Mr. Vincent Vegas Film-Ecke

Hauptsache Überlänge - Die Monotonie der Trailer

White House Down
© Sony Pictures
White House Down

Trailer sind entbehrlich, aber toll. Sie können einen tödlich nerven, aber sie gehören dazu. Und Trailer zu konzipieren, ist gewiss nicht einfach. Einen Film so zu verdichten, dass er auf wenige Ausschnitte und Eindrücke herunter gebrochen werden kann, ist ein dankbares Angebot im Kinodschungel. In Hollywood, wo der Trailer eine der wichtigsten Vermarktungssäulen bildet, können Filme mit ihren Vorankündigungen stehen und fallen. Lust machen soll der Trailer, klar. Als Verkaufsargument fungieren. Den Film mittels verlockender Teasing-Strategien im Miniformat bewerben, das Publikumsinteresse sukzessive an ihn binden. Bis zum Kinostart schließlich, wenn so viel Lust generiert wurde, dass der Film auch unbedingt gesehen werden will, gesehen werden muss. Und wenn dann, viel zu oft, viel zu bedauerlich, der Vermutung Gewissheit folgt, ihn als Trailer-Konsument, oder eher –Rezipient, eigentlich schon gesehen zu haben. Den Film im Wesentlichen schon zu kennen, ohne überhaupt ein Ticket gelöst zu haben. Weil der Trailer ihn nicht mehr nur ankündigt, anteast, anreißt, sondern ihn bereits umfänglich preisgibt. Einen vorzeitigen Ausverkauf der Höhepunkte betreibt.

Die Lust nach immer noch mehr Vorabeindrücken?
Ganze drei Minuten lang etwa protzen die Trailer zu Prometheus – Dunkle Zeichen, 2 Guns oder Riddick mit Plot Summaries und Money Shots. Sogar mehr als dreieinhalb Minuten Zeit wiederum nehmen sich die finalen und ganz regulär in den Kinos vorgeführten Trailer zu Fast & Furious 6 oder Elysium. Unverhältnismäßige viereinhalb Minuten Laufzeit offenbar benötigen die Extended-Trailer zu World War Z, Kick-Ass 2 und White House Down, um sämtliche Highlights im Vorfeld zu verbraten. Ein beinahe sechsminütiger Trailer zu Cloud Atlas – Alles ist verbunden sowie die nunmehr ebenfalls gängige Praxis, bis zu 10minütige Szenenabschnitte eines Films als Vorschau zu deklarieren, sind dann bereits gänzlich indiskutabel. Nicht nur die Länge aber, auch die Masse ist erschlagend: Auf die aktuelle Superman-Adaption Man of Steel wurde das Publikum erst mit zwei Teaser-Trailern neugierig gemacht, dann mit drei Trailern gesättigt und schließlich mit 8 Clips und 17 (!) verschiedenen TV-Spots für hirntot erklärt. Hinzu kommen noch exklusive Nokia- und Comic-Con-Trailer sowie der obligatorische dreiminütige Gesamt-Trailer, oft und gern natürlich mit neuem Bildmaterial, um die (gemutmaßte?) Lust nach immer noch mehr Vorabeindrücken auch stillen zu können. Damit gleich die Vor-Schau schon zur richtigen Schau gerinnt.

Das Eintauchen in die Trailer-Historie
Eine cinephile Misere auf hohem Niveau zwar, aber eine ja nichtsdestotrotz verzichtbare Entwicklung. Trailer sind mehrheitlich, ohne wenn und aber, viel zu lang. Nicht nur im Hollywood-Mainstream, sondern ganz generell. Sie zeigen viel und manchmal auch schon alles, und es gibt sie im Überfluss. Ihren eigentlich selbstverständlichen Balanceakt, narrative oder visuelle Highlights eines Films zu verkünden und trotzdem nicht vorschnell auszustellen, mögen die wenigsten noch meistern. In seiner langen Geschichte hat der Film-Trailer freilich die unterschiedlichsten Vorschaukonzepte bedient und nach jeweils zeitgemäßen Mustern gearbeitet, nicht selten dabei eigene, den Film unter Umständen überragende Kunstwerke geschaffen. Insbesondere Trailer, die sich so weit von ihrem eigentlichen Gegenstand entfernen (vom Film oder vielleicht sogar vom Medium selbst), lassen sich heute Dank archivierter (teils nur noch auf 35mm verfügbarer) Quellen genießen. Auch Videoplattformen wie YouTube ermöglichen das Eintauchen in die Trailer-Historie, von wunderbar melodramatischen Ankündigungen im klassischen Hollywood über sensationsheischende B-Movie-Vermarktung bis hin zu einschlägigen Genrekuriositäten der 70er-Jahre.

Die ewig gleichen Trailer-Klischees
Denkbar natürlich, dass auch unsere gegenwärtige Trailer-Kultur irgendwann einmal ähnlich nostalgisch, vergnüglich, kurios wird gefeiert werden können. Und trotzdem schwer zu glauben angesichts der öden, einfallsfreien, redundanten Struktur so vieler jetziger Trailer, angesichts ihrer Masse an schon im Vorfeld nacherzählten Inhalten, an Spoilern und vorweggenommenen Höhepunkten. Angesichts ewiger Schwarzblenden und bedeutungsschwangerer Stroboskopeffekte. Angesichts des unsäglichen Inception-Buttons, der sich nunmehr durch jeden zweiten Trailer (und Filmscore) dröhnt. Und aber auch angesichts der immer gleichen fünf, sechs Musikstücke, bei denen irgendwann einmal jemand entschieden haben muss, dass sie sich (zum Teil aufgrund ihrer generisch-dramatischen Komposition) für grundsätzlich alles anbieten: Bishop’s Countdown von James Horner, Lux Aeterna von Clint Mansell, Almost Martyrs von Alex Parker und Jake Parker, Fire in a Brooklyn Theater von Randy Edelman oder, natürlich, die Carmina Burana von Carl Orff. Musik zudem, die in Trailern dann stets für ganz besonders entscheidende Sätze kurz heruntergefahren und anschließend umso mehr aufgedreht werden muss.

Offizielle Kritik an Trailern
Maximal zweieinhalb Minuten Laufzeit dürfen US-Trailer in der Regel veranschlagen, so schreibt es die Motion Picture Association of America (MPAA) vor. Ein Standard, der der Nationalen Vereinigung der Kinobetreiber (NATO) aber, aus gutem Grund, unverhältnismäßig erscheint (und der ohnehin nachweislich recht großzügig interpretiert wird). Der Verband forderte deshalb im Mai nicht nur eine Trailer-Länge von höchstens zwei Minuten, sondern auch ein weiteres zeitliches Limit, nach der Trailer nicht früher als vier Monate vor Start eines Films im Kino zu sehen sein sollten. Zwar müssen sich die großen Studios nicht daran halten, sie fürchten aber, die Betreiber könnten einfach darauf verzichten, Trailer weiterhin bis zu einem Jahr vorab zu schalten. Nicht zuletzt häufen sich in den USA Zuschauerbeschwerden über Trailer, die zu viel von ihren Filmen preisgeben – und damit nicht mehr nur locken, sondern bereits umfänglich liefern. So lange die Monotonie der Trailer, die ihrerseits natürlich auch eine gewisse Monotonie des Kinos widerspiegelt, nicht durchbrochen ist, muss eben die Eigeninitiative ergriffen werden: Den Saal spät betreten, die Online-Trailer nach 60 Sekunden abbrechen oder ganz beherzt Augen und Ohren zuhalten. Manchmal kann das wirklich nicht schaden.


Als Mr. Vincent Vega schlawinert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft. Wenn er nicht gerade auf moviepilot seine Filmecke pflegt, bloggt Rajko unter anderem für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn “einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands”.

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