Horror-Abend bei ProSieben: Stephen King-Doppelpack enttäuscht auf ganzer Linie

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© Sony/Warner Bros.
Carrie / Es
01.05.2020 - 11:00 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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ProSieben zeigt heute mit Es und Carrie ein enttäuschendes Stephen King-Doppelpack. Deutlich bessere Alternativen lassen sich stattdessen in der Vergangenheit finden.

Während das erste Kapitel von Es vor drei Jahren einen wahren Stephen King-Boom auslöste, bewies die namhaft besetzte Neuverfilmung von Carrie, dass die Adaptionen des King of Horrors ihr ganz eigenes Genre in der heutigen Kinolandschaft bilden. Gelungen sind die beiden Filme, die heute Abend ab 20:15 Uhr auf ProSieben zu sehen sind, jedoch nicht.

Mit einem globalen Einspielergebnis von mehr als 700 Millionen US-Dollar (via Box Office Mojo ) konnte sich Es einen Platz in der Ahnengalerie der erfolgreichsten R-Rated-Filme sichern. Darüber hinaus wurde die Geschichte um den Club der Verlierer und Killerclown Pennywise nahezu durchweg positiv besprochen, was sich auch in einem Community-Durchschnitt von 7,1 Punkten auf Moviepilot niederschlägt.

Es und Carrie: Beide Horrorfilme verbinden die gleichen Fehler

Carrie mit Chloë Grace Moretz und Julianne Moore hingegen verharrte ein Stück weit unter ferner liefen: An den Kinokassen konnte der Teenie-Horror akzeptable 80 Millionen US-Dollar einspielen (Budget: 30 Millionen US-Dollar), während sich Kritik und Publikum nicht sonderlich begeistert von Kimberly Peirces Stephen King-Interpretation zeigten. Interessanterweise vereinen Es und Carrie in ihrem Scheitern größtenteils die gleichen Fehler.

Carrie

Ging es in den jeweiligen Vorlagen noch um unterbewusste Ängste sowie pubertäre Traumata und gleichermaßen um die mal brachiale, mal beklemmende Emanzipation von diesen seelischen Erschütterungen, so bleibt in den neuen Verfilmungen nur noch eine Rumpfversion der feingliedrigen Vision eines Stephen King übrig. Die tiefenpsychologische Dimension der Erzählungen weicht einem rein auf Schauwerte und Schockeffekte spekulierenden Gestus.

Damit haben sich die hochwertig produzierten Es und Carrie zwar den modernen Sehgewohnheiten angepasst, um sich zielsicher auf eine marktwirtschaftlich orientierte Komfortzone einzulassen. Den Geist von Stephen King allerdings konnten sie damit nicht bewahren. Anstatt das Wesen der Angst zu ergründen, ging es ihnen letztlich nur darum, schnellstmöglich Angst zu erzeugen. Pennywise wird damit zum lächerlichen Schachtelteufel, Carrie zur rachsüchtigen Comic-Superheldin.

Carrie und Es wurden schon deutlich besser verfilmt

Eine bessere Alternative bieten an dieser Stelle die ersten Umsetzungen der beiden Stephen King-Klassiker. Angesichts von Brian De Palmas Carrie - Des Satans jüngste Tochter und dem drei Stunden umfassenden TV-Zweiteiler Stephen Kings Es aus den 1990er Jahren beweist sich heute nachdrücklicher denn je, dass es auch einmal eine Zeiten gegeben hat, in denen der Name Stephen King im Kino und auf der Mattscheibe noch für Qualität stand.

Es

Dabei obsiegt im direkten Vergleich nicht nur Tim Currys phänomenaler Pennywise über die bemühte Performance von Bill Skarsgård in Andy Muschiettis Es. Auch gelingt es Regisseur Tommy Lee Wallace deutlich greifbarer, seinem Ensemble nuancierte Psychogramme zuzuordnen, die im Gegensatz zur Neuauflage tatsächlich ein Gefühl von Schmerz, Panik und Verlorenheit vermitteln. Die Kinderdarsteller im neuen Es sind zwar extrem gut gecastet, über obligatorische Comig-of-Age-Konventionen aber kommt das Drehbuch letztlich nicht hinaus.

Gleiches gilt für Carrie - Des Satans jüngste Tochter, dessen Horror noch expliziter mit dem Schrecken der Pubertät verwoben ist. Genauer gesagt, mit den körperlichen Veränderungen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Brian De Palma fand in der technischen Finesse nicht nur den Mut, die Leiden seiner Protagonistin audiovisuell adäquat zu vermitteln. Seine King-Verfilmung besitzt auch bis heute ein ungemein ausgefeiltes Gespür für die Symbol-behafteten psychologischen Qualen der von Sissy Spacek fragil verkörperten Teenagerin.

In den Neuverfilmungen bleibt die Angst nur Behauptung

Ein weiteres Problem von Carrie stellt auch die viel zu aparte Besetzung von Chloë Grace Moretz dar. Man kauft ihr das Mobbingopfer zu keiner Zeit ab und vermutet den Kick-Ass-Star eher in der Rolle eines der drangsalierenden Mean Girls. Die Erkenntnis über ihre telekinetischen Kräfte mündet dabei auch nicht in einem verstörenden Akt der weiblichen Selbstermächtigung, sondern wird in einer tumben CGI-Zerstörungsorgie aufgelöst, in der die blutbesudelte Carrie ganze Straßenstriche in Schutt und Asche legt. Das ist Marvel-Kino und kein aufmerksames Charakter-Porträt.

Das Gelingen von Carrie - Des Satans jüngste Tochter und Es aus den 1990er Jahren aber liegt natürlich auch in einem abstrakten, übergeordneten Umstand begraben: Es ist der Charme dieser Werke, der sie nicht nur als Romanadaptionen, sondern als eigenständige Filme funktionieren lässt. Vielleicht ist dies heutzutage auch ein Stück weit mit Nostalgie verbunden. Die Charakternähe aber hat es damals möglich gemacht, den Stoff, aus dem Alpträume gemacht sind, nachhaltig einzufangen. Die Neuauflagen zehren nur von dessen Behauptung.

Es und Carrie sind heute Abend ab 20:15 Uhr auf ProSieben zu sehen.

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