Cannes 2015

Tag 6 - Alles steht Kopf in Pixars bestem Film seit Jahren

Inside Out
© Disney
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Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Zunächst steht Freude da. Als die kleine Riley im neuen Pixar-Abenteuer Alles steht Kopf das Licht der Welt erblickt, macht sich Freude (Amy Poehler) als erste der fünf Emotionen vor der Kontrollstation im Kopf des Mädchens bereit. Das ist ein feines optimistisches Detail in Pixars bestem Film seit Jahren, der beim Festival de Cannes außerhalb der Konkurrenz gezeigt wird und berechtigterweise stürmischen Applaus einsammelte. Der Animationsfilm von Pete Docter und Co-Regisseur Ronaldo Del Carmen erreicht nicht ganz die kreative Offenbarung eines Ratatouille oder die emotionale Zugkraft eines Findet Nemo. Ausgehend von einem der waghalsigsten Konzepte der Disney-Tochter trifft Alles steht Kopf (im Original: Inside Out) dennoch wiederholt ins Schwarze. Beziehungsweise ins Blaue, Rote, Gelbe, Grüne und Lilafarbene.

Die fünf Emotionen Traurigkeit, Wut, Freude, Ekel und Angst versammeln sich auf der Brücke in Rileys Geist, steuern ihre Reaktionen mit einer Konsole und sortieren Erinnerungen je nach Farbe zur Archivierung ein, als hätte jemand eine tiefenpsychologische Bürokomödie mit Star Trek gekreuzt. Treibende Kraft ist die Freude, mit der Amy Poehler quasi ein Destillat der nimmermüden Motivationsmaschine Leslie Knope aus Parks and Recreation spricht. Als Riley mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco umzieht, gestaltet es sich schwieriger, jedes Erlebnis des Mädchens in eine gute Erinnerung zu verwandeln. Wie schon Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf schwelgt Alles steht Kopf eine Weile in seinem Konzept, bevor das Abenteuer beginnt. Nur gelingt im neusten Pixar-Streich der Übergang ohne Bruch, da die fantasievoll gestaltete Innenwelt nur erweitert wird. Die Etappe "Abstract Thought" verwandelt Freude und Traurigkeit (Phyllis Smith) in kubistische und suprematistische Kleinkunstwerke, in "Dream Productions" können wir hinter die Kulissen eines Traum-Drehs in einem Studios blicken. Der Einfallsreichtum, den die Macher aufbringen, um ihre Auseinandersetzung mit der komplexen Gefühlswelt eines präpubertären Mädchens goutierbar zu machen, kennt fast keine Grenzen. Dass Alles steht Kopf trotz seiner originellen Herangehensweise nicht zu den großen Pixar-Klassikern aufschließen kann, liegt vielleicht gerade an seinem Alleinstellungsmerkmal. Denn in dem Pixar-Film wird Ordnung in die Welt der Gedanken und Gefühle gebracht. Als handliche Kugeln werden Erinnerungen entsprechend eines Farbcodes klassifiziert, per Rohrpost transportiert und in labyrinthischen Regalen gesammelt. So viel Bürokratie schwirrt im Kopf eines 11-jährigen Mädchens herum, man könnte meinen, es hätte zu oft heimlich Brazil geschaut.

In der Schlange für den grässlich einfallsreichen Wettbewerbsfilm Marguerite and Julien von Valérie Donzelli (Das Leben gehört uns) frage ich mich: Was hält Maina Bolt von Brazil? Maina - wir sind per du - ist die präsenteste Figur vor jedem Cannes-Kino. Sie nennt alle Akkreditierungstypen ihr eigen, ob schwarzes Marché du Film-Badge oder pinker Presse-Ausweis mit Punkt. Ihr geheimnisvoller Schatten weist die Besucher auf Schildern vor den Vorführungen an, in welcher Reihe sie zu stehen haben. In meinen Grübeleien kurz vorm Hitzschlag steigt Maina zur ultimativen cinephilen Schutzgöttin auf. Maina würde bestimmt nicht in der Schlange rauchen oder sich an der Seite vordrängeln. Maina ist eine von den Guten. Ob sie auch immer mit einem Lächeln zum Konterfei von Ingrid Bergman aufblickt, das in der Morgensonne über dem Roten Teppich leuchtet? Steht sie manchmal bei einem der Wasserspender, trinkt zwei Becher, geht quer durch das Palais zum nächsten und trinkt nochmal zwei, damit es nicht so auffällt? Ist Maina ein Christopher Nolan-Fan?

Den Namen Apichatpong Weerasethakul kann sie garantiert ohne Googlen ausschreiben. Der Gewinner der Goldenen Palme für Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben landete dieses Jahr zur Überraschung vieler in der Reihe Un Certain Regard. Obwohl Cemetery of Splendour keinerlei Formtief des thailändischen Regisseurs erwarten lässt. Wie Syndromes and a Century spielt Weerasethakuls neuer Film in einem Krankenhaus. Diesmal ist es ein provisorisches in einer Schule. Darin werden Soldaten mit einer unbekannten Schlafkrankheit gepflegt, während draußen Bagger für Glasfaserleitungen die Erde aufreißen. Die freiwillige Pflegerin Jenjira (Jenjira Pongpas) lernt dort ein Medium kennen, das ihr erklärt, die Schule sei auf den Knochen eines tausend Jahre alten Krieges gebaut. Wie in Uncle Boonmee überlagern sich Realität und spirituelle Welt in Cemetery of Splendour, dem es kraft seiner Atmosphäre gelingt, die Welt der Geister, Götter und Toten vor unseren Augen auferstehen zu lassen, ohne dass wir sie jemals wirklich sehen. Das mag politisch gedeutet werden vor dem Hintergrund der turbulenten Entwicklungen Thailands in den vergangenen Jahren. Sehr deutlich stimmt nämlich etwas nicht in der Stadt Khon Kaen, die nachts von den Geistern der schlafenden Soldaten in Beschlag genommen wird, ohne dass es irgendjemandem auffällt. Cemetery of Splendour ist aber auch ein perfektes Beispiel für den erdenden Humor der Filme von Joe, wie Weerasethakul in Fan-Kreisen genannt wird. Wenn nicht gerade zum Amusement der Pfleger über die Erektion eines Schlafenden gestreicht wird, lehrt uns die fabelhafte Hauptdarstellerin Jenjira Pongpas die Kunst der komödiantisch bis zum äußersten gedehnten Pause. Maina, dem ewigen Schatten der akkreditierten Festivalbesucher, der die Zeiten und Warteschlangen ohne Gemütveränderung überdauert, hätte Cemetery of Splendour jedenfalls ganz hervorragend gefallen.

Nach dem ersten Film des 6. Festivalstages waren humorvolle Abwechslungen wie Alles steht Kopf oder Cemetery of Splendour absolut willkommen. Stéphane Brizés starker Wettbewerbsfilm The Measure of a Man bietet nämlich eher Lacher der bitteren Sorte. In einer szenischen Serie von Evaluationen kämpft sich Vincent Lindon als Familienvater Thierry in der ersten Hälfte durch das Arbeitslosenleben. Evaluationen, weil die langen Dialogszenen stets auf das selbe hinauslaufen. Ein Skype-Bewerbungschat, Gespräche mit der Finanzberaterin, ein Test in einer Weiterbildungsmaßnahme, in allen wird Thierrys Tauglichkeit für die Arbeits- und sonstige Welten bis ins Detail überprüft und korrigiert. Als Thierry einem Job als Sicherheitsmann in einem Supermarkt bekommt, entwickelt sich The Measure of a Man von einem Drama über einen Arbeitslosen, der seine Würde behalten will, in eine schmerzhafte Kritik des Prinzips Humankapital. Aus den Evaluationen werden Zooms mit den Überwachungskameras auf nichtsahnende Kunden und Verhöre von Ladendieben und Personal. Fehler werden nicht geduldet. Der bullige Vincent Lindon spielt sich mit seiner introvertierten Darbietung des Thierrys mal eben in die Favoritenliste für den Darstellerpreis in Cannes. Lindon bringt in Filmen wie Les Salauds - Dreckskerle oder Diary of a Chambermaid etwas Aggressives, etwas Brutales mit. The Measure of a Man erfordert einen weichen, verletzlichen Kern unter harter Schale, um zu prüfen, ob und wie weit sich Thierry verbiegen lässt, um seinen Job zu behalten. "The Measure of a Man ist zweifelsfrei einer der Höhepunkte des bisherigen Festivals!" - Maina Bolt, Filmkritikerin.

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