Markante Momente

1999 - Die besonderen Qualitäten der Sopranos

1999 - Die besonderen Qualitäten der Sopranos
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1999 - Die besonderen Qualitäten der Sopranos

„Woke up this morning…“ ertönen die schleppend bluesigen Klänge der Band Alabama 3 und ein untersetzter Mann mittleren Alters nimmt den Highway nach Hause, aus dem Moloch New York City heraus, geradewegs in die Vorstädte von New Jersey. Seine goldberingten Wurstfinger umfassen eine dicke Zigarre, Wahrzeichen des Big Apple rauschen am Fenster vorbei, gefolgt von den etwas abgerissenen Fabrikgebäuden des Umlandes. Als dieser markante Vorspann 1999 das erste Mal über die Bildschirme tausender US-Haushalte flackerte, war ein neues Zeitalter der Fernsehserien geboren.

Ein Mafioso mit außergewöhnlichen Qualitäten
Die Idee war Showrunner David Chase schon während der frühen Neunziger gekommen, zuerst noch als Grundlage für einen Spielfilm. Ein Mafiaboss in Psychotherapie schwebte dem Autor und Produzenten vor, der aus dem Kern der Geschichte schließlich das Konzept der Serie Die Sopranos entwickelte. Sie zeigte einen Mobster der ungewöhnlichsten Sorte: einen Bademantel tragenden, unter seiner dominanten Mutter leidenden Entenliebhaber, scheinbar treusorgenden Ehemann und Vater zweier pubertierender All-American Teenager, der statt seines Scheinjobs in der Müllentsorgungsbranche eben Leute umbrachte.

Nach einer Ablehnung durch den Sender Fox fand David Chase schließlich sein Zuhause bei dem US-amerikanischen Bezahlsender HBO, der das Risiko auf sich nahm, diese ungewöhnliche Produktion zu finanzieren. Eine Entscheidung, die sich schon bald als goldrichtig erweisen sollte. Die letztlich sechs Staffeln räumten Preise ab, begeisterten zunehmend Publikum und Kritiker, brillierten mit hohen DVD-Verkaufszahlen und begründeten nebenbei den Weltruhm von HBO sowie die Ära des sogenannten Quality-TV.

Die Errettung des TV aus der Banalität
Mit der Kategorie des Quality-TV hatte Robert J. Thompson 1998 eine Fernsehkategorie erdacht, die gut gemachte Serien zu den Gesellschaftsromanen unserer Zeit erhob. Quality-TV sollte mit Underground-Attitüde gegen schlechte Einschaltquoten und den Widerstand der Sender kämpfen, einen autorenzentriert künstlerischen und literarischen Schreibstil aufweisen, kontroverse Themen behandeln, und im Gegensatz zur gedächtnislosen Struktur der Sitcoms und Familienserien komplexe Story-Arcs kultivieren, die sich erst im Lauf der Serie entfalten.

Heute sind die insgesamt 12 Merkmale des Quality-TV sicher zu hinterfragen. Vorerst trafen sie auf Die Sopranos jedoch genau zu, und zementierten somit den Status der Serie, ohne die als Wegbereiter ähnlich vielschichtige Produktionen wie Lost, Mad Men oder Breaking Bad noch immer kaum auszudenken sind.

Psyche und Moral
Was die Serie zum einen so besonders machte, war sicher ihre Hauptfigur Tony Soprano, grandios verkörpert von James Gandolfini. Nicht umsonst wohnt die Figur im spießig verschrienen Umland der Metropole NYC, die uns als Heimat zum Beispiel der Gangstergrößen von Martin Scorsese bekannt ist. Schließlich unterscheidet sich ja auch sein Seelenleben gravierend von dem der eiskalten Gangsterbosse aus GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia oder auch Der Pate.

Was Tony vor seinen Kollegen verheimlicht, offenbart sich dem Zuschauer: die Therapiesitzungen bei Psychologin Dr. Melfi. Sie nimmt eine der interessantesten Rollen der Serie ein, befindet sie sich doch schließlich in einer ähnlichen Situation wie das Publikum. Natürlich kann sie das kriminelle Treiben und die oft zur Schau gestellte Brutalität des Mafiosi nicht gutheißen – trotzdem fiebert sie den wöchentlichen Sitzungen entgegen wie der Zuschauer der wöchentlichen Ausstrahlung. Stunden, in denen sie Tonys Schilderungen wieder einmal mitnehmen in die aufregende Unterwelt New Jerseys.

Ein postmodernes Serienepos
Aber Die Sopranos bieten nicht nur Stoff für den psychologisch Interessierten, sondern auch für eingefleischte Fans des Gangstergenres. Allein die Parallelen zu GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia sind vielfältig. Lorraine Bracco, die einstige Gangsterbraut Karen, spielt nun die Therapeutin, und in einer unvergleichlich irrwitzigen Szene rächt sich Michael Imperioli (Christopher) für die Schmach seiner einstigen Rolle in Scorseses Mafia-Epos, indem er einem aufmüpfigen Pizzaverkäufer aus gewissermaßen pädagogischen Gründen in den Fuß schießt.

Heute sind es eher Die Sopranos, die in anderen Produktionen zitiert werden. Nicht zu vergessen, der anhaltende Hype der Fans. Sie spekulieren online engagiert über noch so kleine Details. So würde angeblich das Auftauchen von Eiern in der Serie jedes Mal einen Mord ankündigen, und selbst über die Positionen der Uhrzeiger in Bildhintergründen existieren wilde Theorien. Gegen akute Überhitzung der unentwegt interpretierenden Gehirngänge empfehle ich: Einschalten! „Woke up this Morning, got yourself a gun…“

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1999 bewegte:

Drei Filmleute, die ihr Debut feierten
James Franco in Ungeküsst von Raja Gosnell
Ashton Kutcher in Coming Soon von Colette Burson
Kristen Stewart in Das dreizehnte Jahr von Duwayne Dunham

Drei Filmleute, die gestorben sind
18. Januar 1999 – Günter Strack, Professor Manfred aus Der zerrissene Vorhang
07. März 1999 – Stanley Kubrick, legendärer Regisseur von 2001: Odyssee im Weltraum
14. September 1999 – Charles Crichton, Regisseur von Ein Fisch namens Wanda

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscar – Shakespeare in Love von John Madden (Bester Film, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin)
Goldener Bär – Der schmale Grat von Terrence Malick
Golden Globe – Der Soldat James Ryan von Steven Spielberg

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung von George Lucas
The Sixth Sense von M. Night Shyamalan
Toy Story 2 von John Lasseter

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
24. März bis 10. Juni 1999 – Luftangriffe der Nato auf Serbien
20. April 1999 – Amoklauf an der Columbine High School in Littleton
Die CDU-Spendenaffäre sorgt in den Medien für Schlagzeilen

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