Queer in der Zombie-Apokalypse: The Walking Dead hat ein kompliziertes Verhältnis zu LGBTQ+

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The Walking Dead
06.06.2021 - 15:50 UhrVor 4 Tagen aktualisiert
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In 10 Jahren gab uns The Walking Dead viele spannende queere Figuren über mehrere Serien hinweg. Leider hat es bisher noch jede LGBTQ+ Liebesgeschichte an die Wand gefahren.

Müsste ich die Beziehung zwischen The Walking Dead und mir beschreiben, würde ich sagen: Es ist kompliziert. Als queerer Horrorfan liebe ich die Zombieserie mit allen 10 Staffeln und Spin-offs dafür, wie selbstverständlich nicht-heterosexuelle Liebesgeschichten erzählt werden. Egal ob Victor Strand, Aaron, Tara oder Jesus: einige der coolsten Charaktere in The Walking Dead sind Teil der LGBTQ+ Community.

Aber so natürlich und selbstverständlich Diversität und Repräsentation zum Teil in The Walking Dead stattfinden, so problematisch ist auch das Verhältnis des Serien-Kosmos zu den queeren Ikonen der Zombie-Apokalypse – egal ob schwul, lesbisch, bi oder non-binary. (Eine Trans-Figur ist uns The Walking Dead nach wie vor schuldig geblieben.)

The Walking Dead hat ein kompliziertes Verhältnis zur Diversität

Immer wieder präsentieren uns die Autor:innen coole neue Figuren, mit denen sie nach anfänglich interessanten Storylines kaum noch etwas anzufangen wissen. Das ist ein generelles Problem von The Walking Dead, ist aber besonders schade, wenn es queere Figuren trifft. Deren Geschichten kommen in riesigen Mainstream-Franchises schließlich sowieso schon zu kurz.

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Nehmen wir hier zum Beispiel die Figuren Strand, Tara und Aaron. Ihre gleichgeschlechtlichen Beziehungen in The Walking Dead bzw. Fear the Walking Dead waren zu Beginn elementarer Antrieb für ihr Handeln und ihre Entwicklung. Mit der Zeit schienen die Autor:innen aber komplett vergessen zu haben, dass diese Figuren queer sind.

Tara: Die erste queere Hauptfigur in The Walking Dead

Tara Chamblers (Alanna Masterson) war sogar die erste queere Figur in The Walking Dead. Dass nicht-heterosexuelle Menschen in der Zombie-Apokalypse existieren, wurde erst mit ihr in Staffel 4 bestätigt.

The Walking Dead: Tara und Denise

Erst auf der Seite des bösen Governors, wird sie nach und nach zu einem wichtigen Teil von The Walking Dead. Zwei lesbische Romanzen sind Teil ihrer Geschichte. Seit Staffel 6 spielt ihre Sexualität aber keinerlei Rolle mehr und in Staffel 9 wird sie schließlich von der Flüsterin Alpha brutal hingerichtet.

Klar, bei The Walking Dead stirbt ständig jemand. Die Serie scheint aber vergessen zu haben, was für ein großes Ding ihre erste queere Figur für Teile der LGBTQ+ Community ist.

Aaron: The Walking Dead verlor das Interesse an seinen Gefühlen

Nach der ersten lesbischen Figur in Staffel 4 legt The Walking Dead in Staffel 5 nach und stellt uns den schwulen Aaron (Ross Marquand) vor. Er ist Rekruter für die Alexandria Sicherheitszone und ein typischer Jedermann mit hervorragenden Survival-Skills – der nebenbei auch auf Männer steht.

The Walking Dead: Aaron

Im Verlauf der Serie wird er zu Rick Grimes’ engstem Vertrauten und führte eine liebevolle Beziehung mit dem Charakter Eric, welcher in Staffel 8 Opfer im Krieg gegen Negan wird. Seitdem ist sein Liebesleben bis auf Eis gelegt. Eine Beziehung zu seinem engen Freund Jesus wird lediglich angedeutet und findet komplett Off-Screen statt.

Seit Jesus’ Tod in Staffel 9 scheint Aaron dann jegliche Hoffnung auf eine Beziehung aufgegeben zu haben. Stattdessen wird er uns als starker Kämpfer, Anführer- und Vaterfigur präsentiert. Auch hier scheint The Walking Dead jegliches Interesse an seiner Queerness verloren zu haben.

Victor Strand: einst das queere Highlight von Fear the Walking Dead

Victor Strand (Colman Domingo) ist seit der 1. Staffel Teil von Fear the Walking Dead. Er ist ein faszinierender Charakter, der stets zu seinem eigenen Vorteil handelt und dafür nicht vor moralisch fragwürdigen Entscheidungen zurückschreckt. Der Motor all seines Handelns war sein Lebenspartner Thomas: Um endlich wieder mit ihm vereint zu sein, kämpft sich Strand von LA bis nach Mexiko durch.

Fear the Walking Dead: Victor Strand

Das Wiedersehen in Staffel 2 ist aber nur von kurzer Dauer. Thomas wird gebissen und Strand muss die Liebe seines Lebens mit einem Kopfschuss erlösen. The Walking Dead ging mit diesem traumatischen Erlebnis um, als hätte er damit nicht nur seinen Partner, sondern auch seine Sexualität getötet. Strands Homosexualität schien plötzlich irrelevant für die Handlung zu sein und wird schon seit Jahren nicht mehr wähnt.

Hier ist ein klares Muster zu erkennen: Statt seine queeren Figuren konsequent weiterzuerzählen, führt The Walking Dead einfach neue LGBTQ+ Charaktere ein – bis auch deren Geschichte wieder verheizt ist.

Jüngstes Beispiel: Das in Staffel 9 als Teil einer neuen Gruppe vorgestellte Pärchen Magna und Yumiko. Eine Staffel und eine tränenreiche Trennung später ist Magna zur Randfigur verkommen und nur noch Yumiko ist ein wichtiger Teil der Handlung.

Weiteres The Walking Dead-Problem: Queere Liebesgeschichten enden alle tragisch

Es scheint fast wie ein Luxusproblem meinerseits, dass ich mich an den durchwachsenen queeren Geschichten in The Walking Dead störe. Wesentlich problematischer ist hierbei nämlich der Ausgang nahezu aller queerer Romanzen.

The Walking Dead: Magna und Yumiko

Sie alle enden auf tragische Weise mit der Trennung oder dem Tod. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Aaron und Eric: Im Negan-Krieg erleidet Eric einen Bauchschuss und verblutet.
  • Aaron und Jesus: Bevor diese Beziehung überhaupt offiziell werden kann, wird ihm von einem Flüsterer in den Rücken gestochen. Aaron muss ihn erlösen.
  • Tara: Ihre erste Freundin Sam stirbt durch einen Kopfschuss. Später kommt sie mit Denise zusammen, der schließlich ein Pfeil ins Auge geschossen wird. Tara selbst wird in Staffel 9 geköpft.
  • Victor Strand: Er muss seinen Lebenspartner erschießen, nachdem dieser von einem Zombie gebissen wurde.
  • Magna und Yumiko: Eine Staffel nach ihrem ersten Auftritt trennen sie sich (einvernehmlich).
  • Althea: Die Fear-Figur führt eine glücklose Romanze zu einer Soldatin des gefährlichen CRM, mit der sie nicht zusammen sein kann.
Queere Menschen sind Überlebende wie alle anderen in The Walking Dead und erhalten keine Sonderbehandlung – genau so funktioniert Diversität richtig. Doch es ist schon auffällig, dass es keine einzige queere Romanze ohne Tragik und Schmerz

geben kann.

Zugegeben: Auch unter den Hetero-Beziehungen bleiben glückliche Familien wie Jerry und Nabila eine seltene Ausnahme. Allerdings bedient The Walking Dead hierbei ein problematisches und verletzendes Klischee aus der Film- und Seriengeschichte namens Bury Your Gays (Geschichten queerer Figuren enden auffällig oft mit Leid und Tod). Es bleibt ein fader Beigeschmack bei all der Freude über die queere Repräsentation.

The Walking Dead: Die beste queere Geschichte wurde in den Sand gesetzt

Victor Strand aus Fear The Walking Dead war lange Zeit der einzige queere Hauptcharakter im The Walking Dead-Serienuniversum, der von einem Menschen aus der LGBTQ+ Community verkörpert wird. Umso größer war meine Vorfreude auf das Spin-off World Beyond, in dem die homosexuelle Hauptfigur Felix Carlucci mit einer non-binären Person besetzt wurde: Nico Tortorella.

Felix in The Walking Dead: World Beyond

Es hätte ein großartiges Beispiel queerer Repräsentation im The Walking Dead-Kosmos werden können. Und ja, vieles wurde hier richtig gemacht. Nach knapp 10 Jahren The Walking Dead wurden uns erstmals das Coming Out eines jungen Menschen und dessen dramatische Konsequenz durch die Linse der Zombie-Apokalypse gezeigt.

Homophobie, Diskriminierung und das Finden einer Community sind Themen, die mich als queeren Zuschauer persönlich stark berührt haben. Und es ist wichtig, dass eines der größten Serien-Franchises über die Abgründe der Menschheit auch diese Themen aufgreift – auch wenn es 10 Jahre dauerte, bis es soweit war.

World Beyond wollte uns eine intime, queere Liebesgeschichte zwischen Felix und seinem Partner Will erzählen - aber scheiterte dabei leider grandios. Dass Will und damit auch gemeinsame Szenen zwischen dem Paar erst eine Folge vor dem Staffelfinale zu sehen waren, ist vielleicht noch zu verschmerzen.

Im Podcast: Wir sprechen über eine der besten The Walking Dead-Folgen

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Viel dramatischer ist jedoch, dass diese potenziell interessante Liebesgeschichte (Staffel 2 kommt erst noch) in eine grottenschlechte Serie eingebettet ist und sich dadurch kaum jemand für diese Charaktere und ihre Emotionen interessiert. Bei World Beyond lief geradezu alles falsch, was falsch laufen kann.

Eine Wertung von 3.7 von der Moviepilot-Community spricht für sich. Der queere Felix kann noch so spektakulär kämpfen und noch so interessant sein – er und alle anderen Figuren um ihn herum sind gefangen in einer uninspirierten Geschichte, die selbst für eingefleischte The Walking Dead-Fans zur Qual wird.

Eigentlich liebe ich The Walking Dead. Aber wenn das Zombie-Franchise spannende LGBTQ+ Geschichten nie konsequent fortsetzt, sie in öden Spin-offs versteckt oder lediglich durch Leid und Tod definiert, dann ist das einfach nicht genug.

Dieser Artikel ist Teil unseres Themenschwerpunkts zum Pride Month 2021. Weitere Infos dazu und alle anderen Artikel findet ihr hier.

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Im Moviepilot-Podcast Streamgestöber haben Max und Andrea ihre liebsten LGBTQ+ Meilensteine in Serien gesammelt:

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