Death Proof, der beste Film von Quentin Tarantino

Kurt Russell als Stuntman Mike in Death Proof
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Meint es gut mit den Menschen.

Im Mai 2007 feierte die heute geläufige Version von Death Proof Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Es war das zweite Mal, dass Quentin Tarantino auf die Goldene Palme hoffen durfte, und ein Novum insofern, als dort nur etwa 25 Minuten des rund zweistündigen Films tatsächlich uraufgeführt wurden. Seinen Großteil nämlich bekamen Kinogänger in den USA schon zwei Monate vorher zu sehen: Gemeinsam mit Planet Terror wollte Death Proof die Tradition der Double-Feature-Vorstellungen aus den Hochzeiten des Exploitation-Films aufleben lassen, als halbwegs stilechte Hommage einer längst vergangenen Distributions- und Aufführungspraxis. Kommerziell ging das Vorhaben gründlich daneben. Die in Anlehnung an entsprechende Kinos schlicht Grindhouse benannte Kollaboration mit Robert Rodriguez erwies sich als erstes und bislang einziges Verlustgeschäft in Tarantinos Karriere. Es folgte ein Versuch der Schadensbegrenzung. Die Segmente wurden entkoppelt, um ursprünglich entfernte Szenen ergänzt und schließlich international getrennt ausgewertet. Keinem der beiden Filme verhalf die Aufteilung zum Erfolg, machte aber überraschend unterschiedlich gelagerte Sympathien für das Herzensprojekt der sogenannten Kultregisseure deutlich.

Während das atmosphärisch an John Carpenter orientierte Zombie-Spektakel Planet Terror schon seines effektvollen Sujets wegen Anklang fand, schien der vergleichsweise gemächliche und mit spezielleren Referenzen gefertigte Death Proof selbst oder gerade Fans des eigentlich Narrenfreiheit genießenden Quentin Tarantino zu enttäuschen. Dem Filmemacher war es bis dato relativ nahtlos gelungen, sowohl Kenner seiner entliehenen Zeichenvorräte als auch ein dahingehend ungeschultes, breites Publikum abzuholen. Das mit Pulp Fiction zur Marke geronnene Prinzip filmhistorischer Wilderei, die quasi-archivarische Pflege eines persönlichen Genrekinokanons und freimütige Neuzusammensetzung der aus ihm geschlagenen Handlungsbausteine funktionierte auf widersinnige Art – Tarantinos rasche Popularität bei Zuschauern, die seine Vorliebe für Abseitiges weder teilen noch entschlüsseln konnten, vertrug sich gerade nicht mit dem geläufigen Verdikt vom reinen Zitatekino. Es gelang Filmen wie Jackie Brown und Kill Bill, aus Nischen- eine Form von Massenunterhaltung abzuleiten, die ihre Ursprünge betonte und trotzdem nicht zur Bedingung machte. Kino als Versöhnung von Marginalisiertem und Mainstream, gewissermaßen.

Death Proof, die überschaubare Geschichte eines psychopathischen Stuntman (gespielt von Kurt Russell), der erst Jagd auf junge Frauen macht und dann selbst von ihnen gejagt wird, ist eine solche Versöhnung nicht gelungen. Die Gründe dafür lassen sich beim Publikum suchen und bestimmt auch finden, Rüdiger Suchsland zum Beispiel schrieb von falschen Erwartungshaltungen der Tarantino-Stammkundschaft: "Es sollte nicht verwirren, wenn ein paar 12-Jährige jetzt enttäuscht sind, dass dies kein 12-Jährigen-Film ist, und man ihn auch nicht, wie Kill Bill oder damals Pulp Fiction, dafür halten kann". In der Tat erscheint Death Proof als sehr erwachsener Film, reifer jedenfalls als die gefälligen und manchmal auch gefallsüchtigen Tarantinos vor und nach ihm. Er hat wenig leichtfertig Cooles, kaum eingängige Punchlines oder genießbar gemachte Gewalt. Seine Figuren wirken auffällig ungeschliffen und profan, sie verhalten sich sogar, anders als die Profikiller, Mafiosi und Drogenbosse, mit denen Tarantino gern flirtet, annähernd wie echte Menschen. Das spricht noch nicht unbedingt für den Film, aber doch gegen manchen Einwand seiner Kritiker: Death Proof fällt auf erfrischende Weise durchs Raster, unter den Tarantino-Erfolgsplatten ist er eine Fehlpressung von übersehenem Wert.

Daraus ergeben sich anscheinend Irritationen, vielleicht auch im Zugriff auf Vorbilder, die Quentin Tarantino hier offensiver denn je bemüht. Seine Heldinnen plaudern über Straße der Gewalt und Auf dem Highway ist die Hölle los, fahren Autos aus Die Blechpiraten und Fluchtpunkt San Francisco. In allen Räumen hängen Poster (A Beautiful Place to Kill, Wer Gewalt sät, Das Wiegenlied vom Totschlag) und prangen Symbole (T-Shirts mit Anspielungen auf Russ Meyer), lenken markante Ausstattungsdetails den Blick auf sich (das Muscle-Car von Stuntman Mike als Referenz auf vier Rädern, voll gepackt mit Verweisen von Bullitt bis Convoy). Wer die eigenen Inspirationsquellen derart freilegt und ausstellt, ist weniger Kopist als vielmehr Kurator. Die namentliche Aufreihung von Lieblingsfilmen macht in Death Proof individuelle Prägungen als struktur- und identitätsstiftende Elemente kenntlich. Sie versteht sich auch als Empfehlungskatalog, der liebevoll zusammen- und ins Bild trägt, was einem Großteil des Publikums sonst verborgen bleiben würde. Bei Quentin Tarantino kann sowohl das verschachtelte Zitat als auch die bloße Erwähnung von Reiz sein. Doch einem Film, der in Ästhetik und Anmutung auf Kino von anno dazumal abgerichtet ist, steht Transparenz ziemlich gut.

So klar und offen wie der Umgang mit Einflüssen ist die ganze Form von Death Proof. Man könnte ihn den einzigen unverstellten Tarantino-Film nennen, einen skelettierten Körper, von dem alles unnötig Fleischliche abgeschält wurde – er ist nur noch Dialog und Bewegung, also reine Tarantino-Essenz. In gewisser Weise nimmt er sogar die Gestalt seines "todsicheren" Schlittens an, scheint ausgehöhlt und aufs Elementarste beschränkt, startklar gemacht zum großen Crash. Für sich allein stehend vermittelt der Film dabei einen viel souveräneren Eindruck, kommt ihm die nie geplante Abspaltung vom Grindhouse-Projekt merklich zugute. Erstens wirkt der überladene Planet Terror im direkten Vergleich wie infantiles Nerd-Kino, und zwar die Art, die Death Proof eben nicht reproduziert, sondern gezielt überschreibt. Zweitens ist Tarantinos Film selbst schon ein Double Feature mit deutlicher Zäsur. Die erste Hälfte endet abrupt, als Stuntman Mike eine Gruppe von Frauen in den Tod – und wie einst Psycho seine Janet Leigh – aus dem Film reißt, die zweite erzählt noch einmal das gleiche Ereignis mit umgekehrten Ausgang. Bei dieser Wiederholung, so amüsant, unverschämt und typisch sie auch für ihren Regisseur anmutet, geht es um mehr als nur einen Gag über repetitive Exploitation-Handlungen.

Quentin Tarantino inszeniert die vermeintlichen Hauptfiguren der ersten Hälfte als starke, aber dem klassischen Objektivierungsparadigma des Slasher-Kinos verpflichtete Frauen – fast übertrieben mädchenhaft scheinen ihre Gespräche, fatal nachsichtig die Auseinandersetzung mit dem zudringlichen Stuntman Mike. Solche im ersten Teil des Films bestätigten Klischees richtet das Remake im Remake brachial gegen sich selbst. Wenn die Gruppe der natürlich nicht zufällig als Schauspielerinnen und Stuntfrauen im Filmgeschäft tätigen Heldinnen den Spieß umdreht (großartig vor allem: Zoë Bell als Zoë Bell), nimmt Tarantino mit der Emanzipation seiner Figuren von Genrerollenmustern eine erstaunliche Korrektur am Lieblingskino vor. Kaum noch treten in der zweiten Hälfte dann jene künstlichen Verunreinigungen des Materials (Kratzer also und Klebestellen) hervor, die der trügerischen Nachahmung einen taktil-ästhetischen Grindhouse-Anstrich verpassen sollen. Das Spielerische und die Ernsthaftigkeit bedingen sich hier wie in keinem anderen Film von Quentin Tarantino. Dass auch er Death Proof für seine schwächste Arbeit hält, ist glücklicherweise vollkommen unerheblich. Manchmal verstehen gerade publikumshörige Filmemacher ihre eigenen Meisterwerke nicht.

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