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1988 - Die National Film Registry vs. den Verfall

03.06.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Matrix
© Warner Bros. Pictures
Matrix
Die US-amerikanische National Film Registry hat es sich zur Aufgabe gemacht, bedeutsame Filme und Zeitdokumente vor dem Verfall und dem Vergessen zu bewahren.

Es ist unheimlich schwer, einen Filmkanon zusammenzustellen. Filmhistorisch bedeutsame Werke wollen berücksichtigt werden, technische Innovationen und dramaturgische wie ästhetische Neuerungen. Aber auch gesellschaftlich und kulturhistorisch einflussreiche Streifen haben ihre Relevanz, genau wie Filme, die durch ihre medial erfolgreiche Strategie einen prominenten Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschen ergattern konnten.

Sich angesichts der Massen von herausragenden Filmen verschiedenster Epochen und Genres für Wenige zu entscheiden, erscheint beinahe unmöglich. Was aber möglich ist, ist das Sammeln, Aufbewahren und Erhalten von bedeutenden Filmen ohne irgendwelche letztlich subjektiven Ranglisten. Genau das hat sich das National Film Registry zur Aufgabe gemacht.

Die filmische Schatzkammer der USA
Etwa 25 Filme nimmt das National Film Registry jedes Jahr in seine Liste auf, um mehr Aufmerksamkeit auf ihre Bewahrung zu lenken. Das grundlegendste Kriterium für die Aufnahme der „kulturell, historisch oder ästhetisch signifikanten Filme“ ist wohl, dass die Streifen mindestens zehn Jahre alt sein müssen. So erklärt es sich auch, dass der bisher jüngste Film in der Liste Matrix von Andy Wachowski und Lana Wachowski ist, der erst 1999 gedreht wurde. Der älteste Film hingegen stammt aus dem Jahre 1891. Es ist der zehnsekündige Kurzfilm Newark Athlete von William K.L. Dickson, der einen Sportler beim Jonglieren mit indianischen Kegeln zeigt.

Als im Jahr nach der Gründung des National Film Registry die ersten Filme für die Liste ausgewählt werden sollten, musste natürlich alles seine Ordnung haben, um in der immensen Masse potentieller Kandidaten nicht den Überblick zu verlieren. Beinahe eintausend Werke nominierte die US-amerikanische Öffentlichkeit, die die Mitglieder des National Film Preservation Board zu Stimmzetteln mit je 25 Filmen komprimieren mussten. James H. Billington, der noch immer amtierende Direktor der Library of Congress und seine Mitarbeiter trafen schließlich die finale Auswahl.

Ein buntes Filmsammelsurium
600 US-amerikanische Streifen beinhaltet die National Film Registry mittlerweile, die meisten davon aus dem Jahre 1939, das viele noch immer gern als „das beste Jahr in der Geschichte Hollywoods“ handeln. Die Auffassung ist kein Wunder, stammen doch filmische Meilensteine wie Der Zauberer von Oz, Vom Winde verweht, Höllenfahrt nach Santa Fé oder Ninotschka aus dem Jahr der Goldenen Ära.

Die National Film Registry beinhaltet jedoch bei Weitem nicht nur perfekt illusorische Studio-Klassiker, sondern hat sich in den vergangenen Jahren vielmehr zu einem wilden Mix ausgewachsen. Stummfilme, experimentelle Arbeiten der Avantgarde, Dokumentationen und Kurz- und Independentfilme sind genauso enthalten wie Wochenschauen, Serien, Amateuraufnahmen, Fernsehfilme und Musikvideos. Da die Veröffentlichung im Kino kein Auswahlkriterium darstellt, hat sich die National Film Registry gewissermaßen zu einem Sammelbecken für die sogenannten Orphan Films entwickelt.

Gegen das Vergessen
Für die Kategorie der Orphan Films (verwaiste Filme) existieren zwei Definitionen: erstere umfasst alle Werke, bei denen die Rechteverhältnisse unklar sind oder das kommerzielle Potential fehlt, um den Erhalt der Kopien zu finanzieren. Die zweie Definition ist etwas weiter gefasst: darunter fallen sämtliche benachteiligte Filme, seien sie beschädigt, unveröffentlicht, zensiert oder längst vergessen.

Genau genommen verfügen aber die wenigsten Filme, gerade der älteren Jahrgänge, über die nötigen Mittel, um fachgerecht aufbewahrt oder sogar restauriert zu werden. Es braucht also Institutionen wie die National Film Registry, damit bedeutende Werke der Filmgeschichte und Zeitdokumente nicht vergessen werden oder gar verschwinden. In Deutschland ist es das Bundesarchiv, das die Verantwortung für den Erhalt der Filmproduktionen übernimmt.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1988 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
07. Juni 1988 – Michael Cera, der junge Vater aus Juno
24. August 1988 – Rupert Grint, der rothaarige Ron aus Harry Potter und der Feuerkelch
14. Dezember 1988 – Vanessa Hudgens, die schöne Gabriella aus High School Musical

Drei Filmleute, die gestorben sind
07. Januar 1988 – Trevor Howard, Major Calloway aus Der dritte Mann
05. September 1988 – Gert Fröbe, der Firmenbesitzer aus Die Dreigroschenoper
27. Dezember 1988 – Hal Ashby, Regisseur von Harold and Maude

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Der letzte Kaiser von Bernardo Bertolucci (Bester Film, Beste Regie)
Goldener Bär – Das rote Kornfeld von Yimou Zhang
Deutscher Filmpreis – Der Himmel über Berlin von Wim Wenders

Drei wichtige Ereignisse des deutschen Films
28. Januar 1988 – Kinostart von Geierwally von Walter Bockmayer
10. März 1988 – Ödipussi von Vicco von Bülow hat gleichzeitig Uraufführung in Ost- und Westberlin
26. November 1988 – Erstmalige Vergabe der Europäischen Filmpreise in Berlin

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
27. Februar 1988 – Pogrom in der aserbaidschanischen Stadt Sumqayıt an Armeniern
15. Mai 1988 – die UdSSR beginnt mit dem Rückzug aus Afghanistan
21. Dezember 1988 – eine Boeing 747 stürzt in Folge eines Terroranschlags über Lockerbie ab

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