Marvel bedroht das Kino: Die Kritik am MCU ist absolut notwendig

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Meint es gut mit den Menschen.

Marvel-Produktionen sind für Martin Scorsese kein Kino. Er habe "versucht" einige zu sehen, doch mit Vergnügungsparks hätten sie mehr gemein als mit Filmen, in denen "Menschen emotionale und psychologische Erfahrungen" austauschten. Die Kritik am MCU schlug hohe Wellen - und statt zurückzurudern, legte der 76-jährige Oscarpreisträger kurze Zeit später sogar noch einmal nach.

Marvel vs. Martin Scorsese - eine notwendige Debatte

Unterstützung erhält Martin Scorsese von seinen Kollegen Francis Ford Coppola und Ken Loach. Der eine nennt Marvel-Filme "verabscheuungswürdig", der andere bezeichnet sie im Interview mit Sky News als "zynische Marktübungen". Was hier leichte Altmänner-Vibes versprüht, ist wohl tatsächlich ein Zeichen schlichter Überforderung. Bei Marvel kommen die Eingesessenen des Kinos nicht mehr mit.

Und wer könnte es ihnen verübeln? Schließlich geht es hier um eine Kinoreihe, bei der mitunter nicht mal die mitwirkenden Darsteller wissen, in welchem Teil sie zu sehen waren (siehe IndieWire). Marvel-Filme sind nicht nur außergewöhnlich vergessenswert und darin wiederum allgegenwärtig, sondern stellen auch eine wirkliche Gefahr fürs Kino dar.

Die scheinbar hochnäsige Polemik von Martin Scorsese ist also kein eitler Debattenbetrag. Sie meldet Zweifel eines Regisseurs an, dessen filmhistorische Verdienste unstrittig sein dürften. Ihm geht es ganz allein um die Sache.

Eine von Filmemachern und Branchenvertretern mitgeführte Diskussion darüber, wie Disney im Allgemeinen und Marvel im Besonderen das Kino dominieren, ist schon lange fällig. Manche Regisseure haben sich zu Kommentaren über die Superhelden-Ödnis der vergangenen Jahre hinreißen lassen, darunter William Friedkin, Ridley Scott und Tim Burton. In der Regel wird Kritik jedoch hinter vorgehaltener Hand geübt.

Marvel-Macher im Verteidigungsmodus

Entsprechend überrascht wirken die Reaktionen aus dem MCU-Umfeld, das klare Haltungen offenbar nicht gewohnt ist. James Gunn, Autor und Regisseur von Guardians of the Galaxy Teil 1 bis 10, zeigte sich auf Twitter "betrübt" über die Aussagen seines Idols Martin Scorsese, dessen Filme auch nicht jeder mögen würde, wie Samuel L. Jackson gegenüber Variety betont.

Geradezu jovial gibt sich die Verteidigung von Natalie Portman, die für Marvel bald Thor 4: Love and Thunder drehen wird. MCU-Filme seien populär, weil Menschen "nach der Arbeit und den Strapazen des wirklichen Lebens" Unterhaltung suchten, erklärt die Schauspielerin – und knüpft an eine Volksnähe behauptende Verteidigungsstrategie ihrer Kollegin Zoe Saldana an.

Stellvertretend für die Kritikresistenz von Marvel-Repräsentanten warb Saldana vor einigen Jahren um Anerkennung für das MCU. "Innerhalb der Filmindustrie gibt es elitäre Menschen, die auf Marvel-Filme oder Schauspieler wie mich herabschauen", hieß es damals. Jene Menschen sollten sich "bewusster machen, was die Verkörperung eines Superhelden für Kinder bedeuten kann", denn "sie beleidigen nicht nur mich, sie beleidigen das, was ein Kind als wichtig empfindet".

Mit einem gleichermaßen infantilen wie arglistigen Verweis auf Krankenhausbesuche und andere PR-Aktionen von Disney-Stars rundete Zoe Saldana den Immunisierungsversuch ab. Die Botschaft schien klar: Wer Marvel kritisiert, kritisiert letztlich sterbenskranke Kinder. Saldana gab sich empfindsam und publikumshörig, doch ihre Diskursfeindlichkeit war abgehobener als jede Superheldenskepsis.

Die Selbstgerechtigkeit des Marvel-Universums

Ohnehin kommt die vermutlich dem Erfolg der Filme geschuldete Sattheit von Marvel-Machern immer dort besonders unerträglich zum Ausdruck, wo Menschen an der Genialität des MCU zu zweifeln wagen. Robert Downey Jr. reagierte in einem bei YouTube zu sehenden Gespräch mit Howard Stern erstaunlich gelassen auf die Statements von Martin Scorsese ("ich schätze seine Meinung") - so gleichgültig fast, dass es verdächtig wirkte.

Über Scorsese würde Downey Jr. vielleicht schon deshalb nicht in der Weise sprechen, wie es der Schauspieler in Bezug auf Filmemacher außerhalb des Blockbuster-Kinos sonst zu tun pflegt ("unerfahrene und faule Independentregisseure"), weil dessen Stiftung auch die Arbeiten seines Vaters Robert Downey Sr. archivierte. Also muss ein anderes Argument her, das Argument der kommerziellen Bilanz.

Es sei "phänomenal", verrät Robert Downey Jr. über den Erfolg von MCU-Filmen, "wenn du die Konkurrenz auf so anschauliche Art zerstörst". Pulverisierung nach Marvel-Art, die Verdrängung anderer Filme und anderer Ideen von Kino, ist für Downey Jr. eine vollkommen unironisch zu würdigende Leistung. Konsequenterweise bezeichnet er seinen ehemaligen Arbeitgeber auch gleich als "stampfendes Biest".

Obwohl seit Jahren genau diese Mischung aus Zufriedenheit über sich selbst und offenkundiger Kunstverachtung den lautstarken Marvel-Sound bildet, gelten stattdessen ein paar harmlose Äußerungen früherer Regiegrößen als Affront. Sogar die Wortwahl jener MCU-Botschafter, die den Einwänden demonstrativ tolerant begegnen, ist verräterisch. Jon Favreau (Iron Man) spricht von Scorsese und Coppola als "Helden", die sich "das Recht erarbeitet" hätten, "ihre Meinung auszudrücken". Wie gnädig!

Übrigens muss keiner den (sicher auch etwas konservativen) Kinobegriff eines Martin Scorsese teilen. Wer jedoch Vorbehalte gegenüber filmischer Serialisierung und dadurch bedingter ästhetischer Monotonie in die Nähe unnötiger Kategorien wie Neid und Missgunst rückt, spielt nur der Absatzproduktlogik von Konzernen wie Disney in die Hände.

Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Co. beleidigen niemanden persönlich. Sie kritisieren ein Studio, eine Marke und ihre Produktionsweise. Sie kritisieren ein System. Und diese Kritik hat es unbedingt gebraucht.

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