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Hässliches Kino

Vorsicht verstörend - Widerlinge auf der Leinwand

Bild zu Vorsicht verstörend - Widerlinge auf der Leinwand
© Concorde Filmverleih GmbH
Bild zu Vorsicht verstörend - Widerlinge auf der Leinwand
12.11.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Chuck Tatum, Travis Bickle und Daniel Plainview gehören fraglos zu den ikonischen und moralisch zweifelhaftesten Figuren der Filmgeschichte. Der Nightcrawler Lou Bloom hat mit ihnen viel gemein und wird wie seine Vorgänger wohl kaum die Herzen der Zuschauer erobern.

Ein Lebensmotto ist schon was Feines. Balu der Bär hat ein schönes im Gepäck. Erdmännchen Timon und Warzenschwein Pumbaa trällern in Der König der Löwen ebenso ein besonders einprägsames vor. Und Forrest Gump hat gleich eine ganze Pralinenschachtel voller "Bonmots" zur Hand. Es zeigt sich immer wieder - von "Carpe Diem" (Der Club der toten Dichter) bis Ganz oder gar nicht: Filme sind eine wunderbare und nicht selten inspirierende Motto-Fundgrube. Vor kurzem ist ein weiteres zitierwürdiges hinzugekommen, das von Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal im ersten Trailer zu Nightcrawler wie ein Mantra rauf und runter gebetet wird. "If you want to win the lottery, you have to make the money to buy a ticket". Stimmt absolut (es sei denn, das Karma meint es besonders gut mit einem). Es stellt sich im Grunde genommen nur die Frage, wie wir die Kohle für den Lottoschein auf die Schnelle zusammenbekommen - durch ehrliche Arbeit oder eben durch skrupellose, wenn nicht gar finstere Geschäfte.

Nach allem, was wir über den Medienthriller Nightcrawler - der am 13. November 2014 in unsere Kinos kommt - bereits wissen, wählt der Protagonist Lou Bloom die zweite Variante für sein "journalistisches" Unternehmen aus. Andernfalls wäre die Geschichte um einen aufstrebenden Reporter vielleicht auch nicht so spannend. Und wir könnten uns auch nicht auf eine weitere grausam-amoralische Figur freuen, mit der wir uns von Zeit zu Zeit in Spielfilmlänge arrangieren müssen. Diese Form des "Arrangierens" ist jedoch leichter gesagt als getan, da in diesem speziellen Genre kaum etwas zur wohlig warmen Identifikation einlädt. "Ertragen" wäre daher wohl die treffendere Beschreibung für das bevorstehende Filmerlebnis. In diesem Sinne ließ der Filmjournalist Andreas Kilb vor einigen Jahren verlauten, dass Geduld die einzige Tugend sei, auf die es im Kino wirklich ankomme. Genaugenommen "die Fähigkeit, nicht das Bekannte und Gewohnte, sondern das Unbekannte auszuhalten." "Unbekanntes" aus unserer Wirklichkeit, der ungeliebten, von heute. Und damit eben auch das Wirken von Figuren, die in der Regel das Schlechte in der Welt repräsentieren.

Filmische Antifiguren

Obwohl sich im Kino in schöner Regelmäßigkeit filmische Entdeckungen der Langsamkeit versammeln, die unser Durchhaltevermögen naturgemäß mächtig auf die Probe stellen, fordern uns aus meiner Sicht keine Filme mehr in Sachen Geduld heraus als jene, die François Truffauts Bonmot übers Kino in dem schöne Frauen schöne Dinge tun quasi ins Gegenteil verkehren. Filme also, in denen (charakterlich) hässliche Menschen furchtbar hässliche Dinge tun, wobei an dieser Stelle nicht die klassischen (charismatischen) Bösewichte und ihre immerwährenden Weltzerstörungsphantasien gemeint sind. Vielmehr geht es um einige Protagonisten des alltäglichen Horrors, um Stalker (One Hour Photo), Pädophile (This Is Love) und Rassisten (American History X), Gewaltverbrecher und Vergewaltiger (Der freie Wille) und ihre jeweiligen filmischen Verkörperungen.

Gefühlt bringt niemand solche Figuren öfter ins Kino, als der österreichische Regisseur Michael Haneke (Benny's Video, Funny Games). Und zugleich lässt uns auch niemand mit ihrem bösartigen Handeln so allein. Michael Haneke psychologisiert nicht und betreibt für die schrecklichen Taten seiner Figuren auch sonst keine biografische und damit erklärende Ursachenforschung. Sie bleiben uns in vielen seiner Filme fremd und sind oft so kalt anzusehen wie sein präziser, unterkühlter Stil. Den amerikanischen Regisseur Todd Solondz könnten wir auch als einen Vertreter dieser Kunst bezeichnen. Sein bitterer Ensemblefilm Happiness wird oft als böse und ungeschminkte Version von American Beauty beschrieben. Philip Seymour Hoffman und Dylan Baker spielen darin einen Stalker sowie einen pädophilen Familienvater. Trotz dieser prominenten Gesichter wirken die Rollen in keinster Weise verharmlosend. Sie sind durch und durch abstoßend, widerlich und niederträchtig und dennoch können wir sie nicht ohne Weiteres links liegen lassen.

Für gewöhnlich bedeuten diese Widerlinge für das Erzählkino eine Gratwanderung. Ihnen gegenüber das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu finden, ist für Filmemacher kein leichtes Unterfangen. Denn das Abbilden und Verstehenwollen ihrer Taten kann oft ein problematisches, wenn nicht gar falsches Verständnis für diese vermitteln. Ob diese Gratwanderung in Nightcrawler funktioniert, werden wir bald erfahren. Wenn Jake Gyllenhaal am Ende des Trailers im Newsroom Platz nimmt und dämonisch in die Kamera lächelt, hinterlässt das jedenfalls einen sehr verstörenden Eindruck. Da hat sich jemand unter dem Vorwand des "Hard Workin' Man" mit unsauberen, ja bösartigen und brutalen Mitteln nach oben manövriert. Und das im Kontext eines Mediums, das laut "Filmpapst" Roger Ebert wie eine Maschine Empathie erzeugt. Das ist ein unerhörtes, unangenehmes und vor allem herausforderndes Spannungsverhältnis, das wir deutlich zu spüren bekommen, sofern wir uns denn auf das Dargestellte einlassen. Frei nach dem Motto: "Das Leben ist wie im Kino. Man bleibt sitzen, auch wenn der Film [schwierig bis verstörend] ist. Man hat schließlich Eintritt bezahlt!"

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