Nach Der Babadook: Jennifer Kents brutaler Rachefilm The Nightingale

The Nightingale
© Causeway Films
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Neulich bei der morgendlichen Pressevorführung von Vox Lux mit Natalie Portman: Während es in den ersten Minuten des Films zu einem Schulmassaker kommt und die Heldin schwer blutend in einem Rettungswagen liegt, steht ein Besucher in der Reihe hinter mir entrüstet auf, geht auf einen anderen Besucher zwei Reihen vor mir zu und drückt wütend dessen leuchtendes Handy-Display nach unten. Der andere steht auf, hastet drohend auf den Anti-Display-Aktionisten zu, reckt das Kinn. Das gegnerische Kinn hängt höher, und schnellt auf den Handy-Missetäter zu. Der zuckt zusammen, weicht reflexartig zurück und plustert sich dann, seiner kuschenden Reaktion bewusst werdend, wieder auf. Für ein paar Minuten hängt beim Filmfestival in Venedig eine Prügelei in der Luft.

Ein paar Tage später bei der abendlichen Pressevorführung von The Nightingale: Eine Gruppe von Männern in meiner Reihe klatscht und jubelt, als in dem Rachefilm von Jennifer Kent einem Vertreter eines Aborigine-Klans in den Bauch geschossen wird. In den Applaus beim Abspann mischen sich aus derselben Ecke Buhrufe, dann schreit einer der Männer lautstark auf Italienisch und nennt Regisseurin Jennifer Kent eine Hure. Aus Teilen des Publikums gibt es verbale Gegenwehr. Den zyklischen Regeln solcher Vorfälle folgend, veröffentlicht der Verantwortliche danach eine Facebook-Entschuldigung, die seine sexistische Beleidigung im Prinzip als öffentlich gewordenen "locker room talk" kleinredet. Sowas sei mit Freunden in der Kneipe erlaubt, heißt es darin, aber nicht in einem Kino. Diese Kneipenbesuche will ich mir gar nicht erst vorstellen. Laut Reuters wurde dem Italiener die Akkreditierung entzogen.

Ausgerechnet Jennifer Kent, ausgerechnet dieser Film

Jennifer Kent, Ziel der Beleidigung, wurde als einzige weibliche Regisseurin in den Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig eingeladen. Mit dem Horrorfilm Der Babadook feierte sie vor vier Jahren ihren Durchbruch. In ihrem Zweitling The Nightingale wird die Hauptfigur mehrmals vergewaltigt und begibt sich nach der Ermordung ihres Mannes und ihres Babys auf einen Rachefeldzug, um den verantwortlichen Offizier zur Strecke zu bringen. Dass sich Pressevertreter beim ältesten Filmfestival der Welt daneben benehmen, ist, wie der Hahnenkampf über Handy-Displays zeigt, durchaus nicht ungewöhnlich. Die üble Beleidigung in einem professionellen Rahmen traf nun ausgerechnet eine Regisseurin und ausgerechnet diesen Film. Es ist ein Einzelfall, aber auch ein hässliches Mosaiksteinchen, das sich neben andere reiht, darunter der Mangel an Frauen im Wettbewerb und das "Weinstein ist unschuldig"-T-Shirt auf dem roten Teppich bei der Premiere von Suspiria. Der Puttana-Schreihals und der Casting-Director mit dem Shirt, sie beide eint eines: In der Ära von #MeToo, die marginalisierte Stimmen über ihre erhebt, suchen sie mit ihren zynischen Ausfällen nach Aufmerksamkeit. Was der Nightingale-Zwischenfall auch lehrt: Ich sitze eindeutig im falschen Teil des Kinosaals.

Van Diemen's Land hieß die Insel Tasmanien vor der Küste Australiens noch in den frühen 1800ern, als sie eine Strafkolonie war. Wie Tausende andere wurde die Irin Clare (Aisling Franciosi) dorthin verschifft, um ihre Strafe abzuarbeiten. Dabei band man die Häftlinge wie Leibeigene als Arbeitskräfte an Siedler und Soldaten, bevor sie, wenn überhaupt, ihr Ticket für die Strafentlassung erhielten. Clare hofft seit Monaten darauf. Offizier Hawkins (Sam Claflin) macht ihr Versprechungen, doch nutzt er sie nur aus. Als Hawkins erträumte Versetzung ins Wasser fällt, macht er sich über Clares Familie her. Am Ende der Nacht liegt sie neben den Leichen ihres Mannes und ihres Kindes. Hawkins ist mit ein paar Männern auf und davon. Er will persönlich für seine Versetzung appellieren. Mit dem indigenen Fährtenleser Billy (Baykali Ganambarr) nimmt Clare die Verfolgung auf.

The Nightingale ist weniger souverän als Der Babadook, aber das hat Methode

Diese Verfolgung, die den Film in eine Mischung aus Rape-and-Revenge-Film und The Revenant verwandelt, braucht ihre Zeit. The Nightingale ist eine weniger selbstreflexive Auseinandersetzung mit den Genre-Bausteinen als beispielsweise Revenge von Coralie Fargeat aus dem letzten Jahr. Einige der üblichen Stationen des Rachefilms werden passiert, von dem grausamen Verlust über die gegenseitige Annäherung des Verfolgerpärchens bis hin zur ersten Tat, wenn das Opfer seine Hände in Blut wäscht. Will man sich, und das gehört zur Anziehungskraft des Genres, mit der Heldin der Rache hingeben, legt einen Kent oftmals Steine in den Weg. Clare ist keine rächende Heldin, die aus dem Angriff auf sich und ihren Körper gestählt hervorgeht. Die Wiedergeburt im Stahlbad, wie sie in Rachefilmen häufig zelebriert wird, bleibt aus.

Clare geht nur als eines aus der Schreckensnacht hervor: traumatisiert. Kämpfen und Töten liegt ihr nicht, was zu den radikaleren Abwandlungen des Genres in diesem Film gehört. Clare wurde fürs Morden nicht gemacht, auch nicht durch ihre Verbrecher. Was ihr liegt, wurde begraben. Sie stiert in die Landschaft, als solle die Rache gefälligst zu ihr kommen und dann wird das schon. Aisling Franciosi zeigt sich von der ständigen Aufgekratztheit ihrer Figur überfordert. Eine Darbietung mit seltsamer Wirkung ist es, da ihre Wut häufig aufgesetzt und gekünstelt wirkt, das über viele Ecken gedacht aber auch zu Clare passt. Die performt die Rache eher, als sie zu vollziehen.

Wurde der Babadook vom Zweipersonenstück zwischen Mutter und Sohn dominiert, wechselt The Nightingale zwischen Tätern und Verfolgern. Dadurch wird einer vergleichbaren Intensität der Riegel vorgeschoben. Hinzu kommt, dass die Schlächter in Uniform dank ihrer Aneinanderreihung von Grausamkeiten an Frauen und Männern, alt und jung, nie übers abstoßende Schlachtvieh eines Rachefilms hinauskommen. Trotzdem müssen wir viel Zeit mit ihnen verbringen. Das Drehbuch ist nämlich vernarrt in die Art und Weise, wie Grausamkeit über militärische Hierarchien weitergetragen wird. Überzeugender gelingt Buch und Schauspielern das Verfolgerpaar, das in der Unterjochung durch und den Hass auf Engländer Gemeinsamkeiten entdeckt. Billys IDGAF-Humor ist unersetzlich in The Nightingale, der trotz seines historischen Settings im tasmanischen Dschungel die alptraumhafte Märchenhaftigkeit von Der Babadook beschwört. Es bleibt ein Genrefilm durch und durch. Selten geht das so souverän wie in Kents Erstling vonstatten. Rache ist in The Nightingale ein erschöpftes Stolpern am Wegesrand, von Blutlache zu Blutlache. Für ein paar Hiebe gegen die männlichen Täter reicht die Kraft aber noch.

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