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Mein Herz für Klassiker

Ich, Wake in Fright & eine trunkene Kängurujagd

19.08.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Wake in Fright
© Drafthouse Films
Wake in Fright
Bier, Kängurus & Männlichkeit - diese Dinge kann jeder, der den australischen Klassiker Wake in Fright gesehen hat, nicht mehr vergessen. Nachdem der Film jahrzehntelang als verschwunden galt, ist er jetzt immer häufiger zu sehen.

Für viele Jahre galt Wake in Fright  als einer der großen verlorenen Klassiker der Filmgeschichte. 1971 wurde der Film von Ted Kotcheff (RamboImmer Ärger mit Bernie) in Cannes präsentiert, wo er gut ankam. Im Publikum saß damals ein gewisser Martin Scorsese, der den Streifen als gleichermaßen brillant und verstörend empfunden haben soll. In seiner Heimat Australien floppte der Film jedoch. Die Darstellung der australischen Bevölkerung als barbarische, betrunkene Horde kam nicht gut an (ich kann es ihnen nicht übel nehmen, denn ich wurde selbst mehrfach an den berühmten Monty Python-Sketch  denken, obwohl keine der Figuren Bruce heißt). Anschließend wurde der Film in den USA unter dem Titel Outback als B-Movie verkauft. Schlussendlich wurde Wake in Fright aus dem Verkehr gezogen und galt für lange Zeit als verschollen.

Erst 2004 gelang es dem Produzenten eine brauchbare Kopie von Wake in Fright aufzutreiben. In einem Container mit der Aufschrift "For Destruction" wurden die begehrten Filmrollen gefunden. Seitdem wurde der Film mit viel Mühe und Liebe vollständig restauriert und kehrte 2009 nach Cannes zurück. Seitdem gab es mehrere Wiederveröffentlichungen in Australien, den USA und zuletzt im März dieses Jahres in Großbritannien. In Deutschland bleibt der Film bis heute schwer zu finden, doch die Suche lohnt sich.

Wake in Fright ist eine fulminante Mischung aus Horrorfilm, schwarzer Komödie und betrunkenem Rausch. Erzählt wird die Geschichte des Lehrers John Grant (Gary Bond). Auf dem Weg von seinem abgelegenen Arbeitsplatz nach Sidney, wo er seine Freundin wiedersehen will, macht er Zwischenstation in Bundanyabba, genannt The Yabba. Seine Pläne werden durchkreuzt, als er in einer durchzechten Nacht mit dem lokalen Polizeichef (Chips Rafferty in seiner letzten Rolle) sein gesamtes Geld beim australischen Glücksspiel Two-up verliert. Ohne einen Pfennig ist er auf die aggressive Gastfreundschaft der Einheimischen angewiesen. Das Bier fließt in Strömen und er trifft auf Doc Tydon (Donald Pleasence), ein bärtiger Alkoholiker, der ebenfalls ein Außenseiter im Yabba ist. 

Warum ich Wake in Fright mein Herz schenke

"The best and most terrifying film about Australia in existence." - Nick Cave. Dieser Satz ist alles, was ich über Wake in Fright wusste, als ich mich im wunderbaren Duke's at Komedia in Brighton auf meinem üblichen Platz in der ersten Reihe niederließ. Es war die einzige Vorführung der restaurierten Fassung in der Stadt und dementsprechend war der kleine Projektionssaal fast ausverkauft. Die Stimmung war angespannter als gewöhnlich; es war spürbar ein besonderer Anlass. Nick Cave war nicht da, doch drei Sitze links von mir nahm Noah Taylor Platz. Meine Erwartungen an den Film machten nochmal einen Sprung nach oben und ich war bereit für einen perfekten Kinoabend. Ich wurde nicht enttäuscht. 

Das Licht wurde ausgeschaltet und die Projektion gestartet. Die erste Einstellung des Films brennt sich sofort ins Gedächtnis der Zuschauer. Ein langsamer 360-Grad Kameraschwenk zeigt die Einöde des australischen Outback, die lediglich von zwei Häusern und einer Eisenbahnlinie, die in den leeren Horizont führt, gebrochen wird. Der "Bahnhof" besteht aus einer kleinen Holzplattform neben den Schienen. 

Eine Empfindung dominiert diese Anfangssekunden: Hitze. Die Sonne schlägt mit voller Kraft auf die Wüste ein und die Farben sind blass. Ich konnte die Wärme buchstäblich spüren und musste bald meinen Pulli ausziehen. Um mich herum taten mehrere Zuschauer es mir gleich. Danach wird es um kein Grad  kälter. Wie kaum einem anderen Film, gelingt es Ted Kotcheff Temperatur visuell zu vermitteln. Die Schweiß-bedeckten Gesichter, die kahle Landschaft und die verblassten Farben (fast alles ist in einem kalten gelb-braun Ton gehalten) bringen den Zuschauer ins Schwitzen. Da hilft nur ein kühles Bier.

Warum auch andere Wake in Fright lieben werden

Bier ist ein Schlagwort, ohne das eine Diskussion über Wake in Fright eigentlich sinnlos wäre. Die Quantität an kühlem Gebräu, die in diesem Film konsumiert wird, übersteigt jede Vorstellungskraft. Es wird so gut wie immer getrunken; nein, gesoffen. Das Bier wird buchstäblich runtergeschüttet und das Nächste ist bereits bestellt. Wenn Donald Pleasence seinen Kühlschrank öffnet, erkennen wir ausschließlich Bierflaschen und Dosen. Der Zuschauer fühlt sich gleichzeitig betrunken und verkatert und wird nach dem Film vermutlich für mehrere Tage die Finger vom Alkohol lassen. Ted Kotcheff dreht die Intensität durchgehend auf und präsentiert uns die Bilder wie die verschwommenen Erinnerungen an einen Rausch. Gäbe es im australischen Outback Casinos und Hotels, wäre Wake in Fright eine furchterregende Version von Fear and Loathing in Las Vegas.

Dann kommt die unvergessliche Kängurujagd, die nichts für schwache Nerven ist. Dokumentar-Bilder, die bei einer echten, genehmigten Jagd aufgenommen wurden, werden nahtlos mit inszenierten Szenen zusammen geschnitten. Das Resultat ist verstörend. Der Film hält nicht zurück und die Beuteltiere werden regelrecht abgeschlachtet. Mehrere Kängurus werden vor laufender Kamera erschossen und die betrunkenen Männer fordern die verletzten Tiere zu unkoordinierten Faustkämpfen heraus. Diese Sequenz ist der Höhepunkt des filmischen Horrors und der Tiefpunkt für die Figuren im Film. Sie verlieren den letzten Funken an Zivilisation. Sie sind den Tieren nur noch durch ihre Waffen überlegen. 

Warum Wake in Fright die Jahrzehnte überdauern wird

Stilistisch ist Wake in Fright unheimlich interessant. Der Albtraum des australischen Outback wird von Kotcheff, als Kanadier selbst ein Außenseiter in der Region, überzeugend dargestellt. Klischees werden in Humor oder Horror (oder beides gleichzeitig) umgewandelt. Der nahe liegende Vergleich ist mit Filmen wie Beim Sterben ist jeder der Erste von John Boorman, der sich ebenfalls mit der verstörenden Natur des Landlebens auseinandersetzt. Doch auch andere Gegenüberstellungen sind möglich. Für Andrew O'Hehir ist Wake in Fright wie "die Entdeckung eines Sam Peckinpah-Klassikers, den ihr noch nie gesehen habt. Es ist als hätten Wes Craven und Bernardo Bertolucci sich an einem Wochenende in Sydney betrunken und entschieden, einen Film zu machen." Jeder kann seine eigenen Anhaltspunkte finden, um diesen komplexen Film einzuordnen.

Auch inhaltlich hat der Film viel zu sagen. Die Hauptthemen sind Isolation und Männlichkeit (es gibt fast keine Frauen im Film). Das Leben im Yabba ist unausstehlich. Tagsüber schuften die Männer in einer klaustrophobischen Kohleminen und nachts sind sie in der weiten Einöde des Outback. Ihr Lebensbedingungen sind nahezu unmenschlich, sodass auch nur wenig Menschlichkeit in ihnen bleibt. Alkohol, Glücksspiel, Sex und Gewalt sind die einzigen Dinge, die sie vor dem vollständigen Wahnsinn bewahren. Wie schmal diese Linie zwischen Zivilisation und Primitivität sein kann, zeigt uns Wake in Fright. Manchmal reichen Isolation und ein paar leckere Bierchen.

Was haltet ihr von Wake in Fright?

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