Robert De Niro – Von der Kinolegende zum Kinokasper

Robert De Niro nach der Premiere von Dirty Grandpa
© Paramount
Robert De Niro nach der Premiere von Dirty Grandpa
moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
folgen
du folgst
entfolgen
Meint es gut mit den Menschen.

Wenige Schauspieler können auf ein so kanonisiertes Schaffenswerk zurückblicken wie Robert De Niro. Er war der erste Star in Filmen von Brian De Palma und Martin Scorsese, und der letzte, für den Elia Kazan und Sergio Leone ihre Kameras anwarfen. Seinen größten kommerziellen Erfolg feierte der zweifache Oscarpreisträger jedoch nicht mit Meisterwerken wie Brazil, Taxi Driver oder Der Pate 2, sondern als pensionierter CIA-Agent in der Fortsetzung Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich. De Niro spielte darin einen erfinderischen Großvater, der seinem Enkelsohn liebevoll eine mit Milch gefüllte Plastikbrust reicht. Die Komödie spielte weltweit über 500 Millionen Dollar ein und bestätigte ihren Star als Zugpferd familienfreundlicher Unterhaltung, dem heitere Beklopptheiten offenbar genauso viel Freude bereiten wie jenes strapaziöse Method Acting, das ihm zum Vorbild ganzer Schauspielgenerationen machte. Robert De Niro schien damals nicht mehr nur Kritiker, sondern endlich auch ein Massenpublikum erobern zu wollen. Und das gönnten ihm die Fans von Herzen.

Bis dato hatte der Schauspieler kein glückliches Händchen bei der Wahl seiner Komödienrollen. King of Comedy erwies sich als unprofitabelste Zusammenarbeit mit Martin Scorsese, Wir sind keine Engel machte ebenso Verluste wie Sein Name ist Mad Dog. Reine Nervensache war ein moderater Erfolg, den zweiten Teil hingegen wollte fast niemand mehr sehen. Und Die Abenteuer von Rocky & Bullwinkle gilt als einer der größten Flops in der Geschichte von Universal. Erst Meine Braut, ihr Vater und ich erfüllte De Niro im Jahr 2000 den augenscheinlichen Wunsch, ein Millionenpublikum zum Lachen zu bringen. Er drehte danach Komödien wie Show Time, The Big Wedding (?) oder Last Vegas (??), spielte einen Online-Praktikanten in Man lernt nie aus und war zuletzt als Dirty Grandpa zu sehen, der jungen Frauen beim Spring Break nachstellt. "Ich will ficken, ficken, ficken", lässt die Figur darin verlautbaren, "ficken, bis mir der Schwanz abfällt". Sein Enkel, der von Zac Efron gespielt wird und ein echter "Vagina-Verweigerer" ist, begleitet den Dirty Grandpa zum Daytona Beach, nachdem er ihn beim Onanieren erwischt hat (später bekommt er noch Großvaters Penis vor die Nase gehalten, und manchmal steckt der ihm auch einfach seinen Finger in den Po).

Man könnte diesen Film mit dem üblichen Argument abwiegeln, dass Robert De Niro niemandem mehr etwas beweisen müsse, weil er alles erreicht habe, was ein Schauspieler erreichen kann. Doch dieser Verteidigungsreflex wurde in den vergangenen 15 Jahren überstrapaziert. Und er hat möglicherweise erst die Voraussetzungen für eine derartige Selbstdemontage geschaffen. Die von mittelmäßigen bis unterirdischen Produktionen überhäufte jüngere Filmographie des Schauspielers wirkt wie der Versuch, den eigenen Legendenstatus in ein vernünftiges Verhältnis zu rücken. Das ist zunächst durchaus nachvollziehbar: Wenn bestimmte Rollen De Niros so ikonisiert scheinen, dass sie nur noch als popkultureller Witz über sich selbst taugen, muss die ihm jahrzehntelang unterstellte Ernsthaftigkeit offenbar zu postmodernen Bedingungen neu verhandelt und ins krasse Gegenteil verkehrt werden. Der Schauspieler tut so gesehen nichts anderes, als die unvermeidbare Verballhornung seines Images in die eigene Hand zu nehmen – und sich in zahlreichen Komödien selbst zu parodieren.

Der Humor von Filmen wie Dirty Grandpa droht jedoch schnell ins Verzweifelte umzuschlagen, wenn Robert De Niro einerseits Erinnerungen an die eigene Karriere aufruft, um seine berühmten Figuren und Sprüche zu banalisieren ("dekonstruieren" wäre wohl ein bisschen hoch gegriffen), sich aber andererseits um eine größtmögliche (ironische) Distanz zu ihnen bemüht. Sein komödiantisches Repertoire scheint dabei – anders als sein schauspielerisches Talent – überschaubar: Keine der Komödien existiert ohne figurale Rückbindung ans frühere Schaffenswerk (wimmernde statt bedrohliche Gangsterbosse, welke statt virile Boxer), und sie alle stellen diese Verbindung über meist sehr schlichte Zitate her (in Malavita - The Family wird seine fiktive Figur einmal sogar auf GoodFellas angesprochen). Der Witz dieser Filme ist somit einer über die heilige Leinwandpersona Robert De Niro. Es geht um ein Spiel mit Reputation, das notfalls – wie bei den gezielt unwürdigen Vulgaritäten von Dirty Grandpa – auch vor drastischem Humor nicht Halt machen darf, um vermeintlich amüsant bleiben zu können.

Eine Selbstverpflichtung scheint sich daraus erst in den letzten Jahren ergeben zu haben. Der Witz von Midnight Run - 5 Tage bis Mitternacht bestand noch nicht darin, Robert De Niro lustige Dinge machen zu lassen, sondern sich an ihrer umso komischeren Verweigerung zu erfreuen (welche sein Gegenspieler Charles Grodin nur noch genüsslich zu triggern brauchte). Die Schwiegereltern-Trilogie bediente sich ähnlicher Mittel, verwies aber schon deutlicher auf den Mythos Robert De Niro. Sein Pensionär mit der knallharten Vergangenheit vereinte diverse Echos früherer Rollen auf sich, und der überzogene Humor sollte dadurch überraschen, dass man einen gestandenen Mann wie ihn nicht einfach mit Exkrementen einsauen darf (unbestritten die denkwürdigste Szene des ersten Teils). Während diese Filme ihren Star lediglich auf Absonderliches reagieren ließen, wird Robert De Niro in neueren Komödien selbst zum comic relief – als schlüpfriger Frauenheld mit Altersgebrechen in Zwei vom alten Schlag oder als, hm, schlüpfriger Frauenheld mit Altersgebrechen in Dirty Grandpa.

Nächste Seite
moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
folgen
du folgst
entfolgen
Meint es gut mit den Menschen.
Deine Meinung zum Artikel Robert De Niro – Von der Kinolegende zum Kinokasper
7a6cc0a98ee84808a3bb9b6c6545376e