Die neue Superhelden-Serie Jupiter's Legacy bringt ein Netflix-Problem auf den Punkt

07.05.2021 - 10:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
Jupiter's Legacy: Der deutsche TrailerNetflix
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Netflix schafft es nicht, eine wirklich gute Fantasy-Serie auf die Beine zu stellen. Jupiter's Legacy hätte ein neuer Goldstandard werden können und scheitert an Grundsätzlichem.

Wann erschafft Netflix endlich eine uneingeschränkt gute Fantasy-Serie? Jupiter's Legacy ist einer der besten Versuche bisher, weil er das Potential der Vorlage würdigt, eine komplexe Mythologie anbietet und behutsam zu erzählen versteht.

Die Superhelden-Serie mit großem Fantasy-Anteil und großen Ambitionen umspannt ein ganzes Jahrhundert. Eine Art alternative Avengers-Gruppe (wenn die Hälfte der Avengers verwandt wären) schließt sich in den 1920ern zur Union of Justice zusammen. Nun, in der Gegenwart, steht der Verbund vor dem Zusammenbruch. Die jugendlichen Erben sind nicht bereit für die Übernahme der Verantwortung.

Das klingt großartig und ist es auch meistens. Doch zugleich bestätigt Jupiter's Legacy die Regel: Wer bei Netflix ambitionierte Blockbuster-Serien schauen will, muss fast immer irgendwo Abstriche machen.

Auch Jupiter's Legacy leidet unter der chronischen Netflix-Krankheit

Denn die erste Netflix-Produktion von Kick-Ass-Schöpfer Mark Millar muss mit faszinierend unterirdischem CGI auskommen und mit Superheldenkostümen, die aussehen wie eine sehr ungesunde Süßigkeit. Netflix produziert zwar sehr viel durchschnittliche bis gute Fantasy und Sci-Fi. Brillanten bringt der Streamingdienst aber selten hervor. Woran liegt das?

Das Problem mit den aufwändigen Netflix-Serien ist, dass sie nie aufwändig genug sind. Oder den vielen verschiedenen Bereichen nicht denselben (notwendigen) Aufwand zukommen lassen. Deshalb stimmt in fast jedem Blockbuster-Projekt von The Witcher bis Tribes of Europa irgendwas nicht: die chronische Netlix-Krankheit.

Jupiter's Legacy ist eine typische mangelbehaftete Netflix-Fantasy-Serie und ihren jüngsten Vorgängern wie dem überlasteten Shadow and Bone (das wir an anderer Stelle gefeiert haben) doch weit voraus.

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Jupiter's Legacy: Einer Superheldengeschichte beim Urknall zugucken

Etwa 50 Millionen US-Dollar bezahlte Netflix für die Firma Millarworld, aus der der Comic Jupiter's Legacy hervorging. 4 Jahre dauerte es, bis der Streamingdienst die ersten Früchte des Deals erntete. Warum so lange? "Du kannst es schnell machen oder du kannst es brillant machen", sagt Schöpfer Mark Millar .

Was meint Millar mit "brillant"? In erster Linie wollte Millar wohl etwas schaffen, das es vorher nicht gegeben hat oder schon sehr lange nicht mehr. Und das ist ihm gelungen. Jupiter's Legacy beschäftigt sich nicht einfach mit der Ursprungsgeschichte einzelner Held:innen, wie dutzendfach bei Marvel und DC beobachtet.

Die Serie zeigt die Entstehung von Superkräften schlechthin und ihre Überreichung an die ersten würdigen Superheld:innen einer neuen Welt.

Allen voran sind das in der ersten Generation:

  • Josh Duhamel als Sheldon Sampson: Mächtiger Superheld und gleichzeitig Anführer der Superhelden-Truppe Union of Justice.
  • Leslie Bibb als Grace Sampson: Superheldin Lady Liberty und Ehefrau von Sheldon.
  • Ben Daniels als Walter Sampson: Superheld Brainwave, hat ein kompliziertes Verhältnis zu Bruder Sheldon.
  • Dazu kommen auf einer anderen Zeitlinie in der Gegenwart die jugendlichen Nachkommen der ersten Generation.

Der lange Trailer zu Jupiter's Legacy bei Netflix

Jupiter’s Legacy - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Jupiter's Legacy ist keine Originsstory sondern ein umfassender Urknall. Wobei, biblische Vergleiche passen eigentlich besser: Die erste Staffel Jupiter's Legacy zu schauen, fühlt sich ein bisschen so an, wie bei der Schöpfungsgeschichte dabei zu sein. Mark Millar und der Showrunner der Adaption Steven S. DeKnight (Marvel's Daredevil) beginnen ihre Geschichte am Anfang, mit einer Art Altem Testament, auf dem die kommenden Staffeln epische Handlungsbögen stapeln können.

Das ist ein ungewohntes, einnehmendes Gefühl, denn wann bist du heutzutage noch dabei, wenn im Superhelden-Genre mal wirklich irgendwas entsteht, irgendjemand wirklich bei Null anfängt?

Jupiter's Legacy: "Die größte Superhelden-Geschichte, oder was soll das sonst alles?"

Gummi-Kostüme in Jupiter's Legacy

Mark Millar erschuf Jupiter's Legacy mit dem Anspruch, "die größte Superheldengeschichte" auszubreiten, "oder was soll das sonst alles?", fragt er sich und die vielen Kolleg:innen in einem spannenden Interview mit dem Hollywood Reporter . Hier ist die Frage eingebaut, was ein neues Superhelden-Franchise überhaupt noch zur Gattung beitragen kann, wenn es nicht gerade wie Amazons bitteres The Boys einen satirischen Ansatz verfolgt.

Tatsächlich ist Jupiter's Legacy so ziemlich das Gegenteil einer Satire, nur Watchmen und der Snyder-Cut von Justice League nehmen Superheld:innen und Kräfte ernster.

Was Jupiter's Legacy von allen Superhelden-Genre-Nachbarn unterscheidet, ist:

  • 1. Das Interesse an Generationenkonflikten, Elternkomplexen und Beziehungen. Die Netflix-Serie ist ein großer amerikanischer Roman mit Superhelden.
  • 2. Die hinreißend komplexe, originelle Superheldenmythologie.
  • 3. Die ruhige, ehrfurchtgebietende Art, zu erzählen. Die erste Staffel nutzt nur wenige Seiten der Comicvorlage und ist im Grunde ein Prequel. Ein wahrer Traum für Freunde aufmerksamer Einführungen neuer Welten.

Jupiter's Legacy: Ambitionierte Geschichte, billige Effekte

Millar lastete sich schwindelerregende Ambitionen auf, mit denen die Serienautor:innen Schritt halten. Ich habe auf Blockbuster-Niveau schon lange keine flüssiger und packender unterbreitete Netflix-Serie gesehen. Sie lässt sich Zeit, ihre Mythologie zu etablieren, was Shadow and Bone nur in Ansätzen und Tribes of Europa und The Witcher gar nicht gelingt.

Aber das Missverhältnis zwischen Geschichte und Figurenentwicklung auf der einen und den visuellen Effekten auf der anderen Seite, ist in Jupiter's Legacy manchmal geradezu bizarr.

Mag ja sein, dass Millar warten wollte, bis Jupiter's Legacy brillant ist und er auch alles in seiner Macht stehende dafür getan hat. Warum sieht die Serie dann, sorry, so billig aus? Hat Netflix auf den letzten Metern die Geduld verloren?

Wenn Held:innen blitzende Kraftfelder (überhaupt, die vielen bunten Blitze) aus ihren Händen verschießen, erinnert das an die DC-Serien der 2010er-Jahre wie The Flash. Die Perücken und vor allem die Kostüme könnten aus albernen Superhelden-Parodien stammen.

Blitze in Jupiter's Legacy

Es gibt gleich in der ersten Folge einen Massenfight mit vielen Superheld:innen, dem das niedrige Budget deutlich anzusehen ist. Ein mächtiger Schurke wird von der Union auf einer grünen Wiese bekämpft und seine gummiartige Maske schlabbert lustig, wenn Faustschläge ihn treffen.

Die Choreographie wirkt unvollständig und der bunte Sturm aus allerlei Schockwellen so großzügig übersättigt, als wollte jemand die Fantasielosigkeit bei der Darstellung von Superheldenkräften verzweifelt übertünchen.

So sehr ich die soghafte Geschichte der 1. Staffel schätze: Das ist keine Bagatelle. Es gibt kaum ein Genre, in dem visuelle Effekte wichtiger sind als in Superhelden-Verfilmungen.

Wie viele Versuche braucht Netflix bis zum großen Blockbuster-Wurf?

Deshalb wirkt Jupiter's Legacy gleichzeitig revolutionär und wie die nächste vertane Chance auf ein Franchise, das Marvel und DC heiß in den Nacken atmet, wie The Boys es tut. Gute Vorlagen wachsen nicht auf Bäumen, aber neue Serien tun es (also nicht buchstäblich).

Um nochmal Mark Millar zu zitieren: "Die größte Superheldengeschichte oder was soll das sonst alles?" Das ist ein guter Satz, ein wertvoller, disziplinierender Anspruch an das Genre und Serienkultur generell.

Warum nimmt Netflix sich das nicht mal zu Herzen? Der Streamingdienst muss sich allmählich fragen, warum in jetzt 8 Jahren Orginalserienproduktion am Fließband und unter etlichen Filmen kaum eine Handvoll wirklich überzeugender Blockbuster-Erzeugnisse entstanden ist.

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Was erwartet ihr von Jupiter's Legacy?

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