35 Rum
35 rhums (2008), FR/DE Laufzeit 101 Minuten, FSK 6, Drama, Kinostart 05.03.2009
4 Bewertungen
Skala 0 bis 10
33 Bewertungen
6 Kommentare
Keine
von Claire Denis, mit Mati Diop und Alex Descas
Lionel hat seine Tochter allein aufgezogen. Jahrelang war sie das Zentrum seiner Existenz, nun wird sie erwachsen und er gewöhnt sich an den Gedanken, sie loszulassen. Dass Joséphine ihr eigenes Leben führen wird, ist ihm klar, doch er fürchtet die Veränderung. Auch für die junge Frau ist die Trennung von ihrem Vater nicht leicht. Sie fragt sich, ob sie jemals wieder einen Menschen in ihrem Leben treffen wird, der sie so liebt wie ihr Vater.
Der U-Bahn-Fahrer Lionel führt ein bescheidenes Dasein. Sein Lebensglück ist seine Tochter Joséphine, die er nach dem Tod seiner Frau alleine großgezogen hat und mit der er eine Wohnung in einem tristen Pariser Vorstadthochhaus teilt. In ihren alltäglichen Gesten sind die beiden ein eingespieltes Team, in ihrer tiefen gegenseitigen Zuneigung eine Geborgenheit stiftende Familie für den jeweils anderen. Doch Lionel und Joséphine spüren, dass sie ihre Zweisamkeit bald aufgeben werden, weil die Tochter erwachsen wird und der Vater sie in die Selbstständigkeit entlassen muss. Auch andere Figuren in ihrem Umfeld stehen vor der großen Herausforderung, loszulassen: Die Taxifahrerin Gabrielle, die gerne den Platz der Mutter in dieser Familie eingenommen hätte, ringt mit ihrer unerwiderten Liebe zu Lionel. Der junge Nachbar Noé vereinsamt in der vererbten Wohnung seiner verstorbenen Eltern, anstatt sich von seiner Vergangenheit zu trennen und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen. Schon lange hofft er auf die Liebe Joséphines, die aber immer wieder zögert, weil das Leben mit ihrem Vater und ihr Verantwortungsgefühl ihm gegenüber kaum Raum für eine Partnerschaft lassen. Und da ist auch noch Lionels pensionierter Arbeitskollege René, dem das Ende seines wenig geliebten Berufslebens mehr zu schaffen macht als er jemals vermutet hätte. Schlussendlich wird es jedem von ihnen auf seine eigene Weise gelingen, den Schritt des Loslassens zu wagen, sich abzunabeln oder schlichtweg zu gehen.
Hintergrundinformationen: “35 Rum” ist eine deutsch-französische Koproduktion, die im Herbst des Jahres 2007 in Paris und Lübeck gedreht wurde. Wie so viele Filme der französischen Regisseurin und früheren Assistentin von Wim Wenders Claire Denis, behandelt auch “35 Rum” auf eine sehr stille und poetische Weise universelle Themen wie Liebe, Hoffnung und Verlust. Es ist eine sensible Studie über das Erwachsenwerden, das Älterwerden und die Schwierigkeit von gewohnten Dingen und Zuständen loszulassen. Über die Intention hinter diesem filmischen Projekt, dessen Grundidee auf Claire Denis’ Erinnerung an ihren Großvater mütterlicherseits zurückgeht, sagt die Regisseurin: “Ich möchte, dass dieser Film bewegend ist und einfach. [...] Diese Einfachheit muss wie ein Königreich erscheinen. [...] Ein Königreich gegenseitiger Verpflichtungen und Aufmerksamkeit, wodurch Vater und Tochter in eine gewisse Isolation geraten, von der Lionel (Alex Descas) befürchtet, sie könne Joséphine (Mati Diop) zum Verhängnis werden.” Diese Thematik berücksichtigend, ist es kaum verwunderlich, dass die Regisseurin sich auch von Yasujiro Ozus Werk “Später Frühling” aus dem Jahr 1949 hat inspirieren lassen, der – eingebettet in die Zeit einer traumatisierten japanischen Nachkriegsgesellschaft – die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die zur Ersatzfrau ihres Vaters wird und es nicht vermag, sich von ihm zu lösen. Seine Premiere feierte der Film “35 Rum” 2008 auf dem Filmfestival in Venedig, wo er außer Konkurrenz lief. Er gewann später den Art Cinema Award des internationalen Verbands der Filmkunsttheater.
Mehr Bilder (5) und Videos (2) zu 35 Rum
Cast & Crew
-
Claire Denis
-
Mati Diop
Fan werden!Du bist Fan! (löschen) Joséphine
-
Alex Descas
-
Grégoire Colin
-
Nicole Dogue
Fan werden!Du bist Fan! (löschen) Gabrielle
-
Eriq Ebouaney
Fan werden!Du bist Fan! (löschen) http://www.wildbunch-distribution.com/site/35rhums/
-
Jean-Christophe Folly
Regie
Schauspieler
-
Djédjé Apali
-
Ingrid Caven
Fan werden!Du bist Fan! (löschen) deutsche Tante
-
Claire Denis
-
Jean-Pol Fargeau
- Genre
- Drama
- Handlung
- Alleinerziehender Vater, Beziehung, Café, Einsamkeit, Katze, Leiche, Taxifahrer, Vater-Tochter-Beziehung
- Mitmachen
- Wie gut passen diese Schlagworte? Stimm ab und hilf uns sie neu zu gewichten!
Drehbuch
Filmdetails 35 Rum
Trailer zum Film 35 Rum
bedenklich? | Alle Trailer, Clips & Videos (2)


















Kritiken (3) — Film: 35 Rum
Gerhard Midding: Berliner Zeitung, epd Film,... Gerhard Midding: Berliner Zeitung, epd Film,...
Kommentar löschenDas Milieu, in das der Film seinen Blick versenkt, besteht fast exklusiv (mit Ausnahme von Noé) aus Parisern, deren Vorfahren aus den ehemaligen Kolonien in Übersee stammen. Die koloniale Vergangenheit zieht sich seit ihrem Regiedebüt Chocolat als eine unerlöste Heimsuchung durch das Werk der Regisseurin, das Fremdsein ist die zentrale Erfahrung ihrer Protagonisten. In 35 Rum scheint beides überwunden. Das Figurenensemble ist integriert, es hat Wurzeln geschlagen, ist angekommen in der französischen Gesellschaft. Agnès Godards Kamera hat kaum einen Blick für die Weißen, die Paris bevölkern.
Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
alexandra seitz: Berliner Zeitung, tip, ray ... alexandra seitz: Berliner Zeitung, tip, ray ...
Kommentar löschenLionel und Joséphine leben in der Vorstadt von Paris. Lionel arbeitet als Zugführer, Joséphine studiert Anthropologie. Ihre gemeinsame Zeit neigt sich dem Ende zu. Joséphine ist erwachsen geworden und wird bald ganz eigene Wege gehen. Lionel, der seine Tochter allein aufgezogen hat, gewöhnt sich allmählich an den Gedanken, sie loszulassen. Doch wenn Joséphine ihren Vater ansieht, dann scheint sie sich zu fragen, ob es in ihrem Leben jemals wieder eine solche Sicherheit geben wird.
Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Matthias Dell: Der Freitag Matthias Dell: Der Freitag
Kommentar löschenDieser Film handelt von nichts; von nichts Außergewöhnlichem, von nichts Dramatischem, auch wenn einmal ein Mann tot auf den Gleisen liegt. Der Tod berührt den Zuschauer, aber der Film steuert nicht auf ihn zu, schlachtet ihn emotional nicht aus, und vermutlich liegt man nicht falsch in der Annahme, dass die Gleise für diesen Film, für sein Tempo, seine Struktur, und damit den Eindruck, den er hinterlässt, keine geringere Rolle spielen als der tote Mann, der auf ihnen liegt.
Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Kommentare (3) — Film: 35 Rum
Kommentar schreibenmoviee 2011/10/24 18:33:57
Kommentar löschen'35 Rum' erzählt die Geschichte einer mal ganz anderen Vater-Tochter Beziehung. Aber da in dieser Beziehung nur sehr selten etwas passiert wirkt dieser handlungslose Film schon nach kurzer Zeit mehr als langwierig. Die beiden Hauptakteure machen ihre Sache souverän, dennoch mag in diesem Film der Funke nicht so wirklich überspringen, sodass man hier nicht umbedingt von etwas 'besonderen' sprechen kann.
bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
8martin 2011/09/29 12:12:51
Kommentar löschenRegisseurin Claire Denis hat schon öfter den Alltag von farbigen Immigranten in Frankreich thematisiert. Es sind die kleinen und großen Dramen der ’kleinen Leute’, die sie interessieren. Hier geht es um eine innige Vater-Tochter Beziehung (Lionel und Josephine), die sehr einfühlsam und mit wenigen Worten geschildert wird. Hier gibt es jede Menge Gesten, die genauso viel Aussagekraft besitzen wie Worte: eine Umarmung, ein Händedruck, ein Blickkontakt. Und weil die Figuren so schweigsam sind, erfahren wir auch nicht im Voraus, was sie vorhaben. Die langen Einstellungen überbrücken die Lücken in der Handlungsführung. Man braucht sie allerdings, um sich zurecht zu finden, die handelnden Personen und die örtlichen Gegebenheiten einzuordnen. Oder Szenen werden ohne die Antwort auf eine Frage abzuwarten, plötzlich abgebrochen. Lionel verschwindet nach dem Tanz in einer Bar. Jeder weiß, wie er die Nacht verbringt. Gegen Ende werden die Handlungstupfer immer häufiger, immer öfter werden wir zu gedanklichen Kombinationen gezwungen: eine Frau (die einzige Weiße!), die über die Familie philosophiert, ein Grab, Josephine in weiß etc.
Man muss sich viel Zeit nehmen. Lange Zugfahrten verdeutlichen Lionels Job. Und wenn das Motorrad mal durch ein Pferd ersetzt wird, erinnert der Ritt vielleicht an die afrikanische Herkunft der Reiter?! Die ungewöhnliche Machart fällt aus dem Rahmen, ein Wink mit dem Arthouse-Zaunspfahl ist nicht zu übersehen, trotz des trinkfesten Titels. Selten aber gut!
bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Billmaik 2011/02/25 21:48:39
Kommentar löschenZunächst einmal ist "35 Rum" wunderschön fotografiert; ein sonderbares Lob, bedient man sich dessen normalerweise doch nur bei Filmen, die spektakuläre Naturaufnahmen beinhalten. Dabei verbirgt sich wahre Brillianz oftmals im vermeintlich banalem, die Bildsprache von Claire Denis und Kamerafrau Agnès Godard entfacht recht schnell eine immense Sogwirkung, welche ich nicht recht zu erklären vermag. Dies ist gewissermaßen unabdingbar, eleviert es doch die dialogarmen Sequenzen zu Momenten poetischer Tiefgründigkeit. Man hat stellenweise das Gefühl tief in die Seelen der ebenso vielschichtigen wie authentischen Charaktere zu blicken. Überhaupt wohnt dem Sujet stets eine Wahrhaftigkeit inne, die man ansonsten in der heutigen Kinolandschaft oftmals vergebens sucht. Hier wirkt nichts verfälscht, nichts aufgesetzt, Denis unterliegt nie der Versuchung ihre simple, poetische Geschichte narrativen Zwängen zu unterwerfen, weshalb sich dem Zuschauer eine faszinierende Janusköpfigkeit aus entschleierter Charakterstudie und genuiner Poesie offenbart.
Ich jedenfalls war der Magie, dem Humanismus, der emotionalen Eloquenz von Denis kleinem Meisterwerk vollends verfallen und möchte in diesem Zusammenhang Filmkritiker Wesley Morris zitieren, dessen Gefühlslage während des Abspanns wohl der meinigen glich: "I liked these characters, and suddenly not having them in my life anymore, simply because Denis has decided to start the closing credits, devastated me."
Erwähnenswert ist sicherlich noch die Tatsache, dass Denis ihren Film als Hommage an Yasujirō Ozu verstanden haben will. Als solche ist "35 Rum" mehr als würdig; und ich denke der japanische Meisterregisseur würde das ganz ähnlich sehen.
bedenklich? 8 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten