Kristen Stewart – Eine schauspielerische Offenbarung

Kristen Stewart in Personal Shopper
© Weltkino Filmverleih
Kristen Stewart in Personal Shopper
moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

Über Kristen Stewart gibt es viele Missverständnisse. Das hartnäckige Gerücht, sie hätte nur einen Gesichtsausdruck, scheint mittlerweile abgelöst von der nicht minder unzutreffenden Behauptung, sie würde sich allmählich und überraschenderweise in Filmen wie Still Alice, Café Society oder Certain Women ganz gut als Schauspielerin machen. Ihre hämischen Kritiker, die eigentlich nie Kritiker waren, weil sie sich mit Kristen Stewart weder auseinandergesetzt noch deren Arbeiten jenseits von Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen oder vielleicht sogar nicht einmal die übel beleumundete Vampir-Werwolf-Saga selbst gesehen haben, ihre Hater also sind von der Wahrnehmungsverschiebung noch leicht überfordert. Sie kennen auch Stewarts viele interessante Filme von auffällig interessanten Filmemachern der jüngeren Vergangenheit nicht, aber erklären sie sicherheitshalber mit einem vermeintlichen Bedürfnis, das Teenie-Image abstreifen zu wollen. Jede euphorische Wortmeldung über sie wird mit unbegründeten Zweifeln in Frage gestellt, weil an Ignoranz und Ahnungslosigkeit festzuhalten viel bequemlicher ist, als schlicht die Augen aufzumachen.

Ja, die Reaktionen auf Kristen Stewart können einem Fan der ersten Stunde noch immer ziemlich auf die Nerven gehen, obwohl es Verteidigungsreflexe glücklicherweise zunehmend seltener braucht. Sie hat die Filmkritik und Cinephilie beinahe kollektiv in Beschlag genommen, auch wer nicht zu Stewarts Bewunderern zählt, scheint ihre Rollenwahl mindestens anerkennungswürdig zu finden. Sie gewann als erste US-amerikanische Schauspielerin den französischen Filmpreis César, was noch kein Argument für sie, aber zweifellos bemerkenswert ist. Und sie dreht, wie seit Beginn ihrer Karriere, als sich in Panic Room, Into the Wild oder Das Gelbe Segel bereits deutlich das Talent dieser Schauspielerin abzeichnete, einen außergewöhnlichen Film nach dem anderen. Nicht alle sind geglückt, aber alle profitieren von Stewart. Ihr vorsichtiges Spiel wirkt unsicher und ist doch vielmehr aufgeschlossen gegenüber den spezifischen Dynamiken einer jeder Geschichte und deren Umgebung. Ihr Gesichtsausdruck, oft missverstanden als eintönig und müde, legt die Sensibilitäten leise überforderter und innere nicht in äußere Wallungen übersetzender Figuren frei. Affektiertheit und das Ausstellen von Können sind Stewarts Sache nicht.

Statt den großen Gefühlen, die die Twilight-Filme behaupteten oder tatsächlich vermittelten, leichtfertig zuzuspielen, legte Kristen Stewart ihre Figur ungewöhnlich zurückhaltend an (in New Moon sitzt sie die monatelange Trennung von Edward Cullen buchstäblich aus). Sie wäre kaum zur weiblichen Projektionsfläche adoleszenter Sehnsüchte geworden, hätte sie Bella Swan als ein junges Mädchen interpretiert, das gewaltige Eindrücke auch gewaltig sichtbar macht. Den bekannten ideologiekritischen Einwänden gegen die Filme mag das zuträglich gewesen sein, passiv aber stellte Stewart ihre Figur nicht dar – sie verwehrte sich lediglich der im Star-Dispositiv Hollywoods gängigen Praxis, Uneindeutigkeiten schauspielerisch auszuräumen (weshalb es auch keinerlei Anlass gibt, sich vom Twilight-Image zu befreien, wie sie im Interview mit Variety verriet). Ein klassischer Star ist sie dadurch nie gewesen, ihre Ausstrahlung hat etwas Einnehmendes auf unangestrengte und natürliche Art: Wenn Stewart die Leinwand betritt, scheint sie Aufmerksamkeit nicht auf sich, sondern die darin abgebildeten Konflikte ziehen zu wollen. Und natürlich gilt unser Blick am Ende doch nur ihr allein, weil sie sich Räume sanft erschließt und nicht grob erobert.

In der Zusammenarbeit mit Olivier Assayas, der Kristen Stewarts schauspielerische Neugier zu inszenieren und mit ihr umzugehen weiß wie bislang kein anderer Filmemacher ("She has an infinitely larger range than many actresses of her generation", sagte er gegenüber Screen Daily), verkompliziert sich dieser Ansatz auf besonders reizvolle Art. Einerseits erzählt Personal Shopper, ihr jüngster gemeinsamer Film, nämlich konkret von Raumerschließung durch Geisterbeschwörungen in alten Villen und neuen Designerapartments: Stewarts als persönliche Einkäuferin für ein Supermodel arbeitende Figur bemüht sich um Kontaktaufnahmen zu ihrem verstorbenen Zwillingsbruder, durchstöbert die Wohnung ihrer abwesenden Chefin oder schlüpft in deren eigentlich nicht für sie vorgesehene Kleider. Die Räume allerdings erzählen eigene Geschichten, scheinen aufgeladen mit Sehnsüchten und Ängsten, unverarbeitetem Verlust und übernatürlicher Gefahr – weshalb von ihrer Eroberung andererseits keine Rede sein kann: Kristen Stewart muss diese Rolle als eine Frau spielen, die sich zum ständig Unsichtbaren verhält. Der Umgang mit Aufmerksamkeit wird zum zentralen Thema des Films, Stewart zu seiner schauspielerischen Offenbarung.

Personal Shopper macht sich damit den körperlichen Ausdruck von Kristen Stewart ästhetisch zu eigen. Ihre sanften, in vielen Filmen zu beobachtenden Verlegenheitsgesten scheinen hier Teil eines bestimmten Bewegungsmodus zu sein, der die Figur vor schmerzlichen Einflüssen schützt und bis zu routinierten Übersprungshandlungen reicht: Das Kratzen an der Stirn, während sie eine Frage stellt, das Verstecken hinter der Jacke, als sie in Gedanken an den Bruder zu weinen beginnt, das In-den-Mund-nehmen kleinerer Gegenstände, wenn ihre Hände voll zu tun haben (dem Bewegungs- fügt sich auch ein Sprachmodus, immer wieder gerät Stewart beim Reden ins Stocken, unterbricht Sätze, fängt ein Wort an und ersetzt es schnell durch ein anderes). Besser lässt sich eine Figur, die auf so viel Unerklärliches zu reagieren hat, nicht spielen, gewissermaßen setzt sie die Nebenrolle des letzten Assayas-Films Die Wolken von Sils Maria ideell fort. Auch dort spielte Kristen Stewart die stets abrufbereite Assistentin einer anderen Frau, stellte fremde vor eigene Bedürfnisse, bekam immer irgendetwas zu tun. In Personal Shopper, das verrät schon der Titel, steht sie selbst im Mittelpunkt, aber richtet sich darin keinesfalls bequem ein.

Denn Stewarts unaufdringliches Schauspiel zeigt sich neben der Art, wie sie in den Filmen Menschen, Räumen und darüber sich selbst begegnet, am Umgang mit der Kamera. Ihr scheint sie sich nicht ausliefern, scheint den filmischen Blick herausfordern zu wollen. Der Bewegungsmodus von Kristen Stewart wirkt immer auch wie eine Einladung zur Erkundung ihrer selbst, das Spiel ist eben nicht von Unsicher-, sondern Aufgeschlossenheit bestimmt. Wissbegierig nähert sie sich ihren um Identitätsfragen kreisenden Figuren, die sie zu erkunden und vielleicht auch zu beschützen versucht. Meist sehen wir sie in Personal Shopper beim Erledigen einer tristen und unpersönlichen Beschäftigung mit durchorganisierten Abläufen, die, wie bei einer Zugreise nach London, erst durchs Übernatürliche außer Kontrolle geraten (die tollste Szene des an tollen Szenen reichen Films). In einem Schlüsselmoment probiert sie das Kostüm ihrer Chefin an und schreckt vor der Berührung mit einer Welt zurück, die ihr viel Zeit und Kraft abverlangt, aber offenbar gänzlich fremd bleibt. "I feel ridiculous, this is not me", spricht sie zu sich, ohne möglicherweise eine Antwort darauf zu haben, wer sie stattdessen ist oder überhaupt sein möchte.

Kristen Stewart bewahrt sich solche Geheimnisse ihrer Figuren, irgendwie bekommt sie das sogar noch in Offenheit scheuenden und weitaus weniger interessanten Filmen hin. Olivier Assayas nannte sie die beste Schauspielerin ihrer Generation. Ein schönes Lob, aber eigentlich untertrieben.

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