Twin Peaks: The Return fasst das Serien-Jahrzehnt voller Grauen zusammen

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© Paramount/Moviepilot
Twin Peaks: The Return
24.01.2020 - 12:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Twin Peaks: The Return ist die beste Serie der 2010er Jahre. Lest hier, warum wir uns in der Redaktion dafür entschieden haben.

Wenn wir über Reboots und Sequels sprechen, dann häufig mit abwertenden Unterton und einem Kino-Franchise auf den Lippen. Das US-Seriengeschäft war im vergangenen Jahrzehnt allerdings ebenfalls versessen aufs Aufwärmen bekannter Marken, von Lethal Weapon bis Roseanne, Arrested Development bis Veronica Mars. Nun hat es ausgerechnet ein Revival auf Platz 1 unserer Liste der besten Serien der letzten 10 Jahre geschafft.

Nach 25 Jahren führen uns David Lynch und Mark Frost in Twin Peaks: The Return zurück in das waldige Städtchen, in dem das Böse herumgeht. Die Rückkehr in 18 Episoden aus dem Jahr 2017 vereint in sich verschiedene Trends im Seriengeschäft der 2010er Jahre.

Absichtlich wie unabsichtlich verdichten sich in der Staffel nicht nur die kreativen Veränderungen in der Branche, sondern auch die Veränderung unseres Zuschauerverhaltens. Twin Peaks: The Return vereint 10 Jahre TV-Geschichte voller Grauen und Witz.

Twin Peaks: The Return als Revival-Serie

Nach der Premiere 1990 entwickelte sich die Mystery-Serie Twin Peaks zum Phänomen und wurde neben Serien wie Homicide, Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI und Buffy - Im Bann der Dämonen beispielhaft für die selten erkundeten Möglichkeiten, die das Fernsehen als Erzählmedium bot. Die 2. Staffel war jedoch umstritten, ebenso wie Twin Peaks: Der Film. Die Frage nach dem fehlenden oder mangelhaften Abschluss, die viele Revivals aus der Taufe hebt, stand auch bei Twin Peaks im Raum.

Twin Peaks: The Return

25 Jahre später bot der Pay-TV-Sender Showtime (Homeland, Billions) Lynch und Frost Gelegenheit, Twin Peaks das gewünschte Ende zu schenken. Die Rückkehr galt für Agent Cooper (Kyle MacLachlan), dessen Kirschkuchenliebe im GIF-Zeitalter neue Popularität erhalten hatte. Nun musste Cooper über die Dimensionen und Körper hinweg nach Twin Peaks finden, wo er 1989 den Mord an Laura Palmer (Sheryl Lee) untersucht hatte.

Die Rückkehr galt auch für uns Zuschauer, die einmal mehr das einprägsame Titelthema von Lynch und Angelo Badalamenti hören wollten, die in die unheimlichen Wälder eintauchen und das (Weiter-)Leben nach dem Tod von Laura Palmer sehen wollten.

Twin Peaks: The Return als Autorenserie

Wer auf einen Wiedererkennungseffekt und ein paar einfache Antworten hoffte, wurde von Twin Peaks: The Return enttäuscht. Die Serie begrenzte sich weder auf Twin Peaks noch auf die bekannten Figuren, sie sprang von Schauplatz zu Schauplatz, durch die Jahrzehnte und Dimensionen und das mit einer bemerkenswerten Konsequenz und Vertrauen in die flexiblen Sehgewohnheiten ihrer Zuschauer.

Twin Peaks: The Return

Es war ein einmaliges Projekt, bei dem Lynch im Grunde eine carte blanche erhielt und seine Serie frei von größerer Mitsprache des Senders umsetzen konnte. Doch selbst in einem Jahrzehnt, in dem vermehrt Kinoregisseure ganze Staffeln inszenierten (The Knick, The Girlfriend Experience, und viele mehr), fiel die Radikalität auf, mit der Lynch seinen Stil auf das Medium anwandte.

Die mit wenigen Dialogen größtenteils in schwarz-weiß gedrehte 8. Episode vermittelte etwa den kosmischen Weg des Bösen in der Welt mithilfe von surrealen Motiven. Deren Sinngebung oblag einem jeden selbst. In der Form flossen die aus der Avantgarde stammenden Stilmittel Lynchs jedoch in der ganzen Staffel ein.

Twin Peaks: The Return als Serie

Im Grunde setzte David Lynch eine am Kino geschulte Anything-Goes-Mentalität auf das Fernsehen an. Heraus kam allerdings kein "langer Film", sondern eine Serie, die mit bewundernswertem Selbstbewusstsein sich gängigen Erzählmodi ihres Mediums oft entzog. Am Ende fand sie doch zum Abspann, zur hervorragend gebuchten Bang Bang Bar und ihren fleißigen Reinigungskräften, die auch mal in zweiminütigen Einstellungen den Boden kehrten.

Von den Fans wurde auch die Besenszene auseinander genommen. Sie suchten nach Querverweisen und zimmerten in Artikeln und Threads neue Bedeutung, wo Lynch Bauteile zu geben schien, die ohne Anleitung, Inbusschlüssel und ohne die Hälfte der Latten ausgeliefert wurden. Man konnte Twin Peaks: The Return wie eine Mystery Box betrachten und untersuchen. Man musste es aber nicht.

Die von Lynch und Frost verfassten Drehbücher vermischten einen Staffel-langen Arc um Agent Cooper grausam befriedigend mit tatsächlich episodischen Momenten, die später keine Rolle mehr spielten.

Twin Peaks im Serienboom

Was alles schön und gut und wertvoll und ein bisschen dröge klingt. Twin Peaks: The Return war und ist ein großer Spaß. Obwohl die Serie immer wieder in tieftraurige (Alltags-)Gefilde dringt, obwohl sie das Schicksal von Laura Palmer auf die Trommelfelle tätowiert, entwickelt sich aus der Absurdität organisch ein Internet-tauglicher Humor.

Twin Peaks: The Return

Das Ehepaar Andy (Harry Goaz) und Lucy (Kimmy Robertson) schenkte uns schließlich nicht nur viele verdutzte Blicke von Sheriff Truman (Robert Forster), sondern auch Wally Brando (Michael Cera).

Geboren am selben Tag wie Marlon und ausgestattet mit dessen Lederjacke aus Der Wilde ist Wally ein Gag auf zwei Beinen, der sich zu einem erstaunlichen Pathos aufschwingt. Obwohl die Serie bei Showtime in der Quoten-Nische blieb, gebar Twin Peaks: The Return ein Feuerwerk der Freude über die Wallys, Dougies und Co.

Das sogenannten Peak TV, der quantitative Gipfel der Serienproduktion in den USA, machte Experimente wie Twin Peaks: The Return möglich. Ob wir es in der Branche tatsächlich mit massivem Gestein oder doch einer Blase zu tun haben, müssen die nächsten zehn Jahre zeigen. Für eine experimentierfreudige, berührende und urkomische Serie wie Twin Peaks: The Return sollten wir dankbar sein.

Habt ihr Twin Peaks: The Return geschaut?

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