women Gefahr, sich kleinmachen zu lassen und stehen in ihrer Geschichte vor der Aufgabe, zwischen Einschränkung und Selbstwertgefühl den Weg zu finden, der für jede einzelne von ihnen persönlich der beste ist.

All diese Motive sind in Louisa May Alcotts Buchvorlage bereits vorhanden und durchdringen auch die unzähligen vergangenen Verfilmungen von Little Women. Greta Gerwigs Drehbuch und Inszenierung schafft jedoch in einer Zeit weiblicher Ermächtigung, den vergangenen Stoff noch gegenwärtiger aufzubereiten.

Aus Alt mach Neu: Greta Gerwig modernisiert die Little Women

Little Women wurde als Buch vor mehr als 150 Jahren veröffentlicht. 1868 und 1869 brachte Louisa May Alcott die zwei Bände heraus, die 1880 zu einem gemeinsamen Buch zusammengeführt wurden. Obwohl der Stoff in anderthalb Jahrhunderten eine große literarischen Tragweite entwickelte, könnten heutige Leser die Geschichte leicht als angestaubten Klassiker wahrnehmen. Doch dem ist nicht so.

Little Women

Womit die Little Women hadern, lässt sich mit Leichtigkeit in die Gegenwart übertragen: Familie, Freundschaften, Rückschläge. Obwohl die Geschichte im 19. Jahrhundert spielt, kann sich gerade in den schwesterlichen Szenen jeder Zuschauer mit Geschwistern im Familienalltag wiedererkennen. Überhaupt ist es ein Wunder, wie gut die Story funktioniert, obwohl sie Alltag statt Abenteuer in den Vordergrund stellt. Vielleicht, weil auch wir Zuschauer eher alltägliche als aufregende Leben haben?

Louisa May Alcott war ihrer Heldin Jo March sehr ähnlich, weshalb Little Women häufig als (semi-)autobiografisch betitelt wird. Sie ließ sich zu ihrer Geschichte von ihrem eigenen Leben mit drei Schwester inspirieren, konnte Familiensituationen also aus erster Hand gut wiedergeben. Greta Gerwig nimmt nun Alcotts lebensnahe Perspektive und hebt jene Stellen hervor, die einen Nerv der heutigen Zeit treffen.

Little Women: Saoirse Ronan als Jo

Little Women macht dabei alles richtig, was bei 3 Engel für Charlie Anfang des Jahres falsch gelaufen ist: Für den Erfolg einer Frau muss nicht der Mann zum Feind stilisiert werden. Es geht nicht um Frauen gegen Männer, sondern vielmehr um Frauen, die für sich selbst wählen. Dabei müssen die Heldinnen nicht unfehlbar sein, um ihren eigenen Weg gehen zu dürfen.

Eine Vorgabe für eine "richtig" gelebte Existenz gibt es dabei nicht. Nur die Wahl zu haben, muss gegeben sein. Im Prinzip lässt sich in Little Women jeder Satz aus Saoirse Ronans Mund zum modernen Motto erheben und einrahmen.

Little Women: Von Heirat und Selbstverwirklichung

Ironischerweise erhielt der zweite Band von Little Women in Großbritannien bei dessen Erstveröffentlichung (ohne Louise May Alcotts Einwilligung) den Titel Good Wives, also "gute Ehefrauen". Doch obwohl die Mehrzahl der March-Schwester am Ende der Erzählung verheiratet ist, wäre es ein Fehler, sie darauf zu reduzieren.

Little Women: Jo & Laurie

Dennoch erinnere ich mich als Leserin von Little Women vor ein paar Jahren noch gut an meine anfängliche Überraschung (und Enttäuschung) darüber, dass Jo nicht mit dem Nachbarsjungen Laurie (im Film: Timothée Chalamet) zusammenkam. Sie waren über den ersten Band hinweg gewissermaßen als Seelenverwandte eingeführt worden ... und dann wurden romantische Erwartungen so unvermutet unterwandert.

Greta Gerwig ist sich der Fallhöhe enttäuschter Hoffnungen sehr wohl bewusst, die ihre Erzählung von Little Women leicht in die falsche Richtung lenken könnten. "Und wen heiratet sie am Schluss?", lässt sie schließlich Jos Verleger im Film fragen. Zugleich nimmt sie durch einen simplen Trick in der Erzählung die Antwort auf ihre Frage jedoch bewusst vorweg.

Little Women: Louis Garrel als Friedrich Bhaer

Der einfache Kunstgriff: Ihr Little Women verändert die zeitliche Reihenfolge der Geschichte: Statt die Ereignisse wie im Buch chronologisch ablaufen zu lassen, greift sie gleich zu Beginn vorweg und lässt in den ersten Begegnungen ihrer Heldinnen Jo auf Friedrich Bhaer (Louis Garrel) und Amy auf Laurie treffen. Damit sind die romantischen Fronten für den weiteren Verlauf geklärt und zugleich aus dem Weg geräumt.

Wie Little Women seine Schwerpunkte verschiebt

Indem absehbar wird, wer am Ende wen heiratet, können wir die (Liebes-)Geschichten der Little Women immer noch genießen. Schließlich ist auch in den besten RomComs die Paarbildung selten überraschend. Zugleich verschiebt sich der Fokus durch diesen Kniff jedoch auf gekonnte Weise, obwohl die Adaption dem Roman treu bleibt und damit schon jetzt eine der gelungensten Buchverfilmungen 2020 ist.

Indem wir nämlich nicht länger darüber nachgrübeln, wer hier zusammenkommen wird, kann stärker anderes in den Vordergrund treten: Erfolge als Autorin, Verluste in der Familie, Selbstverwirklichung.

Little Women auf dem Weg zur Selbstverwirklichung

Dass diese Selbstverwirklichung für jede Frau anders aussieht, zeigt sich am unterschiedlichen Werdegang der March-Schwestern. Jo will es zur Schriftstellerin bringen, Beth fühlt sich im Schoß der Familie am wohlsten, Amy muss ihren Weg erst in der Ferne suchen und wenn Meg ihr Glück im Eigenheim, mit Ehemann und Kindern findet, dann ist das auch vollkommen legitim.

Little Women zeigt, dass Romantik und Liebe nicht ausgeklammert werden müssen, um auch andere Themen in "Frauengeschichten" zu behandeln. Die Wärme, Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit, mit der Greta Gerwigs Film und ihr grandioses Ensemble diese Botschaft vermittelt, dürfen sich gern auch andere zum Vorbild nehmen.

Wie sehr sich die Little Women-Verfilmung lohnt, bespricht auch der FILMSTARTS-Podcast

In der neuen Folge ihres Podcasts Leinwandliebe  diskutieren unsere Kollegen von FILMSTARTS ausgiebig über die Qualitäten von Little Women.

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Nach dem Gespräch über Greta Gerwigs neuen Film widmet sich der FILMSTARTS-Podcast zudem noch ganz allgemein dem Thema Literaturverfilmungen. Was ist das Für und Wider von Buch-Adaptionen, welche sind besonders gelungen und was für Geschichten sollten unbedingt noch verfilmt werden? Als Gast mit dabei: Moviepilotin Esther.

Als wie aktuell habt ihr Greta Gerwigs Little Women-Adaption beim Kinobesuch empfunden?

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