Neue Netflix-Serie: Der Brief für den König will Herr der Ringe für Kinder sein

Der Brief für den König - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Der Brief für den König
20.03.2020 - 15:00 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Netflix hat Der Brief für den König verfilmt. Leider ist die Serie dabei etwas zu kindlich auf den Spuren von Der Herr der Ringe unterwegs, um einen richtigen Sog zu entwickeln.

Wer wie ich als Herr der Ringe-Fan aufgewachsen ist, ist wahrscheinlich zu alt, um Der Brief für den König wirklich genießen zu können. Denn die neue mittelalterliche Netflix-Serie sucht an vielen Stellen aktiv den Vergleich zu Peter Jacksons Fantasy-Epos. Doch beim Versuch ein Herr der Ringe für Kinder zu sein, kann die Serie leider nur als Verlierer dastehen.

Versteht mich nicht falsch: Ich sehe mir liebend gern und regelmäßig Kinderfilme an. Doch der Netflix-Serie Der Brief für den König gelingt der schwierige Spagat zwischen junger Unterhaltung und Mittelalter-Setting nur mit leicht gequältem Gesichtsausdruck. Ich versuche hier im Serien-Check mal (größtenteils spoilerfrei) zu ergründen, woran das liegt.

Netflix traut Der Brief für den König nicht zu, allein episch zu sein

Von den Niederlanden produziert, aber im Original in Englisch mit einem internationalen Cast gedreht, basiert Der Brief für den König auf dem gleichnamigen Kinderbuch der Schriftstellerin Tonke Dragt.

Doch während ihre ursprüngliche Geschichte sich um den Schildknappen Tiuri (Amir Wilson) drehte, der in einem fiktiven mittelalterlichen Reich einen Brief ausliefern sollte, um einen Krieg zu verhindern, wurde zu dieser Grundidee in der Netflix-Serie viel aufgesetzt Episches dazugedichtet.

Der Brief für den König: Tiuri will Ritter werden

Es ist schon klar, dass ein Buch, was mittlerweile fast 60 Jahre auf dem Buckel hat, für die Jugend von heute modernisiert werden muss (Der Brief für den König wurde 1962 veröffentlicht, die Fortsetzung Der Wilde Wald im Jahr 1965). Doch die Geschichte mit erfundenen übernatürlichen Kräften aufzupimpen und dem Ganzen dann mittels Prophezeiung noch eine Auserwählten-Thematik aufzupfropfen, halte ich für unnötig. (Egal wie viel Fantasy-Erfahrung Amir Wilson durch His Dark Materials schon gesammelt hat.)

Es ist zwar ein paar Jährchen her, dass ich die zwei Romane gelesen habe, aber als Kind brauchte ich zum Ritter-Setting einer abenteuerlichen Reise eigentlich keine weiteren Zutaten, die aus der Netflix-Erzählung unnötigerweise etwas völlig anderes werden lassen.

Der Brief für den König drückt der Vorlage den Herr der Ringe-Stempel auf

Insbesondere mit dem gesuchten Vergleich zum Herrn der Ringe tut Netflix' Der Brief für den König sich keinen Gefallen. Anfangs wirkt es noch wie Zufall. Aber je mehr Elemente und Parallelen sich häufen, desto mehr runzelt sich beim Schauen die Stirn des Mittelerde-Fans. Um das an ein paar Beispielen zu verdeutlichen:
Der Brief für den König: Der Böse Viridian
  • Genau wie Peter Jacksons Filme wurde Der Brief für den König teilweise in Neuseeland gedreht. Die majestätischen Landschaften sind hier unverkennbar, passen aber leider nicht immer mit den Burgen zusammen, die eher tschechischen Märchen entsprungen zu sein scheinen.
  • Die Netflix-Besetzung fährt gleich zwei namhafte Herr der Ringe-Darsteller auf: David Wenham (Faramir) und Andy Serkis (Gollum). Das macht es schwer, den Vergleich nicht zu ziehen. Andy Serkis' Tochter Ruby Ashbourne Serkis hat sich derweil von Hobbit-Statisten-Auftritten zu einer vollwertigen Hauptrolle (Lavinia) hochgearbeitet.
  • Im Gegensatz zum Buch bekommt Hauptfigur Tiuri nun neuerdings Gefährten zur Seite gestellt. Leider haben diese anders als Aragorn, Gimli und Co. die meiste Zeit nichts anderes zu tun, als dem Briefträger hinterherzulaufen und verkommen so zur Bedeutungslosigkeit.
  • Der Kampf Gut gegen Böse lässt sich auch in Netflix' Der Brief für den König auf einen simplen (sogar buchstäblichen) Kampf von Licht und Dunkelheit zusammenfassen, allerdings mit etwas blassem Sauron-Ersatz.
  • Die verhältnismäßig kleine Quest, einen handlichen Brief für den König zuzustellen, kann der weltentscheidenden Mission, einen handlichen Ring in Mordors Schicksalsberg zu werfen, dabei nur bedingt das Wasser reichen. Auch wenn hier wieder der Unbedeutende Großes vollbringen soll, sei es nun ein Kind oder ein Hobbit.
Der Brief für den König: Die Gefährten

Wenn sich der Herr der Ringe-Gedanke als Vergleich erst einmal eingeschlichen hat, lässt er sich schwer wieder wegdenken. Was uns automatisch zum nächsten Problem führt: Der Brief für den König kann als kinderfreundliche Unterhaltung nicht dieselbe schicksalhafte Schwere entwickeln.

Der Brief für den König: Gefangen zwischen Jugendfreiheit und Ritterschlachten

Auf Netflix ist Der Brief für den König ab 6 Jahren freigegeben. Vielleicht lechzte ich seit dem Ende von Game of Thrones ja zu sehr nach hochqualitativer Fantasy-Unterhaltung für Erwachsene, aber beim Schauen sehe ich leider immer wieder, wie die Serie ungenutztes Potenzial einer bildgewaltigen Mittelalter-Szenerie zugunsten der kindlichen Umsetzung links liegen lässt.

Das geht bei der Gewaltdarstellung los: Das Wegschneiden im "richtigen" Moment ist bei Unterhaltung für ein jüngeres Publikum normal. Gestorben wird in Der Brief für den König aber trotzdem. Allerdings ohne einen Tropfen Blut trotz tödlicher Wunden. Das verleiht den tragischen Momenten eine gewisse Unwirklichkeit und nimmt ihnen Bedeutungsschwere.

Der Brief für den König: Tiuri & Lavinia

Die unschuldige Auslotung von Liebe und Sexualität in Der Brief für den König beschränkt sich zudem auf vollbekleidetes Baden, einen unerwarteten Ritterknutscher und einen Kuss, der eher ein Aufeinanderdrücken von Lippen ist. Als solcher kurbelt er vielleicht den magischen Pollenflug der Wiese an, aber keine Gefühle. Aus dem Ritter aus Leidenschaft wird hier eher der Ritter ohne Leidenschaft.

Nein, Netflix, Kinder sind keine Erwachsenen

Das alles wäre mit der Begründung des angedachten Jugendpublikums noch irgendwie zu verkraften, aber woran ich mich letztendlich beim Schauen am meisten stieß, waren (neben dem lachenden Kampf-Pferd, dem The Witcher-Jaskier-Klon und dem Abziehbösewicht mit Emo-Frisur) die unglaubhaften Interaktionen zwischen Erwachsenen und Kindern.

Alle Kinder- und Jugend-Darsteller in Der Brief für den König bei Netflix sind ein Stück zu jung, um von ihrer Umgebung so ernstgenommen zu werden, wie die Serie sie behandelt.

Der Brief für den König: ungleiche Gegner ... auf Augenhöhe?

Wahrscheinlich träumen jüngere Zuschauer durchaus davon, nicht ständig mit einem herablassenden "Dazu bist du noch zu jung" bedacht zu werden. Doch dass sich in Tiuris Welt offenbar niemand an ihrem Alter stößt und sie stattdessen als ebenbürtige Gegner sieht und sogar in Bar-Schlägereien verwickelt, wirkt dann doch wie ein deplatzierter, unfreiwillig komischer Austausch auf Augenhöhe. Kindliche Comic-Relief-Schneeballschlachten und Lagerfeuer-Gruselgeschichten lassen die Kluft hier nur noch weiter aufklaffen.

Der Brief für den König kann als Netflix-Serie keinen einheitlichen Tonfall finden und das ist schade. Schließlich wurde der niederländische Buchklassiker, der über die Grenzen seines Heimatlandes Bekanntheit erlangte, schon einmal 2008 als Der Brief für den König (2008) als vergessenswerter Kinofilm in den Sand gesetzt.

So aber bleibt auch der neue Tiuri, der mit einem Fuß ein erwachsener Ritter und mit dem anderen ein Kinderheld sein will, nur ein glorifizierter Postboste in malerischer Landschaft.

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